
Schwanger werden stellt sich für immer mehr Paare als Herausforderung dar. Was Sie tun können, wenn es nicht klappen will.
„Man kann schon fast von einer Volkskrankheit sprechen“, meint der Essener Reproduktionsmediziner Prof. Thomas Katzorke. Schwanger werden scheint nicht mehr so leicht wie früher zu sein. Nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie ist der Kinderwunsch hierzulande bei rund 1,5 Millionen Paaren vergeblich. Als Hauptursache vermuten die Experten die immer spätere Elternschaft. Viele wollen beruflich erst fest im Sattel sitzen, bevor sie in das Abenteuer Familie starten – oder sie finden erst spät den richtigen Partner. Mehr als zehn Prozent der neugeborenen Kinder haben heute eine Mutter, die älter als 35 ist, schwanger werden Frauen heute im Schnitt mit 28 Jahren. „Vielen Paaren ist gar nicht bewusst, dass die Fruchtbarkeit schon ab 30 deutlich nachlässt“, sagt Katzorke. Tatsächlich ist aber der Vorrat an Eizellen mit Mitte 40 nahezu erschöpft. Ebenso lässt die Spermaqualität über die Jahre nach.
„Wenn eine Frau trotz Kinderwunsch Leistungssport betreibt oder beide Partner exzessiv rauchen oder trinken, kann man vermuten, dass dieses kontraproduktive Verhalten psychische Ursachen hat“, erklärt der Psychologe Dr. Tewes Wischmann von der Uni Heidelberg. Ein Irrtum hingegen ist die landläufige Annahme, dass Frauen nicht schwanger werden, weil ein Paar sich zu sehr ein Kind wünscht oder sich unter Druck setzt. „Deswegen sollte sich niemand zusätzlich Sorgen machen. In über 90 Prozent der Fälle hat ungewollte Kinderlosigkeit hormonelle oder anatomische Ursachen“, sagt Wischmann.
Früher dachte man so, heute weiß man, dass nur in etwa 25 Prozent der Fälle die Störung ausschließlich bei der Frau liegt, bei etwa 30 Prozent nur beim Mann und in 40 Prozent bei beiden, dass es mit dem Schanger werden nicht klappt. In etwa fünf Prozent der Fälle lässt sich nicht klären, woran es liegt. Die Reproduktionsmedizin bietet verschiedene Verfahren, die Paare doch noch zu glücklichen Eltern machen können. Aber diese Methoden, besonders IVF und ISCI, fordern dem weiblichen Körper einiges ab: Hormonstimulation, Eientnahme und Embryotransfer. Zudem kommt es bei künstlichen Befruchtungen häufiger zu Mehrlingsgeburten.
„Für die Seele ist die bange Wartezeit, ob es geklappt hat, am schwersten zu bewältigen“, weiß der Psychologe Wischmann aus vielen Beratungen. Bevor man eine Behandlung beginnt, sollte man sich bewusst machen: Eine Garantie fürs Schwanger werden gibt es nicht. „Ich rate Paaren, dass sie von Anfang an einen Plan B entwickeln. Wenn sie doch glückliche Eltern werden, bleibt er eben in der Schublade“, sagt Wischmann.

Wenn alle Freundinnen schwanger werden und beim Kollegen schon das zweite Kind unterwegs ist, kann einem das an die Nieren gehen: Warum werde ich nicht schwanger? Stimmt bei uns etwas nicht? Als grobe Faustregel gilt: Ist eine Frau nach ein bis zwei Jahren trotz regelmäßigen Geschlechtsverkehrs nicht schwanger geworden, kann eine Fruchtbarkeitsbehandlung sinnvoll sein. Je älter Sie sind, desto eher sollten Sie sich beim Frauenarzt beraten lassen, der entweder selbst behandelt oder einen Fachmann für Reproduktionsmedizin empfehlen kann. Männer suchen für den ersten Check einen Urologen oder einen Facharzt für Männerheilkunde auf. In vielen der rund 120 reproduktionsmedinischen Zentren finden zudem Informationsveranstaltungen statt (Infos beim Bundesverband der Reproduktionsmedizinischen Zentren Deutschlands e.V., www.repromed.de).
Wenn Sie einen Experten gefunden haben, versucht dieser im Erstgespräch die individuelle Ursache für die Kinderlosigkeit herauszufinden. Er beobachtet den Zyklus, stellt den Hormonstatus fest, überprüft die Durchlässigkeit der Eileiter und ultraschallt die inneren Geschlechtsorgane. Es wird ein Spermiogramm angefertigt. Im Gespräch fragt der Arzt nach Vorerkrankungen, nach bisherigen Schwangerschaften, bereits durchgeführten Behandlungen, aber auch nach Ihrer Sexualität. Solche Gespräche berühren sehr intime Bereiche, und es fällt nicht jedem leicht, darüber zu sprechen. Auch Scham und Trauer, dass es auf natürlichem Wege mit einem Kind nicht klappt, sind normal und verständlich. Psychologen und Beratungsstellen, etwa Pro Familia, bieten Unterstützung und Rat.
Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen 50 Prozent der Fruchtbarkeitsbehandlung, allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen: Das Paar muss verheiratet sein, Frau und Mann dürfen nicht jünger als 25, die Frau nicht älter als 40 und der Mann nicht älter als 50 sein. Und die Behandlung muss medizinisch sinnvoll sein und aussichtsreich erscheinen. Vor Beginn der Behandlung muss ein genehmigter Behandlungsplan mit Kostenschätzung eingereicht werden, zudem müssen beide Partner einen HIV-Test machen. Bei der Frau muss Rötelschutz vorhanden sein sowie ein Test auf Hepatitis B vorliegen. Paare müssen pro Behandlungszyklus mit Kosten zwischen 2000 und 4000 Euro rechnen. Tipp: Es kann sinnvoll sein, die Preise der Kinderwunschpraxen ebenso wie die der Medikamente zu vergleichen. Es gibt durchaus Unterschiede. Welche reproduktionsmedizinische Maßnahme am Ende sinnvoll ist, hängt von der Art der Fruchtbarkeitsstörung ab. Aber auch davon, welche körperlichen, finanziellen und seelischen Belastungen Sie für die Chance auf ein Baby bereit sind, in Kauf zu nehmen.

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