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Die drei Sprachen (5-10 Jahre)

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Alter

5 - 12 Jahre

Länge der Geschichte

mittellang

Schlagworte

Gott, Teufel, Gevatter Tod

Kategorie

Grimms Märchen

In der Schweiz lebte einmal ein alter Graf, der hatte nur einen einzigen Sohn, aber der war dumm, und konnte nichts lernen. Da sprach der Vater. „Hör, mein Sohn, ich bringe nichts in deinen Kopf, ich mag es anfangen wie ich will. Jetzt sollst du fort, und ein berühmter Meister es mit dir versuchen.“ Der Junge ward in eine fremde Stadt geschickt, und blieb bei dem Meister ein ganzes Jahr. Nach Verlauf dieser Zeit kam er wieder heim, und der Vater fragte: „Nun mein Sohn, was hast du gelernt?“ – „Vater, ich habe gelernt, was die Hunde bellen“, antwortete er. „Dass Gott erbarm“, rief der Vater aus, „ist das alles, was du gelernt hast? Ich will dich in eine andere Stadt zu einem andern Meister bringen.“ Der Junge ward hingebracht und blieb bei diesem Meister auch ein Jahr. Und als er zurückkam, fragte der Vater wiederum: „Mein Sohn, was hast du gelernt?“

Er antwortete: „Vater, ich habe gelernt, was die Vöglein sprechen.“ Da geriet der Vater in Zorn, und sprach: „O du verlorner Mensch, hast die kostbare Zeit vergeudet und nichts gelernt. Und schämst dich nicht, mir unter die Augen zu treten? Ich will dich zu einem dritten Meister schicken, aber lernst du auch diesmal nichts, so will ich dein Vater nicht mehr sein.“ Der Sohn blieb bei dem dritten Meister ebenfalls ein ganzes Jahr. Und als er wieder nach Haus kam und der Vater fragte: „Mein Sohn, was hast du gelernt?“ so antwortete er: „Lieber Vater, ich habe dieses Jahr gelernt, was die Frösche quaken“.

Da geriet der Vater in den höchsten Zorn, sprang auf und rief seine Leute herbei und sprach: „Dieser Mensch ist mein Sohn nicht mehr, ich stoße ihn aus und gebiete euch, dass ihr ihn hinaus in den Wald führt und ihm das Leben nehmt.“ Sie nahmen ihn und führten ihn hinaus, aber als sie ihn töten sollten, konnten sie es nicht aus lauter Mitleid und ließen ihn gehen. Sie schnitten einem Reh Augen und Zunge aus, damit sie dem Alten die Wahrzeichen bringen konnten.

Der Jüngling wanderte fort und kam nach einiger Zeit zu einer Burg, wo er um Nachtherberge bat. „Ja“, sagte der Burgherr, „wenn du da unten in dem alten Turm übernachten willst, so gehe hin, aber ich warne dich, es ist lebensgefährlich, denn er ist voll wilder Hunde, die bellen und heulen in einem fort. und zu gewissen Stunden müssen sie einen Menschen geliefert bekommen, den sie auch gleich verzehren.“ Darüber war die ganze Gegend in Trauer und Leid, und doch konnte niemand helfen. Der Jüngling aber war ohne Furcht und sprach: „Lasst mich nur hinab zu den bellenden Hunden und gebt mir etwas, was ich ihnen vorwerfen kann. Mir werden  sie nichts tun.“ Weil er nun selber nicht anders wollte, so gaben sie ihm etwas Essen für die wilden Tiere und brachten ihn hinab zu dem Turm.

Als er hinein trat, bellten ihn die Hunde nicht an, wedelten mit den Schwänzen ganz freundlich um ihn herum, fraßen, was er ihnen hinsetzte, und krümmten ihm kein Härchen. Am anderen Morgen kam er zu jedermanns Erstaunen gesund und unversehrt heraus und sagte zu dem Burgherrn: „Die Hunde haben mir in ihrer Sprache offenbart, warum sie da hausen und dem Lande Schaden zufügen. Sie sind verwünscht  und müssen einen großen Schatz hüten, der unten im Turme liegt. Sie kommen nicht eher zur Ruhe, bis er gehoben ist. Wie dies geschehen muss, habe ich ebenfalls aus ihren Reden entnommen.“

Da freuten sich alle, die das hörten, und der Burgherr sagte, er wollte ihn an Sohnes Statt annehmen, wenn er es glücklich vollbrächte. Er stieg wieder hinab, und weil er wusste, was er zu tun hatte, so schaffte er es und brachte eine mit Gold gefüllte Truhe herauf. Das Geheul der wilden Hunde ward von nun an nicht mehr gehört, sie waren verschwunden, und das Land war von der Plage befreit. Nach einiger Zeit kam es ihm in den Sinn, er wolle nach Rom fahren. Auf dem Weg kam er an einem Sumpf vorbei, in welchem Frösche saßen und quakten. Er horchte auf, und als er vernahm, was sie sprachen, ward er ganz nachdenklich und traurig.

Endlich kam er in Rom an, da war gerade der Papst gestorben, und unter den Kardinälen großer Zweifel, wen sie zum Nachfolger bestimmen sollten. Sie wurden zuletzt einig, derjenige solle zum Papst erwählt werden, an dem sich ein göttliches Wunderzeichen offenbare. Und als das eben beschlossen war, trat in demselben Augenblick der junge Graf in die Kirche, und plötzlich flogen zwei schneeweiße Tauben auf seine beiden Schultern und blieben dort sitzen. Die Geistlichkeit erkannte darin das Zeichen Gottes und fragte ihn auf der Stelle, ob er Papst werden wolle. Er war unschlüssig und wusste nicht, ob er dessen würdig sei, aber die Tauben redeten ihm zu, dass er es tun möge, und endlich sagte er: „Ja.“

Da wurde er gesalbt und geweiht, und damit war eingetroffen, was er von den Fröschen unterwegs gehört und was ihn so bestürzt gemacht hatte: Dass er der heilige Papst werden sollte. Daraufhin musste er eine Messe singen und wusste aber kein Wort. Jedoch die zwei Tauben saßen stets auf seinen Schultern und sagten ihm alles ins Ohr.


Entnommen aus: Kinder und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm. Verlegt bei Eugen Diederichs. Jena 1912.

Angepasst an die zeitgemäße deutsche Sprache





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