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#CoronaElternRechnenAb: Eltern schreiben Rechnung an Regierung

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#CoronaElternRechnenAb: Eltern schreiben Rechnung an Regierung

Unter #CoronaElternRechnenAb stellen immer mehr Eltern Rechnungen an die Bundesregierung. Es geht vor allem darum, die unbezahlte Arbeit, die wir leisten, sichtbar zu machen. Und es ist auch ein weiterer Versuch, die Politik auf die Belange von Familien aufmerksam zu machen.

Hohe Kosten für Familien

Kinder kosten Geld, natürlich. Das war allen Eltern klar, als sie Nachwuchs in die Welt setzten. Was aber Eltern nicht einberechnen konnten: Wie sehr Familien in einer Pandemie im Stich gelassen werden. Während die Wirtschaft wieder angekurbelt wird, wird vergessen, dass auch Eltern Teil der Wirtschaft sind. Dass wir recht erheblich dazu beitragen, dass das ganze System funktioniert.

#CoronaElternRechnenAb – Zeit, Rechnungen zu schreiben

Seit Wochen (in welcher genau befinden wir uns eigentlich?) beschulen oder betreuen wir unsere Kinder während unserer Arbeitszeit. Wir übernehmen, zusätzlich zu unseren Berufen, noch all die Aufgaben, die sonst von Erzieher*innen und Lehrer*innen übernommen werden. Weil es nicht anders geht. Aber viele kommen jetzt an ihre Belastungsgrenzen. Rona Duwe, Sonja Lehnert und Karin Hartmann haben sich nun eine Aktion ausgedacht, um auf die unbezahlte Arbeit von Eltern aufmerksam zu machen. Sie initiierten #CoronaElternRechnenAb und fordern Familien auf, Rechnungen an die Bundesregierung schicken, in denen sie den Wert ihrer Arbeit beziffern.

Wie kamt ihr auf die Idee zu #CoronaElternRechnenAb?

Die erste Idee dazu kam von Karin. Sie hatte schon lange überlegt, wie man die viele unentgeltliche Arbeit, die Eltern seit der Pandemie übernehmen, mehr in Wert setzen kann. Inspiriert hat sie dazu u. a. das Buch „Equal Care“ von Almut Schnerring. Ja, und wie wertet man auf, wie setzt man eine Leistung in Wert? Indem man eine Rechnung schreibt. Eine Rechnung zu schreiben ist eine Sprache, die man sofort versteht. Sonja und Rona hatten die Tage davor schon mehrfach darüber gesprochen, was man gemeinsam tun könne, um auf die Situation der Mütter, Eltern und Familien aufmerksam zu machen und einen Protest zu formulieren. Als Karin ihre Idee einbrachte, waren wir alle schnell Feuer und Flamme und haben die Aktion innerhalb von zwei Tagen auf die Beine gestellt.

Was ist denn der Zweck dahinter?

Die Aktion berührt mehrere Ebenen. Zum einen geht es darum, dem zusätzlichen Aufwand, den vorwiegend Mütter in der Pandemie leisten, eine Zahl zu geben, ihn zu beziffern. Die Rechnung macht deutlich, was uns entgeht. Gleichzeitig wird deutlich, was den Frauen gerade entgeht – angemessene Bezahlung, Rente (verpasste Karrierechancen, Möglichkeiten der Weiterbildung außen vor). Wir Mütter hätten darüber hinaus dieses Geld zur Verfügung: Als Konsumentinnen, aber auch für Rentenansprüche. Daneben zeigt #CoronaElternRechnenAb, was dem Staat eigentlich entgeht: Steuereinnahmen und ein höheres Bruttoinlandsprodukt. Wenn Carearbeit als Wirtschaftsleistung in das Bruttoinlandsprodukt einfließt, wird der tatsächliche Wert dieser Leistung für alle deutlich sichtbar und spürbar.

Und was ist die rechtliche Grundlage?

Diese Situation ist für alle eine Katastrophe. Der Staat kann seine Pflicht, die Kinder zu beschulen und sein Versprechen, die Kinder zu betreuen, nicht mehr einhalten. Die Arbeit wurde an die Eltern, vorwiegend die Mütter delegiert. Aber darf er das eigentlich? Das ist die Frage. Kann man diese Situation als Auftragserteilung des Staates bzw. Bundeslandes an die Eltern sehen? Zumindest haben sich auch ein Großteil der Eltern danach verhalten und die Kinder beschult. Der Staat hat einen Bildungs- und Erziehungsauftrag. Diesem kann er im Rahmen der Coronakrise nicht nachkommen. Daher beauftragt er, so empfinden wir es – wohlgemerkt ungefragt, ohne Vertrag und auf unbestimmte Zeit – uns Eltern, diese Arbeit zu übernehmen. Wenn man diese Perspektive einnimmt, ist es sehr logisch, die im Rahmen dieses Auftrags erbrachten Leistungen in Rechnung zu stellen.

Glaubt Ihr, dass die Rechnungen bezahlt werden?

Vermutlich nicht. Was wir tun ist vor allem eine Protestaktion. Wir stellen Rechnungen, weil das der übliche Weg im Kapitalismus ist, Forderungen zu stellen, einen geldwerten Ausgleich für Waren und Dienstleistungen zu erhalten und gehört zu werden. Ob wir damit Subventionen für Eltern erreichen, Steuerausgleich und vor allem mehr politisches Mitspracherecht in dieser gesundheitlichen sowie wirtschaftlichen Krise – das ist noch völlig offen.

Wie kann man denn da mitmachen?

In den Artikeln auf phoenix-frauen.de und mama-notes.de wird ziemlich genau erklärt, wie das geht. Wir informieren über die Motivation und die Hintergründe, stellen ein Rechnungsformular zum Download zur Verfügung und erklären, an wen die Rechnung adressiert sein sollte. Mitmachen können alle Eltern, die ihre Kinder neben der Erwerbsarbeit zu Hause betreuen und beschulen müssen und die ihren Protest aktiv zum Ausdruck bringen möchten. Vorteil ist, dass das jede und jeder vom heimischen Küchentisch ohne großen Aufwand tun kann.

Was sagt ihr all denen, die jetzt wieder kommen: Aber Kinder sind halt teuer, ist doch eurer „Privatvergnügen“?

Natürlich sind die Kinder unser Vergnügen, wir lieben unsere Kinder. Aber sie sind sicher nicht (nur) unser Privatvergnügen. Die Politik und Wirtschaft des Landes benötigen Kinder als zukünftige Leistungsträger*innen und Steuerzahler*innen. Die Steigerung der Geburtenzahlen war vor einigen Jahren noch ein hohes politisches Ziel. Wenn ich als Steuerzahlerin finanzstarken Industriezweigen aus der Krise helfen soll, steht auch uns für unsere Krisenleistungen staatliche Unterstützung zu. Hinzukommt, dass sogenannte Carearbeit immer – nicht nur in Krisenzeiten – ein wesentlicher Teil des Bruttoinlandsproduktes ist. Üblicherweise wird diese grundlegend systemrelevante Arbeit unter den Tisch gekehrt. Unser Wirtschaftssystem fußt ganz wesentlich darauf, dass Frauen Angehörige und Kinder unentgeltlich versorgen. Würden Frauen diese Arbeit nicht leisten, müssten es andere tun, die dafür bezahlt werden. Carearbeit sollte generell nicht als kostenlose Leistung gesehen werden.

Was wünscht ihr euch in der aktuellen Situation von der Politik?

Mit der Aktion geht es uns NICHT darum, die Öffnung der Schulen und Kitas zu forcieren. Die Sicherheit unserer Kinder steht natürlich für uns immer an erster Stelle. Wir sehen uns auch nicht als vollwertigen Ersatz für Erzieher*innen und Lehrer*innen. Wir vermissen aber das ernsthafte Bemühen der Politik, wirklich kluge, zukunftsfähige Konzepte zur Wiederaufnahme der Betreuung und Schulpflicht zu entwickeln. Schließlich arbeiten viele andere europäische und Länder der Welt am gleichen Problem und könnten Vorbild sein. Vorstellbar wären z. B. eine echte Digitalisierung des Lehrangebots und Unterrichts, Unterricht im Freien, Nutzung von Bestandsgebäuden, um mehr Platz für Unterricht zu haben, und vieles mehr.

#CoronaElternRechnenAb: Wir wollen dabei sein

Darüber hinaus brauchen wir schlicht finanzielle Entlastung, berufliche Absicherung und eine möglichst sichere Perspektive für die nächsten Monate. Stattdessen sind wir Eltern und Familien in den zweiwöchig stattfindenden Pressekonferenzen nur in Nebensätzen Thema und sind auch nicht im Coronakabinett z. B. über das Familienministerium vertreten. Dazwischen sitzen wir wieder zwei Wochen zu Hause mit Kids und Homeoffice. Es gibt so gut wie keine politische Regelungen und Konzepte für Familien. Ein wichtiger Schritt wäre, vor allem Mütter (die die Hauptlast der Betreuung tragen) ab sofort in allen Gremien des Krisenstabs zu beteiligen. Das ist bis jetzt als nachrangig und als „Genderkram“ abgetan worden.

Mit der Aktion #CoronaElternRechnenAb melden wir bis dahin regelmäßig in Form von Rechnungen unsere Ansprüche an. Gewartet und den Staat kostenlos entlastet haben wir jetzt genug.

 

Andrea Zschocher
Das sagtAndrea Zschocher:

Mein Fazit

Ich finde die Idee gut und wichtig, weil so unbezahlte Carearbeit sichtbar wird. Ich erlebe aber auch, dass die Diskussion sich weg bewegt von der Carearbeit, hin zu Stundenlöhnen, Rechnungen und Ansprüchen an Eltern. Jetzt könnte man sagen: Gut so, es tut sich was. Ich erlebe das aber eher als eine Anfeindung an einzelne Mütter, die sich eben wagen, an ihre Arbeit einen Preis zu hängen. Der Tenor ist nach wie vor: Ihr habt die Kinder gewollt, dann müsst ihr das jetzt alles allein wuppen. Aber es gibt nun mal eine Schulpflicht und wenn Eltern ihre Kinder beschulen sollen, dann muss diese Leistung entlohnt werden. Die Lehrer*innen bekommen ja auch einen Lohn dafür.

Bildquelle: getty images / Geber86

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