Kinder und Medien

Gesellschaft

Kinder und Medien

Wie Medien auf Kinder wirken und was Sie tun können, damit Ihr Kind einen sinnvollen und verantwortungsbewussten Umgang mit Medien lernt.

Wie wirken Medien auf Kinder?

Eine Studie der Universität Hamburg kommt zu dem Ergebnis: „Würden Kinder keine Massenmedien konsumieren, würde man ihnen die Möglichkeit nehmen, Erfahrungen damit zu sammeln und somit Medienkompetenz zu erwerben.“ Und immerhin haben Forscher bisher keine Beweise gefunden, dass Medien einen Einfluss auf das Wertesystem bzw. das materielle Denken von Kindern haben. Kinder werden auch heute noch stärker von ihren Spielkameraden und Eltern als von den Massenmedien beeinflusst. Und das, obwohl viele Kinder inzwischen mehr Zeit vor dem Fernseher als mit ihren Freunden verbringen.

Kinder werden zu Medien-Experten

In den 70-ern und 80-ern, als die heute Elterngeneration Kind war, gab es drei Fernsehprogramme, heute jonglieren Kinder mit Smartphones, Spielekonsolen und DVDs, schalten mit der Fernbedienung zwischen bis zu hundert Kanälen hin und her - und kennen sich in Sachen schöne, neue Digitalwelt meist besser aus als ihre Eltern. Während die jungen Eltern von heute die letzte Generation sein werden, die den Umgang mit Computern erst als Teenies oder Erwachsene gelernt hat, werden ihre Kinder längst in diese Welt hineingeboren.

Kinder bekommen zu viele Medien-Eindrücke

Das Tempo, das Kinder bei der Mediennutzung an den Tag legen, ist ungeheuerlich. Das weiß jeder, der einer Elfjährigen beim SMS-Tippen zuschaut. Oder beobachtet, mit welcher Geschwindigkeit Kinder am Computer spielen und problemlos schnell geschnittene Videoclips verfolgen. Das ist in der Tat eine Kompetenz, aber eine mit Nebenwirkungen: Die jungen Medienkonsumenten können die aufgenommenen Eindrücke nicht wirklich verarbeiten: Im Gedächtnis bleiben oft nur diffuse emotionale Eindrücke haften. „Es findet in solchen Abläufen keine Selbstreflexion statt“, sagt der Medienpsychologe Wolfgang Bergmann („Die Welt der neuen Kinder - Erziehen im Informationszeitalter“, dtv, 9,50 Euro). Und so bedeutet Medienkompetenz nicht, am schnellsten mit der Maus zu sein. „Medienkompetenz bedeutet, kritisch denken zu können. Und die Voraussetzung dafür ist eine hohe Sprachkompetenz“, sagt der Computerwissenschaftler Joseph Weizenbaum.

Sprache muss sich früh entwickeln

Und wer nicht als Kind seine Sprache entwickelt, tut es auch als Erwachsener nicht mehr. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich das Zeitfenster, in dem die Sprachentwicklung besonders gut verläuft, schon mit etwa acht Jahren schließt. Wenn Kinder fernsehen, ist es sinnvoll, eine Auswahl an guten Kinder-DVDs anzuschaffen, die dann immer wieder gesehen und unterbrochen werden können. So kann man das Diktat des Fernsehprogramms umgehen. Weiterer Vorteil von DVDs: Kinder werden mit viel weniger Werbung bombardiert - im Vorschulalter sind sie in der Regel noch nicht in der Lage, Werbung vom Programm zu unterscheiden. Allgemein gilt: Internetangebote, CD-ROMs, Videos und auch Bücher mit gewalttätigen Inhalten oder sexuellen Darstellungen, die Kinder verstören könnten, sollten für sie so unerreichbar sein wie Arzneimittel.

Die besten Filme und Serien für Kinder auf DVD

Die besten Filme und Serien für Kinder auf DVD
Bilderstrecke starten (55 Bilder)

Der richtige Umgang mit den Medien

Computer und Bewegung - die Mischung macht's! Darin sind sich alle Experten einig. Es geht nicht darum, Fernsehen, Filme oder Computer zu verteufeln, sondern darum, einen gesunden, klugen Umgang damit zu finden. Kindgerechte, gute Software kann durchaus Kombinationsfähigkeit, Gedächtnis, Wahrnehmung und schlussfolgerndes Denken fördern. Aber im virtuellen Raum und vor dem Fernsehgerät lassen sich zum Beispiel keine Körpererfahrungen machen - und um die sollten wir unsere Kinder keinesfalls bringen: Treppen hochflitzen, auf Bäume klettern, schwitzen, durch den Baggersee schwimmen und bei einem heraufziehenden Gewitter in Rekordgeschwindigkeit nach Hause radeln. Oder Bälle gegen die Hauswand donnern. Die Erkenntnisse, die Kinder bei diesen ganz normalen Spielen nebenbei gewinnen, nennen Experten „intuitive Physik“. Ein sozial kompetenter, kommunikativer Mensch zu werden gelingt leichter, wenn Kinder miteinander (und natürlich mit Erwachsenen) spielen, sich streiten, sich wieder vertragen und ganz viel gequasselt und geplappert wird, gelegentlich auch über die Sendung mit der Maus oder Yakari. PC und Fernseher als Hauptgesprächspartner? Auf keinen Fall. Sie geben zwar auch Geräusche von sich - aber sie sind doch recht emotionslose Gesellen, mit denen Gespräche ziemlich einseitig verlaufen.

Die ganz normale Kindheit? Oft mühsam...

Lesen, Sport treiben oder sich selbst ein Spiel auszudenken ist im ersten Moment mühevoller und anstrengender als sich dem Sofort-Spaß der elektronischen Medien hinzugeben. Das geht Erwachsenen nicht anders. Man muss sich durchaus überwinden - aber dafür verschafft es einem hinterher ein größeres Erfolgsgefühl. Kindern, die diesen Zusammenhang von klein auf erleben, die gelernt haben, Langeweile hinzunehmen und zu überwinden, gelingt es leichter, sich für Malen, Basteln, Lesen oder Legospielen zu begeistern und weniger an Bildschirmen zu daddeln. Experten wie Thomas Feibel oder Jan-Uwe Rogge raten aus diesem Grund von Computer und Fernseher im Kinderzimmer ab. „Das falsche Signal“, finden beide.

Mit Kindern gemeinsam eine Alternative zu Fernsehen und Computer zu schaffen kostet vor allen Dingen eines: Zeit. Und die fehlt im Alltag häufig. Sich am frühen Sonntagmorgen aufzuraffen und etwas mit dem quicklebendigen Nachwuchs zu unternehmen, statt das „Ja“ zum Video zu geben - eine Herkules-Aufgabe. Dennoch: Der Platz vor dem Bildschirm sollte möglichst nur in Ausnahmefällen „Parkplatz“ für Kinder sein. Wenn der Kopf eines Kindes zu früh und zu viel mit „fremden Bildern“ überschwemmt wird, fällt es ihm viel schwerer, aus sich selbst heraus eigene zu erzeugen.

Ich will spielen!

Ich will spielen!
Bilderstrecke starten (9 Bilder)

Wieviel Fernsehen ist gut fürs Kind?

Wir haben uns auf die Suche nach einer Antwort gemacht - und uns mit dem Familien- und Kommunikationsberater Jan-Uwe Rogge unterhalten. So finden Sie ein gutes Maß für den Fernsehkonsum in der Familie. Plus: Hörbücher als Alternative zum Fernsehen.

"Bei der Fernseherziehung kommt es darauf an, mit Kindern gemeinsam Absprachen zu treffen und dort Grenzen zu setzen, wo Kinder maßlos werden", rät Familien- und Kommunikationsberater Jan-Uwe Rogge. Patentrezepte zur Fernseherziehung gibt es nicht. Diese Prinzipien sollen Ihnen helfen, Ihren ganz persönlichen Erziehungsstil zu finden:

Motive erkennen:
Kinder schauen an regnerischen Wochenenden gern mehr fern. Und wird dies nicht zum Dauerzustand, ist gegen diese „Glotztage“ auch nichts einzuwenden. Wenn das Fernsehen aber ständig zur Flucht benutzt wird, weil es dem Kind an anderen Freizeitalternativen mangelt, dann sind schon kurze Fernsehzeiten zu viel.

Prioritäten setzen:
Kinder brauchen Spiele, Unmittelbarkeit, Bewegung und den Kontakt mit Gleichaltrigen. Fernsehen muss sich dem normalen Tagesablauf des Kindes unterordnen - und nicht umgekehrt.

Krisen erkennen:
Wenn Kinder ständig sehr viel fernsehen möchten, dann deuten Sie dies als Hilferuf. Flucht in die Glitzerwelt des TV, Isolation mittels Medien ist meist ein Hinweis auf eine unbefriedigende Lebenssituation.

Nicht strafen und belohnen:
Verbote helfen wenig, sie führen zu Machtkämpfen und heimlichem Fernsehen. TV sollte weder als Belohnung noch zur Bestrafung verwendet werden, dadurch gewinnt es nur an Bedeutung.

Gemeinsam glotzen:
Kinder sollten nach Möglichkeit nicht allein fernsehen. Sie wünschen sich vor allem Gleichaltrige als TV-Partner. Besonders Mütter werden als Aufpasser erlebt. Vermeiden Sie Moralpredigten - Sie müssen nicht jede Sendung toll finden, für die sich Ihre Kinder begeistern.

Spannung abbauen:
Kinder sehen anders fern als Erwachsene. Sie versuchen, das Gesehene durch Mimik und Gestik zu verarbeiten. Deshalb sollte man Kinder nicht zum Stillsitzen beim Fernsehen anhalten. Sie brauchen die Dynamik, um Spannung abzubauen.

Standort auswählen:
Der Fernsehapparat sollte möglichst nicht Mittelpunkt der Wohnung sein. Das signalisiert, dass er nebensächlich ist, und ermöglicht gleichzeitig, eine Sendung zu genießen, ohne andere zu stören.

Fernsehen besprechen:Kinder müssen Filme verarbeiten. Sie brauchen sie nicht auszufragen, aber seien Sie offen, wenn sie über das Gesehene sprechen wollen.

Alternative zum Fernsehen: Hörspiele

Wir haben uns mit der Germanistikprofessorin Dr. Jutta Wermke von der Universität Osnabrück über Hörspiele für Kinder unterhalten:

Ersetzen Hörbücher das Vorlesen?
Nein. Hörspiele und Hörbücher haben eigene Qualitäten, indem sie durch professionelle Sprecher vorgetragen werden und Geräuschkulissen hörbar machen. Die lesende oder erzählende Bezugsperson hat ihrerseits ein Plus, weil sie unterbrechen kann, auf Fragen eingeht, erklärt und persönliche Beziehungsqualität anbietet. Deshalb ist die Kombination wichtig: Kinder können ausgewählte Medienangebote allein hören, und es ist gut, wenn sie daneben auch „live-Lesungen“ von Eltern erleben.
Können Kinder auch zu viel Hörspiele hören?
Natürlich, genauso wie sie auch zu viel fernsehen, zu viel lesen, zu viel essen können. Problematisch ist alles, was ausschließlich betrieben wird. Aber Eltern brauchen sich nicht alarmiert zu fühlen, wenn ihr Kind phasenweise seine Lieblings-CD oder eine bestimmte Stelle daraus andauernd hört. Das geht genauso vorüber wie die Sucht nach dem letzten Hit. Aber es ist wichtig, Kindern solche Eigenheiten zu lassen - auch wenn man als Erwachsener nicht jede Lautstärke ertragen muss. Denn die CDs bieten gute Identifikationsmöglichkeiten und sorgen zugleich für Gesprächsstoff unter Gleichaltrigen.
Kann man mit Hörbüchern Kinder auch zum Lesen anregen?
Ja, zum Beispiel indem man zu einer besonders geliebten CD das Buch schenkt. Oder man kann gemeinsam mit Kindern das Buch und die entsprechende CD vergleichen, etwa unterschiedliche Interpretationen der Sprecher oder Kürzungen. Wobei der Vergleich nicht immer zugunsten des Buches ausfallen muss.
Wie können Eltern die Qualität von Hörspielen erkennen?
Ähnlich wie bei Büchern können gewisse Rückschlüsse aus dem Verlag oder der beteiligten Sendeanstalt gezogen werden. Die Auswahl der Sprecher, die Sorgfalt der Aufmachung, die Ausführlichkeit des Booklets geben Auskunft. Der Rat des Buchhändlers und der Bibliothekarin können weiterhelfen. Unverzichtbar bleibt aber der eigene Ohreneindruck. Eltern sollten dem Lieblingsmedium ihrer Kinder so viel Aufmerksamkeit widmen, dass sie sich selbst gelegentlich anhören, was sie verschenken wollen.
Welche Fähigkeiten werden bei Kindern durch das Hören von Hörspielen gefördert?
Hörspiele sind in der Tat mehr als nur „Lesehilfe“. Sie schulen das Hören, während sonst in der Erziehung und Schule überwiegend das Sehen gefördert wird. Kinder lernen anhand von Hörspielen zum Beispiel, Orte aufgrund einer Geräuschkulisse zu identifizieren und den Symbolwert von Klängen und Geräuschen zu deuten. Sie lernen, kreativ zu hören. Die Fähigkeit zuzuhören ist ein wichtiger Teil von Medienkompetenz, zum Beispiel indem man die Funktion von Filmmusik erkennt oder das Gesprächsverhalten in Talkshows einschätzen kann. Hörbücher lehren Kinder Geduld, Konzentration, Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung, wie sie auch in Gesprächen gefordert sind.

Galerien

Lies auch

Teste dich