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Zwischen easy-peasy und Weltuntergang – Familien in der Coronakrise

Interview

Zwischen easy-peasy und Weltuntergang – Familien in der Coronakrise

Die Krise ist weiblich, sagt Autorin und Grünen-Politikerin Nina Stahr. Sie hat ein Buch mit eben jenem Titel veröffentlicht um uns alle daran zu erinnern, was Familien in den letzten Monaten alles geleistet haben. Wir haben uns mit der Autorin über das Buch, vor allem aber über die Auswirkungen der letzten Monate auf Familien unterhalten.

"Die Krise ist weiblich", als dieses Buch zur Rezension bei mir ankam, war ich irritiert. Ich habe in den letzten Monaten so viel über Corona und den Einfluss auf das Familienleben geschrieben, habe so viele Nachrichten von euch zu dem Thema bekommen, habe mich mit so vielen Familienmenschen darüber ausgetauscht, dass ich nicht verstanden habe, wieso es dieses Buch überhaupt gibt. Wissen wir denn nicht alle schon, dass Corona Familienkonstellationen durcheinandergewirbelt hat, dass viele (nicht alle) in den letzten Monaten über ihre Grenzen gegangen sind? Braucht es da jetzt noch ein Buch zum Thema?

Familien in Zeiten von Corona

Wir alle wissen, was wir mit unserer Familie seit März erlebt haben. Wir waren erschöpft und ausgebrannt oder haben die Zeit als Familie genossen. Weil jede Familie anders ist und anders mit der Situation umgegangen ist, gibt es auch keine klaren und verbindlichen Aussagen, was für alle Familien als Unterstützung richtig und wichtig gewesen wäre.

Easy-peasy oder Weltuntergang

Dieser Diskrepanz ist sich Nina Stahr im Interview durchaus bewusst. Deswegen, so sagt sie, hat sie im Buch ja verschiedene Familien zu Wort kommen lassen. „Die einen Eltern sagen, es ist easy-peasy, die anderen gehen unter. Ich kenne das auch von mir selbst. Wir [Nina Stahr ist Mutter dreier Kinder im Alter von fünf, drei und einem Jahr] hatten einerseits paradiesische Verhältnisse und andererseits war es natürlich trotzdem anstrengend."

Die Krise ist weiblich: Wie wir Familienaufgaben gerechter aufteilen und was Politik dafür tun muss

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Kinder sind gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Kindererziehung ist, so Stahr, eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. In der Coronakrise spielten die Belange von Familien aber weniger eine Rolle, auch, weil in Gremien Frauen oder Männer mit Familienverantwortung fehlen. „Die Breite der Gesellschaft muss abgedeckt werden", sagt die Grünen-Politikerin.

Natürlich haben wir alle uns frei für unsere Kinder entschieden, aber zu bestimmten Bedingungen. Ich rede da von Elterngeld, eine tolle Errungenschaft und auch dem Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz. Das ist aber während des Lockdowns weggebrochen und da wurde gar nicht drüber gesprochen.

Nina Stahr

Nina Stahr im Interview

Nina Stahr, die seit 2016 Landesvorsitzende der Berliner Grünen ist, hat in ihrer Arbeit einen Schwerpunkt auf Jugend und Bildung gelegt. Das spiegelt sich auch in ihrem Buch wider. Denn Stahr nimmt Familie in den Blick. „Mir war es wichtig, in dem Buch festzuhalten, wie es für Familien war. Die persönlichen Berichte im Buch zeigen doch, was die Zeit für Eltern bedeutet hat. Ich glaube, es ist eine Möglichkeit für andere umzudenken, wenn sie in diesem Buch lesen, wie es Familien ging."

Diese Hoffnung Stahrs unterstütze ich. Denn natürlich haben viele Eltern erlebt, dass von ihnen verlangt wurde, Homeoffice und Kinderbetreuung locker miteinander zu verbinden. „Ich glaube", sagt sie, „vielen war vorher nicht bewusst, dass Homeoffice mit Kindern nicht funktioniert. Das ist ein Beispiel, aber ich zeige das in meinem Buch noch mal ganz deutlich auf, dass diese Krise auf dem Rücken von Frauen ausgetragen wird."

Ein Buch für Familien über Familien

Für mich bleibt dennoch die Frage, für wen "Die Krise ist weiblich" (auch im Onlineshop von Beshu Books für 16 € erhältlich) denn nun eigentlich geschrieben wurde. Stahr sagt, dass es für alle gedacht ist. „Das Buch ist so strukturiert, dass es alle gut lesen können. Auch Eltern, die eben wenig Zeit haben. Die können sich hier bestärkt fühlen, dass sie nicht allein waren mit ihren Gedanken." Denn natürlich ist es ihr Anliegen, dass Familien sich in ihrem Buch wiederfinden.

Es richtet sich aber auch an Arbeitgeber*innen. Die haben doch ein Interesse daran, dass ihre Mitarbeiter*innen nicht so ausbrennen. Klar war das in der Krise eine Extremsituation und wir waren von Work-Life-Balance weit entfernt. Aber wirtschaftlich müssen wir doch ein Interesse daran haben, dass es für Eltern jetzt besser funktioniert.

Nina Stahr

"Hoffentlich", so die Grünen-Politikerin, "kommt man, wenn man das Buch liest zur Einsicht, dass mehr für Familien getan werden muss. Mir hat die Solidarität untereinander gefehlt, auch wenn man das so pauschal immer nicht sagen kann. Aber leider gab es oft immer den Blick auf die eigene Situation, in der es einem selbst vielleicht schlechter ging als anderen. Gleichzeitig habe ich aber durchaus gesehen, wie solidarisch Menschen miteinander waren."

Kinderrechte sind wichtig

Was Stahr wichtig ist und auch im Buch ein Thema ist, sind die Rechte unserer Kinder, die massiv eingeschränkt wurden. „Das, was da passiert ist", sagt die Dreifachmutter, „das darf sich nicht wiederholen. Bei den Kindern ist doch angekommen, dass Fußball wichtiger ist als sie. Wenn Kinder immer wieder das Gefühl haben, sie sind nicht so wichtig, dann wird das eine Auswirkung auf ihr Interesse an Politik und Teilhabe haben. Wir können es uns nicht leisten, den Zugang zu Kindern zu verlieren."

Appell an uns alle

Und deswegen will Nina Stahr ihr Buch vor allem als einen Appell an uns alle verstanden wissen. Kinder, Familien sind eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der sich niemand entziehen sollte. Kinder sind die Zukunft unseres immer älter werdenden Landes. Familien mögen (noch?) keine Lobby haben, aber sie sind auch keine Privatangelegenheit, die keiner Unterstützung bedarf. Und mit diesem Bekenntnis rennt Nina Stahr bei mir doch offene Türen ein.

Andrea Zschocher
Das sagtAndrea Zschocher:

Mein Fazit

Es lässt sich nicht leugnen, ich habe meine Probleme mit diesem Buch. Das liegt sicherlich auch darin begründet, dass ich seit März so unglaublich viel zu diesem Thema geschrieben habe, dass ich mir nicht vorstellen kann, was da Neues zu berichten gibt. Trotzdem war ich auf das Interview mit Nina Stahr gespannt.

Sie ist keiner meiner eher unbequemen Fragen ausgewichen und hat sich der Kritik gestellt. Ihren Ansatz, dass Familien eben nicht für sich allein kämpfen müssen, dass hier mehr Solidarität und auch mehr Unterstützung von Regierungsseite notwendig ist, der tat gut.

Deswegen meine Frage an euch: Was würde euch durch die nächsten Monate helfen? Was braucht ihr? Schreibt mir gern!

Bildquelle: focoloco.de

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