Po versohlen: Warum Ohrfeigen und Poklapse nicht harmlos sind

Ein Klaps auf den Hinterkopf hat noch keinem geschadet? Falsch. Backpfeifen und Co. sind keine geeigneten Erziehungsmaßnahmen und zurecht verboten.

Po versohlen: Warum Ohrfeigen und Poklapse nicht harmlos sind

Es werden mehr Kleinkinder als ältere Kinder geschlagen, vermutlich weil man bei kleinen Kindern mit Argumenten öfter nicht weiter kommt.


Beim Frühstück hat mein Sohn absichtlich seine Müslischale vom Tisch geworfen. Der Mittagsschlaf musste wegen lautstarker Weigerung ausfallen und am Abend hat er Spielzeugweitwurf zu seinem Lieblingsspiel auserkoren. Meine Nerven wurden mit jedem kindlichen Aufstand dünner und dünner und am Abend war ich der Verzweiflung nahe, als er auch noch das Zähneputzen verweigerte und beim Zubettgehen alles wollte (Essen, Trinken, Geschichte, Klo gehen, Kuscheln, Reden, …) nur nicht schlafen. Ich war hart am Limit. Kinder können uns Eltern ganz schön fordern und manchmal auch überfordern. Davon dürfen wir gestresst und genervt sein. Was wir nicht dürfen, ist unseren Frust in Form von Gewalt an unserem Kind auszulassen. Das würde weder uns, unserem Kind, noch unserer Eltern-Kind-Beziehung helfen, sondern im Gegenteil allen Beteiligten schaden. Und verboten ist es auch.

Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung

Seit dem Jahr 2000 besagt das Bürgerliche Gesetzbuch in Paragraf 1631 Absatz 2: “Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.”
Eltern, die ihr Kind schlagen, machen sich der Körperverletzung schuldig. Auch psychische Gewalt, die das Kind demütigt oder emotional verletzt, ist verboten. Darunter kann unangemessen lautes Anbrüllen oder auch Aussprachen wie “Du bist dumm” oder “Du bist hässlich” fallen. Hier ist es schwer die Grenzen klar zu definieren, aber es hilft sich bei seinen Worten an das Kind immer zu überlegen, wie man selbst dabei empfinden würde und wie das Gesagte in der Lebenswirklichkeit des Kindes ankommt.

Prügelstrafe und Züchtigung sind keine Erziehungsmethoden

Begriffe wie “Prügelstrafe” und “Züchtigung” klingen nach längst vergangenen Zeiten. Auch würde sich heutzutage wohl kaum ein Elternteil auf dem Spielplatz outen, dass es sein Kind zuhause züchtigt oder verprügelt. Aber wie sieht es mit einem kleinen Klaps auf den Po aus oder einer lustig klingenden “Backpfeife”? Nur weil etwas harmlos klingt, ist es das noch lange nicht. Auch vermeintlich “leichte” körperliche Reaktionen auf kindlichen Ungehorsam sind Gewalt am Kind und verboten. Leider sahen das 2016 in einer Studie des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ)* 44,7 % der 2.500 Befragten anders: sie hielten einen Klaps auf den Hintern für eine angebrachte körperliche Bestrafung. Selbst eine leichte Ohrfeige fand noch knapp jeder Fünfte (17%) ok.
Das ist ganz schön erschreckend, aber immerhin schon eine deutliche Verbesserungen zu entsprechenden Zahlen aus den 90ern. 1996 gaben in einer Umfrage des Bundesministeriums für Familie, Frauen, Jugend und Senioren 82,6 % an, ihre Kinder mit einem Po-Klaps zu bestrafen.

Jeder Klaps ist ein Klaps zu viel

Aber kann eine leichte Ohrfeige hin und wieder oder ein kleiner erzieherischer Klaps auf den Po meinem Kind wirklich schaden? Ja! Auch wenn Eltern ihren Kindern nicht regelmäßig den Po versohlen oder sie auf andere Weise körperlich züchtigen, haben kleine, harmlos wirkende Erziehungsmethoden psychischen Auswirkungen, sobald sie Gewalt enthalten. Denn Gewalt hat immer Konsequenzen.

Nicht nur belegen zahlreiche Studien**, dass erlebte Gewalt meist irgendwann zu gelebter Gewalt führt. Das schließt auch Klapse und Backpfeifen mit ein. In einer Metaanalyse bei der die Forscher und Forscherinnen der Universität Texas im Jahr 2016*** Datensätze von 160.000 Kindern aus den letzten 50 Jahren analysierten, kamen sie zum Ergebnis, dass je öfter ein Kind von seinen Eltern mit einem Klaps bestraft wird desto höher ist das Risiko, dass das Kind im Laufe seines Lebens psychische Probleme entwickelt und selbst aggressiv wird.

Dem Chef oder Partner aus Wut den Po versohlen? Undenkbar.

Kinder, auch oder besonders Kleinkinder, können die reinsten Terroristen für die elterlichen Nerven sein. Die meisten Eltern waren schon in der Situation, dass sie irgendwann nicht mehr weiter wussten und in ihrer Hilflosigkeit auch über einen Klaps nachgedacht haben. Wichtig ist, dass ihr wisst, dass ihr mit diesem Gefühl nicht alleine seid – kaum eine Mutter oder ein Vater hat Nerven aus Stahl oder die Gelassenheit eines Dalai-Lama (der hat aber auch keine Kinder!), um jeden Trotzanfall und jede Wutattacke des Nachwuchs völlig gelassen hinzunehmen. Dazu kommt, dass nicht nur unsere phasenweise super anstrengenden Kinder an unseren Nerven zerren, sondern uns auch noch andere Faktoren wie Schlafmangel, Stress im Job, finanzielle Sorgen, Beziehungsprobleme oder sogar gesundheitliche Beeinträchtigungen belasten. Für all diese Stressfaktoren kann euer Kind aber nichts.

Keiner hält es für angemessen seinem Partner eine Backpfeife zu geben, nur weil er nicht macht, was ihr wollt. Warum sollte es dann ok sein, eurem Kind dafür eine Ohrfeige zu verpassen?

Was tun, wenn ihr in einer stressigen Situation den Drang verspürt euer Kind zu schlagen?

Es ist ok und vermutlich sogar normal, in stressigen Eltern-Kind-Situationen das Bedürfnis zu verspüren, dem eigenen Kind eine runter zu hauen oder es ganz fürchterlich anzubrüllen. Dieser Drang entspringt der elterlichen Hilflosigkeit, wenn das Kind einmal wieder einfach nicht hören will. Worte bringen uns nicht weiter und wir müssen unserem Kind doch Grenzen aufzeigen. Aber eben nicht mit Gewalt. Was könnt ihr also tun, wenn ihr merkt, dass ihr innerlich am Überkochen seid:

  1. Die Erkenntnis, dass ihr kurz vor dem Kontrollverlust steht, ist eine großartige Leistung. Lobt euch innerlich selbst dafür. Das lenkt euch gleichzeitig von der Akutsituation ab.
  2. Entfernt euch selbst aus der Situation. Geht aus dem Zimmer oder, wenn dies nicht möglich ist, zieht euch innerlich aus der Situation heraus und zählt langsam bis zehn. In besonders explosiven Situationen gerne auch auf 15 oder 20.
  3. Fragt euer Kind, was ihr für es tun könnt. Auch wenn es nicht antwortet oder antworten kann, weil es noch zu klein ist, wird es merken, dass ihr seine Bedürfnisse oder Not erkannt habt. Das hilft eurem Kind sich selbst zu beruhigen.
  4. Sucht euch Hilfe, um Druck aus eurer Lebenssituation zu nehmen. Wenn eine Entlastung durch den Partner, die Familie oder Freunde nicht möglich ist, dann wendet euch an eine Beratungsstelle. Das ist auch anonym möglich. Eine Liste findet ihr am Ende des Artikels.

Ich habe mein Kind geschlagen. Was nun?

Stress. Schreien. Quengeln. Weinen. Alles zu viel. Die Nerven streiken und dann der Blackout – die Hand landet auf der Wange eures Kindes. In den meisten Fällen sind die Eltern über die erste Ohrfeige oder den spontanen Klaps genauso erschrocken wie das Kind. Und das ist auch gut so. Denn wenn euch die Hand ausgerutscht ist, solltet ihr euch unbedingt bei eurem Kind entschuldigen und ihm erklären, wie es dazu kam. Aber bitte nicht mit der Formulierung wie “Du hast das und das gemacht, deshalb habe ich dich gehauen”, denn damit würdet ihr dem Kind vermitteln, dass es die Schuld an eurer Tat hat. Das Kind ist aber niemals schuld, sondern immer nur der, der schlägt. Also sagt lieber etwas wie z. B.: “Es tut mir leid. Ich war gerade so durcheinander, dass ich etwas getan habe, was man nicht tun darf: ich habe dich geschlagen. Ich wollte dir nicht weh tun. Das war falsch”.
Wenn ihr euch sicher seid, dass es nur ein einmaliger Ausrutscher war, der aus einer besonders angestrengten Situation hervorging, dann verzeiht euch selbst und beherzigt in der nächsten Stressphase (und die kommt bestimmt) unsere Tipps, wie man sich verhält, wenn man den Drang verspürt seinem Kind den Po versohlen zu wollen.

Wenn ihr erkennt, dass ihr öfters die Kontrolle über euch und eure Hände (oder eure Stimme) verliert, dann wendet euch bitte an eine Beratungsstelle und lasst euch helfen. Das ist auch vollkommen anonym möglich, sodass ihr keine Angst vor Konsequenzen von Seiten des Jugendamts oder der Strafverfolgung haben müsst.

Wer kann mir helfen, wenn mir mit meinem Kind alles zu viel wird?

Es gibt online und in fast allen Städten Beratungsstellen, in denen ihr euch anonym zu eurer Familien-, Lebens- und Erziehungssituation beraten lassen könnt, ohne verurteilt zu werden. Nehmt dieses Angebot an, wenn ihr euch hilflos und überfordert fühlt. Jeder hat Hilfe verdient:

Elterntelefon der „Nummer gegen Kummer” 0800-1110550 (bundesweit anonym, kostenlos und vertraulich)

Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke) (bundesweit anonym, kostenlos und vertraulich)

Caritas Beratung vor Ort oder online (individuell, vertraulich und kostenlos)

Quellen:

*Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ)

**Journal of Family Psychology: Gershoff/Grogan-Kaylor, 2016

***Bundesgesundheitsblatt: Ziegenhain et al., 2016

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