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"Wir dürfen nur noch mit Attest raus!" – So ist der Lockdown in Frankreich

Familien weltweit

"Wir dürfen nur noch mit Attest raus!" – So ist der Lockdown in Frankreich

Die erste Woche mit Kontaktbeschränkungen liegt hinter Deutschland. Während einige die Beschränkungen als zu einschneidend empfinden, wünschen sich andere mehr Sanktionen, um die Ausbreitung von Corona zu minimieren. Wir sprachen mit unserer Redakteurin Jennifer Madelmond darüber, wie sie den Lockdown in Frankreich erlebt. 

"Am nervigsten ist, diese Zettel auszufüllen",sagt Jennifer Madelmond. Denn für jeden Schritt, den sie außerhalb ihres Grundstücks tun möchte, braucht unsere familie.de Redakteurin eine sogenannte Attestation. Ein Schriftstück also, dass ihr erlaubt an diesem Tag zu dieser Uhrzeit unterwegs zu sein.

Einschneidende Maßnahmen in Frankreich

Frankreich hat sehr viel weitreichendere Maßnahmen getroffen, als wir sie in Deutschland erleben. Denn während bei uns Supermärkte und Einzelhandel geöffnet sind und es auch erlaubt ist, sich mit einem weiteren Haushalt zu treffen, sieht das in Frankreich ganz anders aus.

Nur noch essenzielle Dinge

"Alle nicht essenziellen Geschäfte haben geschlossen. Nur die Supermärkte sind offen." Und dort werden die nicht essenziellen Dinge, wie beispielsweise Make up oder Kinderspielzeug, nicht mehr verkauft.

Wir dürfen nur für durchschnittlich eine Stunde am Tag spazieren gehen. Luft schnappen, hat es Präsident Macron genannt", erzählt Jennifer weiter. Dieses Spazieren gehen darf aber nur im Umkreis von einem Kilometer rund um den eigenen Wohnort erfolgen.

Eine Attestation für acht Gründe

Aber auch fürs Luft schnappen braucht es eine Attestation (Attestation de déplacement dérogatoire). Auf ihr stehen acht Gründe, wieso jemand das Haus verlassen will. Diese sind:

  • für den Weg von und zur Arbeit
  • notwendige Einkäufe privater oder beruflicher Natur
  • für Arztbesuche oder um Medikamente zu kaufen
  • familiäre Notfälle, was die Betreuung von Eltern und Kindern einschließt
  • zur Begleitung von Menschen mit Behinderung
  • für durchschnittlich 1h täglich zum Sport ausüben, spazieren gehen, frische Luft schnappen
  • um vor Gericht oder einer offiziellen Behörde zu erscheinen
  • um einen offiziellen Auftrag zu erfüllen

Wer erwischt wird, muss Strafe zahlen

"Steht nichts von dem, was man machen möchte, auf der Liste, darf man das Haus nicht verlassen", erzählt uns Jennifer. Wer es doch tut und erwischt wird, muss 135 € Strafe zahlen. Das gilt aber auch, wenn man das Attest einfach nur vergessen hat. Wer den Zettel bei einer Kontrolle nicht vorzeigen kann, muss zahlen. Es gibt aber, um die Zettelwirtschaft wenigstens etwas im Griff zu halten, permanente Freigaben von Schule, Kita oder Arbeitsplatz.

Jennifer erlebt diesen zweiten Lockdown, trotz aller Einschränkungen, als weniger massiv. Auch, weil mehr Leute wieder zum Arbeitsplatz pendeln und Schulen und Kitas offen sind. "Es ist auffällig", sagt sie, "dass der Verkehr viel mehr zirkuliert als vorher."

Großes Glück

Unsere familie.de Redakteurin ist in der glücklichen Lage, dass sie ein Haus mit großem Grundstück bewohnt. Sie ist also weniger als Familien in den Städten darauf angewiesen überhaupt eine Stunde spazieren zu gehen. Das beobachtet sie auch bei ihren Nachbarn. "Hier nutzen es viele nicht, weil hier die meisten große Gärten haben."

Attest sorgt für Stress

Jennifer kann sich, als zweifache Mutter aber sehr gut hineinversetzen in die Probleme vieler französischer Familien in diesen Tagen. Denn als sie mit ihren Kindern dann doch einen Spaziergang unternehmen wollte kam, was alle Eltern kennen. Sie stand bereit, hatte den Zettel, der immer mit der korrekten Zeitangabe ausgefüllt sein muss in der Hand und... wartete. Denn ein Kind musste spontan aufs Klo, das andere brauchte eine frische Windel.

Und zack, dreißig Minuten vom einstündigen Ausgang waren rum, bis alle wieder ausgehfertig waren. Das Gute: Jennifer kann den Zettel natürlich neu ausfüllen, dann müssen die Kinder eben warten, bis das erledigt ist. Das geht auch auf dem Handy, wenn die Franzosen und Französinnen diesen dann als als PDF abspeichern um ihn auf Verlangen vorzuzeigen. Aber es nervt schon ein bisschen und Jennifer kann verstehen, dass es gerade für Familien ohne eigenes Grundstück ein Problem ist.

Was passiert an Weihnachten?

Was sowohl in Frankreich als auch in Deutschland vielen Sorgen bereitet, ist die Frage nach einem gemeinsamen Weihnachtsfest. Aktuell gelten, wie bei uns, die Kontaktbeschränkungen bis zum 1.12.20. Was dann passiert, hängt davon ab, wie sich die Infektionszahlen entwickeln.

"Ich habe gemischte Gefühle", sagt Jennifer. Auch wenn ihre Ausgangsbedingungen mit dem großen Grundstück gut sind, sie sieht, wie die Wirtschaft in ihrem Ort leidet, und sie sieht auch, was das mit Familien macht. Auch die ersten Maßnahmen im Frühjahr waren in Frankreich deutlich strenger als bei uns. Jennifer weiß: "Ich würde einen zweiten Lockdown mit Vollzeit-Homeoffice und Kinderbetreuung gleichzeitig nicht nochmal überstehen!"

Wir müssen alle schützen

Sie appelliert deswegen, wie wir in Deutschland, an die Gemeinschaft. "Es ist eine Mega-Aufgabe, es allen recht zu machen, weil das nicht geht. Deswegen müssen wir uns alle so gut es geht disziplinieren, um auch alle zu schützen."

 

Andrea Zschocher
Das sagtAndrea Zschocher:

Meine Meinung

Ich glaube, wie man die Kontaktbeschränkungen erlebt, hat zum einen schon viel mit den räumlichen Gegebenheiten zu tun. Wenn ich mir vorstelle, ich dürfte mit meinen drei Kindern nur eine Stunde am Tag vor die Tür, ich würde verrückt werden. Wir wohnen mitten in Berlin in einer sehr kleinen Wohnung, Ich kann mir vorstellen, dass ein eigener Garten da einen großen Unterschied macht.

Gleichzeitig denke ich aber auch: Man kann den Menschen immer nur vor den Kopf gucken. Wie es ihnen geht, auch wenn sie materiell vielleicht gut dastehen, das wissen wir nicht. Deswegen müssen wir uns eben alle an die Abstandsregeln halten, Alltagsmasken tragen und Gemeinschaftssinn leben. Wir sitzen alle im gleichen Boot und diese Spaltung in der Gesellschaft, die ich in Berlin massiv erlebe, die macht mir große Sorgen.

Bildquelle: Jennifer Madelmond

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