Unfruchtbarkeit: Experteninterview
Dr. Tewes Wischmann, Leiter der Heidelberger Kinderwunsch-Sprechstunde, über die Probleme werdender Eltern
Wie viel Einfluss hat die Psyche darauf, ob eine Frau schwanger wird oder nicht?
Dr. Tewes Wischmann: Wissenschaftlich gesehen? Wenig, wie alle seriösen Studien zeigen.
Aber es heißt doch, man müsse sich nur entspannen! Wir alle kennen Fälle, wo Frauen sofort schwanger wurden, nachdem sie mit dem Thema abgeschlossen hatten.
Es sind immer die gleichen Fälle, von denen da erzählt wird. Von den Frauen, bei denen so etwas nicht passiert - und das ist Mehrzahl -, spricht niemand. Wir erfinden gern Kausalitäten, weil wir uns wohler fühlen, wenn wir denken, wir wissen, warum etwas passiert. Diese Geschichten sind ein Versuch, etwas Unkontrollierbares in den Griff zu bekommen. Sie setzen die betroffenen Paare aber nur mehr unter Druck.
Inwiefern?
Während Entspannung eigentlich helfen könnte, mit der Situation umzugehen, suggerieren diese Geschichten den Paaren, dass es bei ihnen nur nicht klappt, weil sie zu verkrampft sind. Sie sind also, denken sie, selbst schuld, dass sie kinderlos bleiben. Frauen, die eine Kinderwunschbehandlung mitgemacht haben, bezeichnen diese Zeit als die schlimmste ihres Lebens. Das soll man nicht bagatellisieren. Es ist eine existenzielle Krise, die diese Frauen durchstehen müssen; sie befinden sich auf einer emotionalen Achterbahn.
Ist es für die Männer ähnlich?
Bei den meisten Paaren ist der Kinderwunsch der Frauen stärker, aber diese Prozedur lässt Männer keineswegs kalt. Viele denken aber, dass sie das nicht zeigen sollten, um es ihrer Frau nicht noch schwerer zu machen. Das ist ein Trugschluss.
Welche Auswirkungen hat es auf Paare, wenn es nicht klappt mit einem Kind?
Viele Paare schweißt diese Erfahrung zusammen. Jeder muss sich allein von seinem Traum verabschieden und dann mit dem anderen nach Alternativen suchen. Je schneller dies gelingt, desto besser. Deshalb sage ich Paaren gleich am Anfang der Behandlung, dass sie sich einen Plan B überlegen sollten, also, was passiert, wenn es nicht funktioniert. Obwohl viele das nicht so gern hören.
Sollte eine psychologische Beratung bei einer Kinderwunschbehandlung Pflicht sein?
Nein. Aber sie sollte direkt in den Fruchtbarkeitspraxen angeboten werden, so dass Paare unkompliziert Unterstützung finden können, wenn sie es möchten.

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