Wir brauchen unsere Hebammen!

Mama Heike ist entsetzt, dass wir Frauen bald nicht mehr die Wahl haben, wie und wo wir unsere Kinder auf die Welt bringen. Und warum das Noch-Nicht-Mütter gar nicht auf dem Schirm haben. #insidemom


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Die Geburt des ersten Kindes: ein Grauen


Die Geburt meines ersten Kindes war unschön.
Um neun morgens leichte Wehen, um neun abends ins Krankenhaus, um knapp 15 Uhr am nächsten Tag kam Marlene per Kaiserschnitt auf die Welt. Dazwischen? Eine unmotivierte Hebamme (ich war nicht die einzige, die in dieser Nacht dort entbunden hat), ein Muttermund der nicht aufging, trotz der vielen, vielen Stunden Wehen plus Globuli plus Fruchtblase-manuell-öffnen, etc., weil – wie sich am Ende herausstellte – das Kind mit dem Kopf nicht richtig im Becken saß. Es hat einfach der Druck von oben gefehlt. Das hätte man in 18 Stunden mal ertasten können. Hat aber niemand. Egal. Marlene war gesund – nur hatte ich nicht erlebt, wie es ist, natürlich zu gebären. Trotz meiner großen Anstrengungen.
Die zweite Geburt? Die war so schön, dass ich heute noch davon schwärme.
Aber die fand nicht im Krankenhaus statt, darauf hatte ich keine Lust. Lange Zeit wusste ich nicht wohin, kannte keine Alternative. "Geh ins Geburtshaus wie ich", sagte da meine Freundin Adrianna. Geburtshaus? Nie gehört! Wikipedia sagt: "Ziel eines Geburtshauses ist es, Schwangere und Paare während Schwangerschaft, Geburt und der ersten Zeit mit dem Säugling persönlich zu begleiten. Es grenzt sich damit bewusst von Kliniken ab und will Frauen dabei unterstützen, bewusst, selbstbestimmt und seelisch und geistig gesund mit ihrer Schwangerschaft, der Geburt und ihrem Neugeborenen umzugehen."

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Hui, das klang gut, fand ich. Und rief im einzigen Münchner Geburtshaus an (es gibt leider nur etwa 116 deutschlandweit, Zahl sinkend). Ab da hatte ich eine Hebamme für mich ganz allein: Theres. Die war für mich da – auch schon bei der Vorsorge: Mein Frauenarzt, der nie ohne Ultraschall-Gerät meinen Bauch berührte, meinte, ich müsse das Kind "bald vom Acker kriegen", es sei schon so groß. Theres, die mit ihren Händen stets Kontakt mit Romy aufnahm, meinte nur, ihr seien große Kinder lieber, die hätten mehr Kraft für die Geburt. Als Romy zehn Tage drüber war, sprach der Arzt von Einleitung. Theres checkte Herztöne und Fruchtwasser und gab mir einen Rizinus-Cocktail zu trinken. "Die Kinder bestimmen, wann es losgeht. Wenn der Drink wirkt, ist gut, wenn nicht, dann ist die Kleine noch nicht so weit". Romy war soweit. Cocktail um acht Uhr morgens, regelmäßige Wehen um 14 Uhr, Theres bei mir Zuhause um 16 Uhr: Muttermund zwei Zentimeter offen. "Ich bereite alles vor, komm einfach, wenn Du Dich danach fühlst." Wie schön, dass ich mich auf mich selbst verlassen durfte!

Ich veratmete entspannt mit meinem Mann auf der Couch Zuhause, um 19 Uhr wollte ich ins Geburtshaus, der Muttermund war da bereits sieben Zentimeter offen, Romy kam um 22 Uhr. 3.800 g Glück, zur Welt gebracht mit meiner Hebamme, meinem Mann und mir. Im sanften Licht von Kerzen und einer kleinen Lampe, ohne Gepiepe und Geräte, dafür mit Theres, die mich und Romy immer wieder abhörte, meinen Bauch mit Öl einrieb, mir die richtigen Positionen vorschlug – und mit diesem Gefühl absolut sicher und gut aufgehoben zu sein. 
"Zweite Geburt halt! Easy" sagen jetzt erfahrene Mütter.
Ich sage: Mag sein. Aber das kann mir kein Krankenhaus geben, diese Atmosphäre und Theres, die nur für mich in diesem Moment da war. Überhaupt: Wie wunderbar ist es, dass die Hebamme, die ich während der Vorsorge schon kennen gelernt habe, auch bei meiner Geburt da ist – egal zu welchem Zeitpunkt? Im Krankenhaus muss ich diejenige nehmen, die gerade Schicht hat, ob ich ihr vertraue oder nicht.


„Von etwa 23.000 Hebammen in Deutschland arbeiten 70 bis 80 Prozent freiberuflich, aber nur 2.513 in der Geburtshilfe... Statt Kinder auf die Welt zu bringen, bieten sie Vorbereitungskurse und Akupunktur – ihr Wissen über die Geburt geht verloren....”

von Heike

"Was macht ihr, wenn was ist?", fragten meine Eltern und auch mein Mann vor der Geburt. Theres stand an dem Abend stets mit Kliniken in Kontakt, wohin ich im Fall der Fälle gebracht hätte werden können. Aber ich weiß: Sie hätte es schon vorher gespürt, wenn sie etwas nicht hätte handeln können. Und dabei bin ich gar nicht so.

Dazu fällt mir ein, im Geburtsbericht steht: "Sehr lange Presswehen-Phase." Theres hat mir während der Geburt nichts davon erzählt, sonst hätte ich nicht mehr so gepresst, wie ich es tat und wie es richtig war – aber die Phase dauerte so lange, weil Romy die Nabelschnur um den Hals hatte. Und wenn ich nicht presste, rutschte sie wieder ein paar Zentimeter zurück. "Romy hat währenddessen Luft ge- und sich erholt", meinte Theres. "Die Herztöne waren immer okay. Im Krankenhaus hätten sie wahrscheinlich Wehentropfen gegeben um die Phase zu beschleunigen. Romy hätte keine Luft mehr holen können und vielleicht unter Sauerstoff-Mangel gelitten." Ich glaube meiner Hebamme. Warum? 
Weil Hebammen einfach das Wissen zur Geburt haben, die jahrelange Erfahrung.
Und das nicht nur in Sachen Geburt, auch in der Begleitung der Schwangeren. Eine Auswertung von 13 Studien von 1989 bis 2011 mit 16.242 Schwangeren hat gezeigt, dass Frauen, die kontinuierlich von Hebammen begleitet werden, ihre Kinder häufiger auf natürlichem Weg zur Welt bringen, seltener eine Frühgeburt und weniger Zangen- oder Saugglockengeburten haben, seltener eine örtliche Betäubung bekommen. Und in Bezug auf den Ort der Geburt, zeigte eine Untersuchung des Verbands der Gesetzlichen Krankenkassen und Hebammenverbände, die 90.000 unkomplizierte Geburten in Deutschland zwischen 2005 und 2009 in Geburtshaus, Zuhause und Krankenhaus analysierte: Während der Entbindung in heimeliger Atmosphäre bewegten sich die Gebärenden freier und nutzten deutlich häufiger als in der Klinik Positionen wie die Hocke oder die Wassergeburt. Der Damm blieb in mehr als 40 Prozent der Fälle unverletzt (zehn Prozent mehr als in Kliniken). 

Hebammen bringen unsere Kinder zur Welt. Sie sind es, die uns durch Schwangerschaft und Geburt begleiten. Aber ihr Beruf wird schlecht bezahlt und die Prämien der Berufshaftpflicht für freiberufliche Hebammen sind ins Unermessliche gestiegen (7.600 Euro!). Konsequenz: Von etwa 23.000 Hebammen in Deutschland arbeiten 70 bis 80 Prozent freiberuflich, aber nur 2.513 in der Geburtshilfe (Stand: 2016)! Statt Kinder auf die Welt zu bringen, bieten sie Vorbereitungskurse und Akupunktur – ihr Wissen über die Geburt geht verloren. Und festangestellte Hebammen im Krankenhaus? Arbeiten in ständiger Unterbesetzung. Wahrscheinlich war meine Nachthebamme bei Marlenes Geburt auch einfach nur total durch. Ach ja: die Kaiserschnitte in Kliniken nehmen seit Jahren stetig zu.
Hebammen können ihren Beruf zu den jetzigen Bedingungen kaum mehr ausüben.
Geburtshäuser müssen deshalb schließen. Wieso passiert da nichts? Wieso werden zum Beispiel 98 Prozent aller 714.966 Kinder 2014 im Krankenhaus geboren, nur 1,48 Prozent außerklinisch!? Vielleicht wissen zu wenige Frauen, dass es Geburtshäuser gibt? Oder vielleicht denken sie, dass mit medizinischer Versorgung einfach alles sicherer ist – obwohl obenstehende Studien andere Ergebnisse zeigen.

Versteht mich nicht falsch: Alle sollen ihr Kind dort bekommen, wo sie ein gutes Gefühl haben und sich sicher fühlen. Aber um das bestimmen zu können, muss man alle Optionen kennen.


Bald jedoch haben wir nur noch eine Möglichkeit zu gebären: im Krankenhaus. Und wenn es ganz mies läuft: Irgendwann vielleicht ohne Hebammen? Dann möchte ich sehen, wie der Oberarzt eine Nachtschicht im Kreißsaal hinkriegt – oder steigen dann die Kaiserschnitt-Zahlen ins Unermessliche? Bitte nicht!

Unterstützen Sie für die nächsten Generationen an Mamis und Ungeborenen Hebammen und Geburtshäuser. Spread the word: Es gibt noch mehr Optionen als das Krankenhaus. Lasst den Frauen die Wahl!

Unterstützen Sie z.B. unter change.org verschiedene Petitionen Stichwort "Hebammen" oder unter www.unsere-hebammen.de den deutschen Hebammen-Verband, das www.netzwerk-geburtshaeuser.de oder die Initiative www.mother-hood.de. Danke! ♥

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Heike Steiner


© privat
Hier schreibt: Heike
 
Ich bin Heike, 78-er-Jahrgang, habe zwei Töchter (2 und 5) und lebe mit ihnen und meinem Mann in München. Ich bin leitende Redakteurin in Teilzeit bei der Frauenzeitschrift JOLIE fürs Ressort Text / Aktuelles. Ich freue mich, wenn ich durch meine Augen als Journalistin andere unterhalten, ihnen etwas Neues, Anderes näher bringen kann.

Für Neues und Anderes steht auch #insidemom – und ich freue mich, dass ich Teil davon sein darf.

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