
„Kinder brauchen nicht unbedingt Spielzeug, sondern vor allen Dingen Zeug zum Spielen“, sagt Gerd E. Schäfer, emeritierter Professor für Frühpädagogik an der Universität Köln. Viele Alltagsgegenstände aus dem Haushalt sind mindestens genauso interessant wie 'echtes' Spielzeug und lassen sich ohne große Mühen pädagogisch wertvoll und höchst unterhaltsam zum Spielen einsetzen: Verpackungen aller Art, Korken, alte Bettwäsche, große Knöpfe, Kochlöffel, ein zerknülltes Blatt Papier. Visuelle Wahrnehmung, Tastsinn und Feinmotorik werden beim Spielen damit genauso gut trainiert. Ob gekauft, gefunden oder selbst gebastelt, grundsätzlich gilt: Spielzeug, das Kinder vielseitig verwenden können, fördert in besonderem Maße die Kreativität. Töpfe und Schüsseln können zu Booten, aber auch zu Musikinstrumenten werden. Und aus den klassischen Bauklötzen kann ein Haus für den Dinosaurier, aber auch eine Baustelle entstehen. Solches Spielzeug passt sich der Fantasie und dem Willen des Kindes an und es kann aktiv sein Spiel gestalten.
„In den ersten Monaten sind die Eltern die allerwichtigsten 'Spielzeuge', die gefühlt und angeschaut werden“, sagt Ingetraud Palm-Walter von „spiel gut e.V.“, einer auf Spielzeug und Spiele spezialisierten gemeinnützigen Verbraucherberatung. Im vierten Monat beginnt langsam das Greifalter. Die Greiflinge sollten aus unterschiedlichen Materialien sein, zum Beispiel aus Holz, Frottee, Samt oder Plastik. So macht das Baby verschiedene haptische Erfahrungen und schult seine Sinneswahrnehmung. Was man grundsätzlich bei Spielzeug bedenken sollte: Bedeutsam sind vor allem die Erfahrungen, die ein Kind damit machen kann, nicht das Spielzeug selbst. „Eine kleine Bürste aus der Küche fühlt sich genauso interessant an, wie ein extra gekaufter Greifling. Solange das Kind sich nicht verletzen kann, sind Alltagsgegenstände prima Spielzeug“, sagt Palm-Walter. Zum ersten Geburtstag ist ein flotter Flitzer in Form eines Rutscherautos schön oder ein stabiler Puppenwagen. Ab dem zweiten Jahr können Kleinkinder schon etwas mit Bauklötzen oder mit Rollenspiel-Utensilien anfangen und ihre wachsenden Fähigkeiten an Laufrad und Wachsstiften erproben. Ab drei Jahren freuen sich Kinder über einen Roller, Fingermalfarben, eine Schaukel, über Puzzle oder erste Gesellschaftsspiele, da das Regelverständnis nun wächst.
Nein. Die Hersteller empfehlen ihr Spielzeug für immer jüngere Kinder, um die Konkurrenz auszustechen. Eine falsche Altersangabe ist inzwischen der häufigste Grund, warum spiel gut e.V. ein Spielzeug ablehnt. „Ein Spielzeug, das nicht altersgerecht ist, demotiviert Kinder. Zudem wird so das Spielalter immer mehr verkürzt. Kinder bekommen heute so früh so viel Spielzeug, dass sie mit sechs Jahren mit allem 'durch' sind und nur noch die Medien neu und reizvoll erscheinen“, so die spiel-gut-Expertin. Ihr Tipp: Lieber auf den gesunden Menschenverstand als auf Herstellerangaben vertrauen.
„Wir von spiel gut raten von sogenannten Activity centern ab, bei denen viel rasselt und ringt, aber das Kind kaum 'Ursache und Wirkung'-Beobachtungen machen kann. Auch Materialien, mit denen Kleinkinder Farben, Buchstaben oder Zahlen lernen sollen, sind nur selten durchdacht und sinnvoll“, sagt Ingetraud Palm-Walter.

Bunt ja, aber nicht zu bunt. In den ersten Jahren sollte das Farbenspektrum des Spielzeugs auf die wesentlichen Grundfarben beschränkt sein. Das erleichtert das Benennen: „Schau, da ist das gelbe Auto.“ Bei den Wachsstiften reichen zunächst sechs Farben. „Spielzeug sollte farblich schön gestaltet sein, ohne Comicfiguren, wilde Illustrationen oder schrille Muster“, so Palm-Walter. Schöne Formen und Farben sind keineswegs Luxus, bestätigt Prof. Gerd E. Schäfer: „Wir bewegen uns in ein visuelles Zeitalter hinein. Wer Kindern schon früh einen differenzierten Umgang mit Bildern, Farben und Formen ermöglicht, bereitet sie darauf gut vor. Denn Medienerziehung sollte beginnen, bevor das erste Mal das TV-Gerät oder der Computer angeschaltet wird.“
Das Spielzeug sollte garantiert speichel- und schweißecht sein. Und: Jedes Spielzeug nach dem Kauf feucht abwischen, Plüschtiere in die Waschmaschine stecken. Falls etwas stark riecht oder abfärbt – zurückbringen. Und zwischendurch immer wieder untersuchen, ob sich etwas am Spielzeug gelöst hat. Kleine Kinder haben noch nicht viel Kraft, dafür aber viel Zeit, so die Erfahrung der spiel gut-Expertin. Flohmarktkäufe haben Vor- und Nachteile: Flüchtige Stoffe wie Formaldehyd und Lösestoffe sind längst verflogen. Andererseits enthält älteres Spielzeug mitunter noch gesundheitsschädliche Stoffe, die in neuem Spielzeug inzwischen verboten sind, etwa Phythalate
in Weich-PVC.
Zuviel Spielzeug bedeutet für Babys und Kleinkinder eine Reizüberflutung. Faustregel: maximal drei Spielzeuge gleichzeitig anbieten. Das erleichtert Kindern, ihre Aufmerksamkeit auf eine Sache zu fokussieren. Statt viele verschiedene Systeme oder Spielzeuge anzuschaffen, sollten Eltern lieber wenig Grund-Spielzeug auswählen und diese nach und nach ergänzen, etwa für die Puppe Anziehsachen, Töpfchen und Geschirr besorgen. Und öfter Spielzeug eine Zeit lang auf dem Dachboden lagern oder in Schubladen verstauen, statt es in offenen Regalen stehen zu lassen.
„Es gibt nicht das eine richtige Material, sondern das Material muss zur Funktion des Spielzeugs passen“, sagt Ingetraud Palm-Walter. Bauklötze sind am besten aus rauem Holz, Sandspielzeuge dagegen lieber aus Plastik. Dass Plastik ein durchaus kindgerechter Stoff sein kann, zeigt eine Untersuchung der Stiftung Warentest vom November 2010: Nur acht von 50 Spielzeugen für Kinder unter drei Jahren waren schadstofffrei, sechs davon waren aus Plastik. Lesetipp: „Sicherheit und Risiko bei Kinderspiel und Spielzeug“ für 3,90 Euro bei www.spielgut.de.
„Eltern können ihre Kinder am besten zum Spielen anregen, indem sie eine Umwelt schaffen, in der Kinder neugierig sein können. Gefahrlose Räume, in denen sie sich bewegen können, ohne umgehend gestoppt zu werden“, sagt der Frühpädagoge Schäfer. „Wenn ein Baby oder Kleinkind spielt, gibt es kein richtig und kein falsch. Eltern können ihren Kindern Angebote machen und sehen, ob sie bereit sind, darauf einzugehen. Aber vorgeben, was und wie Kinder spielen, sollten sie nicht.“

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