Plazenta essen - gefährlicher Trend?

Eine Mutter lässt aus ihrer Plazenta Tabletten herstellen und bringt damit ihr Neugeborenes in Lebensgefahr. Wissenschaftler schlagen Alarm: So gefährlich ist der Trend „Plazenta essen“ wirklich.


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Blutvergiftung durch Placenta-Pillen


Die Gefahren eines Trends: Eine Mutter bringt ihr Neugeborenes in Lebensgefahr, obwohl sie sich und dem Baby eigentlich nur etwas Gutes tun wollte. Laut einer Meldung der US-Gesundheitsbehörde ließ sich eine Mutter aus dem US-Bundesstaat Oregon nach der Geburt ihre Plazenta aushändigen und zu Pillen verarbeiten. Pillen, die ihrem frischgeborenen Baby fast das Leben kosteten. Denn dieses erkrankte an einer bakteriellen Blutvergiftung mit B-Streptokokken und musste mit Antibiotika behandelt werden.

Und das gleich zweimal, denn erst beim zweiten Krankenhausaufenthalt kamen die Ärzte der Ursache der Erkrankung auf die Spur: Die Placenta-Pillen, die die Mutter dreimal täglich genommen hatte, waren mit Streptokokken verunreinigt. Beim Stillen hatte sich das Neugeborene dann über die Haut der Mutter mit den Erregern angesteckt und ist so inLebensgefahr geraten. Sicher, dieser Vorfall ist (noch) ein Einzelfall, doch wie gefährlich ist der Trend, die eigene Plazenta zu essen, wirklich?

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Plazentophagie

Plazenta essen: Kapsel mit Plazentagewebe

Keine Rohkost: Plazentagewebe als Kapsel


© The Washington Post via Gettyimages
500 Gramm wiegt die Plazenta nach der Geburt. Sie ist 15 bis 20 Zentimeter groß, schwammig in der Konsistenz und blutig. Und sie schmeckt nach Eisen, nach sehr blutigem Steak – das konnten wir zumindest in verschiedenen Plazentophagie- Foren nachlesen. Plazentophagie nennt man es, wenn Mütter ihre eigene Plazenta essen. Ihr absolutes Universal-Argument: „Andere Säugetiere wie Hunde und Katzen essen ihre Plazenta doch auch und das ist von der Natur so gewollt.“
Mythos oder Wundermittel?
Wie viele Frauen darüber nachdenken, das ließ auch die Psychiaterin Crystal Clark hellhörig werden. Sie arbeitet an der Northwestern University in Chicago und wurde immer wieder von ihren Patientinnen darauf angesprochen, ob es ok wäre, die Plazenta nach der Geburt zu essen. In ihrer Forschung hat sich Clark auf Schwangerschafts- und Wochenbettdepression spezialisiert. Ihre Patientinnen berichteten ihr davon, im Internet gelesen zu haben, dass der Verzehr der Plazenta auch vor Depressionen schützen könne.

Nur ein Punkt auf der langen Liste der Vorteile, die wir in den Plazentophagie- Foren finden konnten. Demnach würde auch die Milchproduktion angeregt, das Immunsystem gestärkt und die Mutter-Kind-Bindung verbessert. Sogar das Abnehmen nach der Schwangerschaft würde schneller gehen. Klingt vielversprechend. Ist die Plazenta also ein echtes Wundermittel?

Nun, Wissenschaftler glauben in der Regel nicht an „Wunder“. Und deswegen hat auch Clark begonnen, sich durch medizinische Datenbanken zu wühlen und das Thema aus wissenschaftlicher Sicht anzugehen. Ihre Ergebnisse veröffentlichte sie im Fachblatt Archives of Women's Mental Health, das Fazit lautet: „Es gibt keine Studien, die den Nutzen für den Menschen belegen."
Risiken sind ebenfalls unterforscht

Aber schaden kann es auch nicht, oder!? Schließlich haben viele Mütter so positiv darüber berichtet - allen voran Promi-Mamas. Reality-Soap-Star Kourtney Kardashian oder Schauspielerin Gaby Hoffmann (US-Serie Girls) rühren ordentlich die Werbetrommeln für Plazenta-Kapseln und Plazenta-Smoothies. Auch bei uns in Deutschland gibt es Plazenta-Fans. So haben Model Monica Ivanca und Moderatorin Charlotte Würdig erst jüngst ganz begesitert über ihre Plazentavorträte in Globoli-Form erzählt.




„Plazenta, Plazenta, Plazenta! Ihr müsst das essen, das tut gut ...”

von Gaby Hoffmann

Aber Clark und ihre Kolleginnen warnen davor. Die möglichen Risiken, seien ebenso wenig erforscht wie der Nutzen der Plazentophagie. Und führt man sich vor Augen, dass die Plazenta während der Schwangerschaft auch Schadstoff-Filter für das Ungeborene ist, macht das durchaus Sinn. So wurden schon verschiedene Bakterien, Blei- und auch Quecksilber-Rückstände in der Plazenta gefunden. Außerdem kritisiert Clark: „Es gibt keine Vorschriften, wie die Plazenta gelagert, zubereitet und dosiert wird. Die Frauen wissen nicht, was sie zu sich nehmen." So kann es leicht zu Verunreinigungen wie im anfangs genannten Fall kommen, die sowhol Mutter als auch Kind schaden können.

Plazenta essen muss also nicht sein. Schließlich beschnuppern wir uns zur Begrüßung auch nicht gegenseitig am Popo. Der Mensch muss eben nicht alles nachmachen, was die Natur vormacht.

Linktipp: Wer ganz neugierig ist, der kann bei Spiegel-Online in einer Bildergalerie nachschauen, wie aus dem blutigen Mutterkuchen Kapseln mit Plazentagewebe hergestellt werden. Aber auch von uns die Warnung - wer einen schwachen Magen hat, der sollte die Bilder nicht anschauen.

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