Rätsel Vererbung: Sie is(s)t wie ich!

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Rätsel Vererbung: Sie is(s)t wie ich!

Blaue Augen vererben sich, aber auch, wie man ein Brötchen isst? Familie.de-Redakteurin Anja Kleinelanghorst hat mal ihre Familie unter die Lupe genommen.

Meine Nichte isst Brötchen genau wie ich. Wir beide schneiden das Brötchen auf und dann brechen wir ein Stückchen ab. Ihr Leben lang hat sie mehrere hundert Kilometer entfernt von mir gelebt. Sie hat mich also nicht jeden Tag gesehen und sich gedacht "Wow! Was für eine coole Art, ein Brötchen zu essen!" Niemand in ihrer Familie isst Brötchen so.

Meine Schwester hat auch entdeckt, dass ihr Sohn die gleiche Bewegung wie ich macht, wenn er aus einer Flasche trinkt. Anscheinend gebe ich dem Behälter noch einmal eine kleine Drehung. Keine Ahnung, warum ich das mache, aber irgendwo tief in meinem Körper drin - man merkt, ich bin keine Genetikerin - steuert etwas meine Hand. Und genau diesen Impuls scheint auch mein Neffe zu haben, denn wie gesagt, abgeschaut kann er sich das nicht haben, dafür hat er mich viel zu selten gesehen. Oder ich habe ihn just in dem Moment besucht, als er seine zukünftige "Aus der Flasche trinken"-Routine entwickelt hat.

Der entscheidende Moment des Brötchenabreißens wurde leider nie eingefangen, deshalb muss dieses Brot-Abreiß-Bild reichen.

Wird Gestik vererbt?

Denn natürlich schauen sich Kinder Dinge ab - wenn Vierjährige mit ernster Miene und geneigtem Kopf Sätze wie "Das ist bedenklich" von sich geben, muss man nur Mama oder Papa anschauen, die genau dies in derselben Körperhaltung sagen. Ich will auch nicht alles der Vererbung zuschreiben. Gestik wird man wahrscheinlich imitiert haben - in unserer Sippe belehren alle mit erhobenen Zeigefinger und dieser scheint durch die Generationen zu gehen, denn schon meine Mutter berichtete von einem Zeigefinger-Opa. Oder ist es doch vererbt? Mein Mann überlappt beim Erklären seine Finger, was ziemlich merkwürdig ist, seine Eltern machen dies nicht. Aber sein Opa hat es getan, wenn ich meiner Schwiegermutter glauben darf. Nur war dieser schon unter der Erde, als sein Enkel geboren wurde! Sind die Gene also doch schuld?

Welches von den 46831 Genen (laut einer Zählung der John Hopkins Universität) könnte dafür verantwortlich sein? Seit 2006 wissen wir, dass sich die Mimik vererbt. Wir haben das eigentlich schon immer geahnt, denn die meisten von uns haben lebende Beweise tagtäglich vor Augen, aber 2006 wurde dies wissenschaftlich bestätigt. Bei einer israelischen Studie wurden blinde Personen untersucht und diese hatten das gleiche Mienenspiel wie ihre Verwandten. Besonders bei Anstrengungen, wenn wir unser Gesicht sehr verziehen, kommt das Erbe wohl durch. Eine Erklärung war, dass entsprechende Gene auf den Gesichtsmuskeln sitzen. Ich finde es einen faszinierenden Gedanken, dass es mein Stirnrunzeln schon im 19. Jahrhundert bei irgendeinem Menschen in Holland oder wo auch immer meine Vorfahren herstammen, gegeben hat.

Auch wie ein Mensch geht, muss sich doch vererbt haben. Das kann gar nicht anders sein. Wenn man dieselben O-Beine geerbt hat, bleibt einem doch gar nicht anderes übrig als schaukelnd zu gehen. Aber auch hier hab ich eine noch verwirrendere Variante von einer Kollegin, die es nicht fassen kann, dass ihre große schlanke Tochter genauso geht wie ihre kleine, etwas rundliche Oma.

Intelligenz-Gen? Gibt es so etwas überhaupt?

Ach, so vieles muss noch erforscht werden! Und bei 46831 Genen kann ich mir vorstellen, dass es  da sicherlich Wichtigeres gibt, als Essgewohnheiten oder Gänge zu untersuchen. Wer Intelligenz vererbt zum Beispiel. Da hieß es, dass sie von den Müttern kommt, da das "Intelligenz-Gen" auf dem X-Chromosom gefunden wurde. Das wurde dann schnell wieder relativiert. Wie so vieles in der Gen-Forschung. Mal hieß es, es wurde das "Faulheits-Gen" gefunden, aber dann doch wieder nicht. Genforschung scheint dann doch nicht so klare Resultate zu bringen oder sie ist einfach so kompliziert, dass sich die Medien nur die Rosinen rauspicken und vereinfachen.

Trotzdem - ich wäre doch sehr beglückt, wenn meine Theorie, dass Gestik, Gang und Frühstücksverhalten vererbt werden, irgendwann bestätigt wird. Auch wenn ich selbst keine Kinder habe, trägt sich dann etwas von mir weiter und sei es nur das Brötchenessen. Ist doch irgendwie schön.

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