Fruchtbarkeitsbehandlungen: Chancen und Risiken
Eine Fruchtbarkeitsbehandlung bedeutet eine seelische Achterbahnfahrt. Aber darüber hinaus sind auch die Verfahren selbst umstritten. Ein Teil der Behandlungsmethoden greift stark in den weiblichen Körper ein. Die Wahrscheinlichkeit von Mehrlingsschwangerschaften steigt durch die langwierigen Hormonbehandlungen deutlich an. 2005 kamen bei 22 Prozent der Geburten Mehrlinge auf die Welt.
„Es ist und bleibt jedoch ein schwieriges Dilemma, ein sicheres Gleichgewicht zwischen der Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft auf der einen Seite und dem Risiko auf eine Mehrlingsschwangerschaft auf der anderen Seite zu finden“, schreibt das Pharmaunternehmen Organon auf seiner Internetseite kinderwunsch.de
Und anders als in den Vereinigten Staaten und einigen europäischen Ländern ist in Deutschland vieles nicht erlaubt, was in der Fortpflanzungsmedizin machbar ist.
Nach dem Embryonenschutzgesetz von 1991, das besonders für die Betroffenen zum Teil schwer nachvollziehbar ist, darf der Arzt zum Beispiel die befruchteten Eizellen im Reagenzglas nicht auf Anomalien untersuchen. Eigentlich absurd in einem Land, in dem das bei Feten im Mutterleib mit der pränatalen Diagnostik selbstverständlich gemacht wird.
In Deutschland ist es dem Arzt auch nicht gestattet, einige Tage zu warten und zu sehen, aus welchem Zellhaufen ein Kind entstehen könnte und aus welchem eher nicht. Er muss diese Entscheidung treffen, sobald unter dem Mikroskop die Verschmelzung von Eizelle und Samen erkennbar ist. Diese Regelung hat zur Folge, dass im Ausland Fortpflanzungsmediziner häufig bessere Schwangerschaftsraten haben als ihre deutschen Kollegen. Immer mehr Paare suchen deshalb Kliniken im europäischen Ausland auf.
Fruchtbarkeitsbehandlungen haben geringe Erfolgsquote
Die zum Teil jahrelangen Prozeduren führen manchen an seine Grenzen: durchschnittlich 100 Spritzen, dutzende Blutabnahmen und mehrfache Narkosen.
„Jemand, der es selbst nicht erlebt hat, kann sich den Stress nicht vorstellen“, sagt Martina. „Die Hormonspritzen, die Anspannung, das Hoffen und Bangen und die Enttäuschung, wenn es doch nicht geklappt hat.“ Die Paare müssen sich mit merkwürdigen Abkürzungen wie IVF oder ICSI auseinandersetzen und mit fremden Personen über Spermaqualität und Kopulationsfrequenz diskutieren.
Schwangerschaft und Sexualität sind voneinander abgekoppelt, eine schwierige Situation. Und wer kann erahnen, in welch ein schwarzes Loch man fällt, wenn auch der letzte Versuch nicht zu einer Schwangerschaft geführt hat?
Die Erfolgsquote, die sogenannte Baby-Take-Home-Rate, wie Reproduktionsmediziner es nennen, ist weit geringer, als die meisten denken: Sie liegt in Deutschland pro IVF-Versuch und auch bei allen anderen Methoden bei etwa 20 bis 30 Prozent. Einige Experten schätzen sogar, noch geringer. Deshalb ist es auch so wichtig, sich vorher klarzumachen, dass es eben keinen automatisierten Ablauf gibt: unerfüllter Kinderwunsch, Behandlung, Schwangerschaft.
Mithilfe der Hightech-Medizin ist zwar einiges machbar, doch nicht alles. Und nicht alles, was machbar ist, muss individuell richtig sein.
Die Reproduktionsmedizin ist ein Segen für diejenigen, die damit relativ „problemlos“ schwanger werden konnten. „Ich bin zutiefst dankbar, dass es für uns diese Möglichkeit gab“, sagt auch Martina. „Sonst hätte ich meinen Sohn heute nicht.“ Aber für diejenigen, die sich vielleicht über Jahre den kostspieligen und unter Umständen zermürbenden Behandlungen unterzogen und trotzdem kein Kind bekommen haben, bleibt sie eine schwierige Angelegenheit.

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