Die Wahrheit über Wehenschmerzen

Nirgendwo wird so viel gelogen wie beim Thema Schmerzen während der Geburt, meint unsere Autorin. Und ist der Frage nachgegangen: Warum ist das so? Ein ganz persönlicher Blick auf das Tabuthema Wehenschmerzen.


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Wehen tun weh!


Eines vorweg: Wehen tun weh. Wehen tun scheißweh und jeder, der was anderes sagt, lügt. Es ist schon seltsam: Während wir mittlerweile bei jedem noch so intimen Thema - Intimpflege:„UGH, beim Waxing gestern habe ich gedacht, wofür mache ich das eigentlich!!“ Sex: „Sagt mal, machen eure Männer eigentlich auch nur noch den Seestern!??“ Geld: „Heute Abend bitte nur Burger, Mädels, ich bin total pleite“ - jegliche Mitteilungsscheu abgelegt haben, fällt beim Wort „Wehenschmerzen“ der Schweigevorhang. Da wird akute Amnesie festgestellt. „Du, ich kann mich da gar nicht mehr dran erinnern!!“ - , betreten gelächelt und schnell das Thema gewechselt (Männer); und ausgelutschte sowie absolut unnütze Gemeinplätze angeführt: „Also, es gibt Länder da kriegen die Kinder ihre Frauen auf dem Feld und gehen dann gleich wieder an die Arbeit!!“. Ganz toll sind Prominente, die von kinderleichten Wassergeburten zuhause und der magischen Kraft des Wehen-Wegsingens schwärmen.
Antworten ja - aber keine hilfreichen

Und niemand ist bei dem Thema nutzloser als Hebammen und Ärzte. Wer medizinisches Personal nach Wehenschmerzen befragt, bekommt garantiert keine konkrete oder hilfreiche Antwort. Da wird meistens das individuelle Schmerzempfinden und weitere Floskeln bemüht. „Wissen Sie, jede Frau empfindet die Geburt unterschiedlich, also machen Sie sich keine Sorgen!“ und der Rest der Fantasie der Schwangeren überlassen. Besonders schön: Wenn die junge Hebamme im Geburtsvorbereitungskurs die bangen bis besorgten Anfragen von einem Dutzend werdender Mütter souverän abwiegelt und man dann feststellt, die hat keine Ahnung, wovon sie da spricht, die hat noch nie Kinder bekommen!

Die Wahrheit über Wehenschmerzen

„Du, ich kann mich da gar nicht mehr dran erinnern!!“


© iStock
So passiert bei meinem ersten Kind. Weder Frauenärztin noch Hebamme wollten mir etwas Greifbares über die Schmerz-Intensität während der Geburt sagen und der Grund ist auch klar: Niemand will Erstgebärende mit unschönen Informationen verunsichern, Schwangere sollen den Kreißsaal möglichst angstfrei und unbelastet betreten. In einer Zeit, in der wir aber nur einen Smartphone-Klick von Hundertausenden mehr oder weniger sensationsheischenden Geburtsberichten im Internet entfernt sind, ist das aber nicht realistisch. Das ohnehin schon intensive Kopfkino rutscht dann gerne mal ins Horror-Genre ab - "Rosemary’s Baby", "Alien" und "Breaking Dawn Teil 1" sei Dank. Die Angst vor diesem diffusen Wehenschmerz das wichtigste Thema der Geburt. Der konkreteste Anhaltspunkt die Erzählung einer Freundin, deren Gynäkologe ihr beim Entnehmen einer entzündeten Spirale sagte, ihre starken Schmerzen lägen auf der Wehenskala bei 12 von 100.
Der Vorschlaghammer
Und so war eine der stärksten Emotionen bei der Geburt meines eigenen Babys auch ein hilflos-wütendes Gefühl der Betrogenheit, als die Wehenschmerzen mich dermaßen überrannten, dass ich mir in dem Moment sicher war: Nie, niemals im Leben steige ich von diesem Kreißsaalbett runter und bin nicht querschnittsgelähmt. Es kann nicht sein, dass jemand solche Schmerzen verspürt und im Körper dabei aber nichts kaputt geht. Ich erinnere mich, dass ich in einem luziden Moment dachte: Ich muss das Gefühl verbalisieren, sonst kann ich es nachher nicht beschreiben. Und das tat ich. Ich sagte meinem Mann, dass sich jede Wehe anfühle, als würde mir jemand mit aller Kraft mit dem Vorschlaghammer gegen meine untere Wirbelsäule hauen. Nach acht Stunden Quälerei hatten die Hebammen ein Einsehen und schlugen mir eine PDA vor - danach war alles easy und kurze Zeit später das Baby auch da.

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Zehn Monate haben Sie darauf gewartet und sich so gut es geht darauf vorbereitet. Und dann ist er da, der große Moment: die Geburt.


Eine der mir deutlichsten Erinnerungen an die Geburt meiner Tochter ist auch heute noch die plötzliche totale Abwesenheit von Schmerz direkt nach der Entbindung. Das Baby war da und die Schmerzen vollkommen verschwunden. Nichts mehr, nada, niente. Nicht mal diffuse Muskelschmerzen wie am Tag nach dem Sport. Eine Stunde nach der Entbindung hopste ich schon wieder im Kreißsaal herum und packte meine Tasche. Und da wusste ich, wenn ich nicht noch unter der Geburt eine Formulierung für die Schmerzen gefunden hätte, dann hätte ich sie jetzt schon nicht mehr beschreiben können. War das etwa der Grund für die akute Amnesie von Müttern? Und kann man diesen Hormoncocktail vielleicht nachbauen?
Das ungeschriebene Gesetz
Am Tag nach der Geburt telefonierte ich auf der Neugeborenenstation mit meiner besten Freundin, die natürlich fragte, „Wie war’s?“ Und während ich ihr von dem Vorschlaghammer und der absoluten Sicherheit über die bevorstehende Querschnittslähmung erzählte, machte die ebenfalls frisch gebackene Mutter aus dem Bett gegenüber mit großen Augen dringlich die Kopf-ab-Geste. Nach dem Telefonat wurde ich erst einmal heftigst gescholten: "Du kannst einer kinderlosen Frau doch nicht erzählen, wie schlimm die Geburt war, bist du denn des Wahnsinns!! Frauen sagen Frauen nicht die Wahrheit über Wehen!" Oops…

Epilog: Während die Autorin zwei Jahre später bei der zweiten Entbindung noch darauf wartete, dass der Vorschlaghammer wiederkam, gebar sie ihr zweites Kind. 

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Über die Autorin:
Mai-Phi Trat Quan ist Redaktionsleiterin der MADAME.de, liebt ihre zwei Kinder über alles, hat ihren Uterus nach zwei Schwangerschaften jedoch zur verbotenen Zone erklärt.

Alle Beiträge zu #insidemom lesen Sie auf unserer Themenseite. Hier erzählen Frauen - absolut ehrlich und offen - was ihr Mutter-Herz wirklich bewegt.





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