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Vom klugen Schneiderlein (5-10 Jahre)

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Alter

5 - 10 Jahre

Länge der Geschichte

lang

Schlagworte

-

Kategorie

Grimms Märchen

Es war einmal eine Prinzessin gewaltig stolz. Kam ein Freier, so gab sie ihm etwas zu raten auf, und wenn er’s nicht erraten konnte, so ward er mit Spott fortgeschickt. Sie ließ auch bekanntmachen, wer ihr Rätsel löse, solle sich mit ihr vermählen, und möge kommen, wer da wollte. Endlich fanden sich auch drei Schneider zusammen. Davon meinten die zwei ältesten, sie hätten so manchen feinen Stich getan und hätten’s getroffen, da könnt’s ihnen nicht fehlen, sie müssten’s auch hier treffen. Der dritte war ein kleiner, unnützer Springinsfeld, der nicht einmal sein Handwerk verstand, aber meinte, er müsste dabei Glück haben, denn woher sollt’s ihm sonst kommen.

Da sprachen die zwei andern zu ihm: „Bleib nur zu Haus, du wirst mit deinem bisschen Verstande nicht weit kommen!“ Das Schneiderlein ließ sich aber nicht irremachen und sagte, es habe es sich nun einmal seinen Kopf darauf gesetzt und er wolle sich schon helfen. Und das Schneiderlein ging dahin, als wäre die ganze Welt sein. Da meldeten sich alle drei bei der Prinzessin und sagten, sie solle ihnen ihre Rätsel vorlegen. Es seien die rechten Leute angekommen, die hätten solch einen feinen Verstand, dass man ihn wohl in eine Nadel fädeln könnte.

Da sprach die Prinzessin: „Ich habe zweierlei Haar auf dem Kopf, von welchen Farben stammt es?“ –„Wenn’s weiter nichts ist“, sagte der Erste, „es wird schwarz und weiß sein wie das Tuch, das man Kümmel und Salz nennt.“ Die Prinzessin sprach: „Falsch geraten, antworte der Zweite!“ Da sagte der Zweite: „Ist’s nicht schwarz und weiß, so ist’s braun und rot, wie meines Herrn Vaters Bratenrock.“ – „Falsch geraten“, sagte die Prinzessin, „antworte der Dritte, dem sehe ich’s an, der weiß es sicherlich.“ Da trat das Schneiderlein keck hervor und sprach: „Die Prinzessin hat ein silbernes und ein goldenes Haar auf dem Kopf, und das sind die zweierlei Farben.“

Als die Prinzessin das hörte, ward sie blass und wäre vor Schrecken beinah hingefallen, denn das Schneiderlein hatte es erraten. Und sie hatte fest geglaubt, das würde kein Mensch auf der Welt lösen können. Als ihr das Herz wieder kam, sprach sie: „Damit hast du mich noch nicht gewonnen; du musst noch eins tun. Unten im Stall liegt ein Bär, bei dem sollst du die Nacht zubringen. Wenn ich dann morgen aufstehe und du bist noch lebendig, so sollst du mich heiraten.“ Sie dachte aber, damit würde sie das Schneiderlein loswerden, denn der Bär hatte noch keinen Menschen leben gelassen, der ihm unter die Tatzen gekommen war. Das Schneiderlein ließ sich nicht abschrecken, war ganz vergnügt und sprach: „Frisch gewagt ist halb gewonnen.“

Als nun der Abend kam, ward mein Schneiderlein hinunter zum Bären gebracht. Der Bär wollte auch gleich auf den kleinen Kerl losgehen und ihm mit seiner Tatze einen guten Willkommensgruß geben. „Sachte, sachte“, sprach das Schneiderlein, „ich will dich schon zur Ruhe bringen.“ Da holte es ganz gemächlich, als hätte es keine Sorgen, Walnüsse aus der Tasche, biss sie auf und aß die Kerne. Als der Bär das sah, bekam er Lust und wollte auch Nüsse haben. Das Schneiderlein griff in die Tasche und reichte ihm eine Handvoll. Es waren aber keine Nüsse, sondern Wackersteine. Der Bär steckte sie ins Maul, konnte aber nichts aufbringen, er mochte beißen, wie er wollte. „Ei“, dachte er, „was bist du für ein dummer Klotz! Kannst nicht einmal die Nüsse aufbeißen.“

Und er sprach zum Schneiderlein: „Beiß mir die Nüsse auf!“ – „Da siehst du, was du für ein Kerl bist“, sprach das Schneiderlein, „hast so ein großes Maul und kannst die kleine Nuss nicht aufbeißen.“ Da nahm es die Steine, war hurtig, steckte aber dafür eine Nuss in den Mund und knack! war sie entzwei. „Ich muss das Ding noch einmal probieren“, sprach der Bär, „wenn ich’s so ansehe, meine ich, ich müsste es auch können.“ Da gab ihm das Schneiderlein abermals Wackersteine, und der Bär arbeitete und biss aus allen Leibeskräften hinein. Aber du glaubst doch auch nicht, dass er sie aufgeknackt hat? Als das vorbei war, holte das Schneiderlein eine Violine unter dem Rock hervor und spielte ein Stückchen darauf.

Als der Bär die Musik vernahm, konnte er es nicht lassen und fing an zu tanzen, und als er ein Weilchen getanzt hatte, gefiel ihm das Ding so wohl, dass er zum Schneiderlein sprach: „Hör, ist das Geigen schwer?“ – „Kinderleicht, siehst du, mit der Linken leg ich die Finger auf, und mit der Rechten streich ich mit dem Bogen drauf los, da geht’s lustig, hopsasa, vivallalera!“ – „So geigen“, sprach der Bär, „das möchte ich auch lernen, damit ich tanzen kann, so oft ich Lust habe. Was meinst du dazu? Willst du mir Unterricht darin geben?“ – „Von Herzen gern“, sagte das Schneiderlein, „wenn du Geschick dazu hast.

Aber zeig einmal deine Tatzen her, die sind gewaltig lang, ich muss dir die Nägel ein wenig abschneiden.“ Da ward ein Schraubstock herbeigeholt, und der Bär legte seine Tatzen darauf; das Schneiderlein aber schraubte sie fest und sprach: „Nun warte, bis ich mit der Schere komme!“. Es  ließ den Bären brummen, soviel er wollte, legte sich in die Ecke auf ein Bund Stroh und schlief ein. Die Prinzessin, als sie am Abend den Bären so gewaltig brummen hörte, glaubte nichts anders, als er dass er vor Freuden brumme und dem Schneider den Garaus gemacht habe. Am Morgen stand sie ganz unbesorgt und vergnügt auf; als sie aber in den Stall guckte, so stand das Schneiderlein ganz munter davor und war gesund wie ein Fisch im Wasser.

Da konnte sie nun kein Wort mehr dagegen sagen, weil sie’s öffentlich versprochen hatte. Und der König ließ einen Wagen kommen, darin musste sie mit dem Schneiderlein zur Kirche fahren und sollte da vermählt werden. Als sie eingestiegen waren, gingen die beiden anderen Schneider, die ein falsches Herz hatten und ihm sein Glück nicht gönnten, in den Stall und schraubten den Bären los. Der Bär rannte in voller Wut hinter dem Wagen her. Die Prinzessin hörte ihn schnauben und brummen. Es ward ihr Angst und sie rief: „Ach, der Bär ist hinter uns und will dich holen!“ Das Schneiderlein war fix, stellte sich auf den Kopf, streckte die Beine zum Fenster hinaus und rief: „Siehst du den Schraubstock? Wenn du nicht gehst, so sollst du wieder hinein.“ Als der Bär das sah, drehte er um und lief fort. Mein Schneiderlein fuhr ruhig in die Kirche, und die Prinzessin ward ihm an die Hand getraut, und er lebte mit ihr vergnügt wie eine Heidelerche. Wer’s nicht glaubt, bezahlt einen Taler.


Entnommen aus: Kinder und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm. Verlegt bei Eugen Diederichs. Jena 1912.

Angepasst an die zeitgemäße deutsche Sprache





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