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Der Sperling und seine vier Kinder (6-10 Jahre)

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Alter

6 - 10 Jahre

Länge der Geschichte

mittellang

Schlagworte

Gott, Teufel, Gevatter Tod, Tiere

Kategorie

Fabel

Ein Sperling hat vier Junge in einem Schwalbennest. Als sie nun flügge sind, stoßen böse Buben das Nest um, sie kommen aber alle glücklich bei einem Windstoß davon. Nun tat es dem Alten leid, dass seine Söhne in die Welt kommen, ohne dass er sie vor allerlei Gefahr erst gewarnt und ihnen gute Lehren gegeben hatte. Im Herbst kommen auf einem Weizenacker viele Sperlinge zusammen, dort trifft der Alte seine vier Jungen an, und würde sie voller Freuden mit sich heim nehmen. „Ach, meine lieben Söhne, was habt ihr mir den Sommer über Sorgen gemacht, weil ihr ohne meine Lehren in die Winde gekommen seid; hört meine Worte und folgt eurem Vater und seht euch wohl vor: Kleine Vöglein haben große Gefährlichkeit zu überstehen!“

Daraufhin fragt er den Älteren, wo er sich den Sommer über aufgehalten und wie er sich ernährt habe. „Ich habe mich in den Gärten gehalten, Räuplein und Würmlein gesucht, bis die Kirschen reif wurden.“ – „Ach, mein Sohn“, sagt der Vater, „die Schnabelweide ist nicht böse, aber es ist große Gefahr dabei, darum gib fortan wohl Acht, und besonders, wenn Leute in den Gärten umhergehen, die lange grüne Stangen tragen, die inwendig hohl sind und oben ein Löchlein haben.“ – „Ja, mein Vater, wenn dann ein grünes Blättlein aufs Löchlein mit Wachs geklebt wäre?“ spricht der Sohn. „Wo hast du das gesehen?“ – „In eines Kaufmanns Garten“, sagt der Junge. „Oh mein Sohn“, spricht der Vater, „Kaufleute sind geschwinde Leute! Bist du bei den Weltkindern gewesen, so hast du Weltgeschmeidigkeit genug gelernt, siehe und brauche es nur recht wohl, aber trau dir nicht zuviel zu.“

Daraufhin befragt er den anderen: „Wo bist du gewesen?“ – „Bei Hofe“, spricht der Sohn. „Sperling und alberne Vöglein dienen nicht an diesem Ort, wo viel Gold, Samt, Seide, Wehr, Harnische, Sperber, Kauze und Blaufüße sind. Halte dich lieber am Rossstall, wo man den Hafer schwingt oder wo man drischt. Dort kann dir das Glück mit gutem Frieden auch dein tägliches Körnlein bescheren.“ – „Ja, Vater“, sagt dieser Sohn, „wenn aber die Stalljungen Hebritzen machen und ihre Maschen und Schlingen ins Stroh binden, da bleibt auch mancher hängen.“ – „Wo hast du das gesehen?“ fragt der Alte. „Zu Hofe, beim Rossbuben.“ – „Oh, mein Sohn, Hofbuben, böse Buben! Bist du bei Hofe und bei den Herren gewesen und hast keine Federn da gelassen, so hast du ziemlich gelernt und wirst dich in der Welt wohl zurecht finden, doch siehe dich um und passe auf: Die Wölfe fressen auch oft die gescheiten Hündlein.“

Der Vater nimmt sich auch den Dritten vor: „Wo hast du dein Heil versucht?“ – „Auf den Fahrwegen und Landstraßen hab ich Kübel und Seile eingeworfen und da bisweilen ein Körnlein oder Gräuplein angetroffen.“ – „Dies ist ja“, sagt der Vater, „eine feine Nahrung, aber sei gleichwohl auf der Hut  und siehe fleißig auf, besonders, wenn sich einer bückt und einen Stein aufheben will, da ist dir nicht lang zu bleiben.“ – „Wahr ist es“, sagt der Sohn, „wenn aber einer zuvor einen Wand- oder Handstein im Busen oder Tasche trüge?“ – „Wo hast du dies gesehen?“ – „Bei den Bergleuten, lieber Vater, wenn sie ausfahren, führen sie im allgemeinen Handsteine bei sich.“ – „Bergleut, Werkleut, anschlägige Leut! Bist du bei Bergburschen gewesen, so hast du etwas gesehen und erfahren.
Fahr hin und gib auf deine Sachen gleichwohl gut acht,
Bergbuben haben manchen Sperling mit Kobolden umgebracht.“

Endlich kommt der Vater an jüngsten Sohn: „Du mein liebes Gackennestle, du warst allzeit der allerbeste und schwächste, bleib du bei mir, die Welt hat viele grobe und böse Vögel, die krumme Schnäbel und lange Krallen haben und nur auf arme Vöglein lauern und sie verschlucken. Halt dich an deinesgleichen und lies die Spinnlein und Räuplein von den Bäumen oder Häuslein, so bIeibst du lang zufrieden.“ – „Du, mein lieber Vater, wer sich nährt ohne anderer Leute Schaden, der kommt lang hin. Und kein Sperber, Habicht, Aar oder Weih wird ihm schaden, wenn er sich und seine ehrliche Nahrung dem lieben Gott all Abend und Morgen treulich befiehlt, welcher aller Wald- und Dorfvöglein Schöpfer und Erhalter ist, der auch der jungen Räblein Geschrei und Gebet höret. Denn ohne seinen Willen fällt auch kein Sperling oder Schneekügelein auf die Erde.“ – „Wo hast du dies gelernt?“

Antwortet der Sohn: „Als mich der große Windstoß von dir wegriss, kam ich in eine Kirche, da las ich den Sommer die Fliegen und Spinnen von den Fenstern ab und hörte diese Sprüche predigen, da hat mich der Vater aller Sperlinge den Sommer über ernährt und behütet vor allem Unglück und grimmigen Vögeln.“ – „Vertrauen! Mein lieber Sohn, flüchtest du in die Kirchen und hilfst Spinnen und summende Fliegen aufzuräumen und zirpst zu Gott wie die jungen Räblein und befiehlst dich dem ewigen Schöpfer, so wirst du wohl bleiben, und wenn die ganze Welt voller wilder tückischer Vögel wäre.

Denn wer dem Herrn befiehlt seine Sach,
schweigt, leidet, wartet, betet, brauche Glimpf, tut gemach,
bewahrt Glaub und gut Gewissen rein,
dem will Gore Schutz und Helfer sein.“



Entnommen aus: Kinder und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm. Verlegt bei Eugen Diederichs. Jena 1912.

Angepasst an die zeitgemäße deutsche Sprache

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