Free-Bleeding – Periode ganz ohne Tampon, Binden und Co.

Let it flow

Free-Bleeding – Periode ganz ohne Tampon, Binden und Co.

In den letzten Jahren ist das freie Menstruieren ohne Hilfsmittel in das Licht der Öffentlichkeit gerückt. Was als Free-Bleeding-Trend durch eine mutige Marathonläuferin bekannt wurde, wird von vielen Frauen seit langer Zeit praktiziert. Die Gründe sind dabei so vielfältig wie Frauen selber: Sozialer und politischer Aktivismus, Körperbewusstsein, Geld, Umwelt und Wohlbefinden lassen viele auf Hygieneartikel während der Regelblutung verzichten. Egal, ob du Free-Bleeding ausprobieren oder einfach verstehen möchtest, was dahinter steckt: Wir haben alle Fakten.

Periode ohne Tampons und Co: Immer mehr Frauen entdecken Free-Bleeding als machbare Alternative.

Was passiert beim Free-Bleeding?

Beim Verzicht auf Tampons und Binden lässt du deiner Periode einfach freien Lauf. Klingt seltsam? Frauen, die das freie Menstruieren einige Zeit praktizieren, stellen einen Rhythmus fest, in dem ihr Körper das Periodenblut abstößt. So zieht sich die Gebärmutter während der Periode in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen zusammen, um Schleimhaut und Blut nach Außen zu befördern. In den ersten beiden Tagen passiert das im Schnitt alle 20 Minuten, an den schwächeren Tagen alle paar Stunden. Mit wachsender Free-Bleeding-Erfahrung kannst du ein Gefühl dafür entwickeln, wenn es soweit ist und dann zur Toilette gehen. Eine leichte Unterbauchmassage und kegelartige Anspannungsübungen können den Abfluss unterstützen, sodass dieser bis zum nächsten Periodenkrampf vermindert ist oder komplett nachlässt. Viele Frauen stellen dabei fest, dass das mehr oder weniger gezielte Bluten ihre Regelschmerzen vermindert.

Woher kommt der Free-Bleeding-Trend?

Auch wenn es historisch gesehen nichts wirklich Neues ist: Das freie Menstruieren wurde durch demonstrative Free-Bleeder wie Musikerin Kiran Ghandi ins Rampenlicht gerückt. Sie entschied sich zum London Marathon 2015 ihrer Periode freien Lauf zu lassen und wurde von anderen Vertreterinnen des 4. Welle-Feminismus über Social-Media-Kanäle gefeiert. Das Weglassen von Tampons hatte für sie zunächst praktische Gründe: Sie wären beim Laufen einfach zu unangenehm gewesen. In ihrem Blog Madame Ghandi schreibt sie, sie wollte zumindest die Laufbahn zu einem Ort machen, an dem das Wohlgefühl einer Frau wichtiger sei als das ihres Betrachters. “Ich rannte mit tropfendem Blut zwischen meinen Beinen für alle, die keinen Zugriff auf Tampons haben und alle die, die ihre Krämpfe und Schmerzen verstecken und so tun, als würden sie nicht existieren.”

Dabei hat das freie Bluten nicht immer etwas mit Aktivismus zu tun: Seit Generationen gibt es weltweit Frauen, die aus politischen oder finanziellen Gründen keinen Zugang zu Hygieneartikeln haben – und gesellschaftliche Normen, die sie dann für die fehlende Monatshygiene mit Schuldzuweisung, Scham und Benachteiligung verantwortlich machen.

Ebenso macht der Drang, den eigenen Körper besser zu verstehen und die Wahl einer naturbelassenen Lebensweise das freie Menstruieren für immer mehr Frauen attraktiv, die Zugang zu Hygieneartikeln haben – denn es vermittelt – wie der Name schon sagt, ein Gefühl von Freiheit und Autonomie über den eigenen Körper.

Gründe für Free-Bleeding: Warum auf Tampons und Binden verzichten?

Die Gründe für Free-Bleeding sind vielfältig und meist vielschichtig. Im Umkehrschluss besteht aber kein Grund, dich für den Verzicht auf Hygieneprodukte – oder deren Verwendung – rechtfertigen zu müssen. Dein Körper, deine Entscheidung. Aus diesen Gründen wählen manche Frauen das Free-Bleeding:

  • Körperbewusstsein stärken: Immer mehr Frauen möchten stärker im Einklang mit ihrem Körper leben: So steigt das Interesse an Alternativen zur hormonellen Verhütung und am Zyklus-Tracking stetig an. Da das Free-Bleeding auf ähnlichen Methoden basiert, ist es für viele eine tolle Möglichkeit, ihren Körper kennenzulernen.
  • Wohlgefühl: Nicht jeder fühlt sich mit Hygieneartikeln wohl. Sie können jucken, zwicken, verrutschen und beim Sport Schmerzen verursachen. Einige Frauen leiden nach der Anwendung unter einer trockenen Scheide.Gesundheit: Auch wenn es gering ist: Tampons bergen das Risiko des ggf. tödlichen Toxic-Shock-Syndroms. Und auch Binden können die Wahrscheinlichkeit einer Infektion im Genitalbereich erhöhen.
  • Feminismus: Besonders Vertreterinnen des 4. Welle-Feminismus finden Free-Bleeding effektiv, um auf das Stigma der Unsauberkeit hinzuweisen, das der weiblichen Periode gesellschaftlich anhaftet. Die Periode sei nichts, was man verstecken oder versteuern müsse.
  • Politischer Aktivismus: Wenige Länder wie z. B. Australien ausgeschlossen, werden Artikel für die weibliche Monatshygiene als Luxusgut und nicht als Alltagsprodukt versteuert. Auch in Deutschland zahlen Frauen auf Tampons, Binden, Cups und Co. 19% Steuer – auf Dinge, deren Anschaffung aus biologischen und gesellschaftlichen Gründen monatlich fast unumgänglich ist. Auf diese Form der Diskriminierung möchten viele Frauen hinweisen, indem sie zeigen, was passiert wenn sie sich weigern, die Luxusgüter zu kaufen.
  • Sozialer Aktivismus: Nicht nur die “Tamponsteuer” zeigt Ungleichheiten in unserer Gesellschaft: Wer am unteren Rande dieser leben muss, kann sich stark versteuerte Hygieneartikel kaum leisten – und auch den Versorgungsorganisationen fehlt es häufig an Tampon- und Bindenspenden. Dass nicht jede Frau die Wahl hat, Hygieneartikel zu verwenden, zeigen einige Aktivistinnen durch den solidarischen Verzicht.
  • Umwelt: Die meisten Hygieneprodukte werden aus neuen Rohstoffen hergestellt und – aus Sterilitätsgründen – mehrfach in Plastik verpackt. Selbst Produkte aus Bio-Baumwolle können eine große Belastung für die Umwelt darstellen, wenn sie nicht richtig recycelt werden. Gute Alternativen sind Menstruationstassen wie die Merula Cup über Amazon* und wiederverwendbare Stoffbinden wie die waschbaren Binden von Mr. Leon über Amazon*. Am umweltschonendsten ist für viele aber der komplette Verzicht.

Free-Bleeding-Anleitung: Tipps zum Ausprobieren

Du kannst während deiner nächsten Periode einfach auf Tampons oder Binden verzichten und schauen, was passiert. Wenn du aber langfristig auf das freie Menstruieren umstellen möchtest, ist wie auch bei der natürlichen Verhütung oder der Eisprungmessung sinnvoll, vorher ein paar Probemonate zum Beobachten deines Körpers einzulegen. Hier sind die besten Tipps:

  • Tagebuch führen: Viele Frauen finden es hilfreich, bei ihrer Periode Protokoll zu führen und so ihren Körper besser kennenzulernen. Schreib dir bei deiner nächsten Regel auf, wann und wie sie beginnt, in welchen Abständen du Blut abstößt, wie sich das anfühlt und an welchen Tagen die Regel stärker und schwächer ist. Hier kann es von Zyklus zu Zyklus Schwankungen geben, weshalb eine regelmäßige Messung dir ein genaueres Körperverständnis gibt. Praktisch sind Zyklus-Apps wie z. B. der kostenlose Menstruations-Kalender & Zykluskalender von Simple Design oder Produkte für die zusätzliche Fruchtbarkeitskontrolle wie das Femometer zur Eisprungberechnung und Zykluskontrolle über Amazon.*
  • An den schwachen Tagen anfangen: Es ist sinnvoll, das Free-Bleeding zu testen wenn du weniger stark blutest. Viele Frauen sind hier entspannter und können sich so auch leichter auf die Sensationen in der Gebärmutter konzentrieren.
  • Timing: Am besten wählst du einen Tag, an dem du zuhause bist bzw. wenige Termine oder lange Meetings hast.Auslaufsichere und pflegeleichte Wäsche: Slips mit Auslaufschutz sind eigentlich für die Verwendung mit Binden, Tampons oder Menstruationstasse vorgesehen, sind aber auch beim Free-Bleeding praktisch. Die Wäsche hält einiges an Blut ab und du musst dir keine Sorgen um permanente Flecken in der Wäsche machen, wenn du doch einmal abgelenkt bist und den “richtigen Zeitpunkt” verpasst. Beliebt sind z. B. die Perioden-Höschen von Innersy über Amazon.*

Free-Bleeding-Tipps für den Alltag

Wer Free-Bleeding praktizieren möchte, benötigt ein gewisses Maß an Flexibilität: Nicht immer ist es möglich, alle viertel bis halbe Stunde auf Toilette zu gehen, daher sind Hilfsmittel wie Stoffbinden und Menstruationsunterhosen zumindest an manchen Tagen sinnvoll. Dazu ist jede Frau und jede Periode ist anders. An starken Tagen lässt es sich vielleicht nicht immer mit dem Tagesablauf vereinbaren, “unten ohne” zu gehen. Hier ist es gut, eine Alternative wie eine Menstruationstasse zuhause zu haben.

Ob du ein Fan von Free-Bleeding bist oder nicht: Es verdeutlicht, dass jede Frau das Recht haben sollte, über den Umgang mit ihrer Periode selbst zu entscheiden.

Bildquelle: Getty Images

Galerien

Lies auch

Teste dich