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Hartz IV in Corona Zeiten: Viele Familien kommen kaum über die Runden

Risikofaktor

Hartz IV in Corona Zeiten: Viele Familien kommen kaum über die Runden

Familien die auf Hartz-IV angewiesen sind, kommen gerade während Corona kaum über die Runden. Das Geld ist sowieso immer knapp, aber zur Zeit müssen einkommensschwache Familien noch genauer schauen, wie sie zurecht kommen.

Für viele Eltern ist Corona und die fehlende Betreuung der Kinder sehr kräftezehrend. Die tägliche Menüplanung nervt, das Begleiten von Hausaufgaben fordert den Familienfrieden heraus und wir alle sind an unseren Belastbarkeitsgrenzen. Einige haben noch die Kraft sich zu beschweren, starten Petitionen und Aufrufe und machen sich stark für die Sichtbarkeit von Familien.

Unsichtbare Hartz-IV-Familien

Und dann gibt es die Familien, die unsichtbar werden. Die, auf die keiner mehr schauen kann, weil sie weder Ressourcen noch Kraft für Demos haben. Familien, bei denen schon in normalen Zeiten penibel auf jede Ausgabe geachtet werden musste, weil mit Hartz-IV das Leben bestritten wurde. Es sind die Familien, die nun kaum noch über die Runden kommen.

Unterstützung für Hartz-IV-Familien fehlt

Was viele Eltern nervt, das Ausdrucken von Hausaufgaben oder Beschäftigungsblättern, kann in einkommensschwachen Familien zum großen Problem werden. Druckerpatronen und Papier kosten Geld, Extraausgaben, die mit Vorlauf eingerechnet werden müssen. Während die einen, so wie ich, über die Essensplanung der nächsten Woche stöhnen, müssen Hartz-IV- Familien oft sehr genau rechnen, was überhaupt drin ist.

Plötzlich bricht das subventionierte Mittagessen in der Schule oder Kita weg, fordern Lehrer*innen, das Aufgaben digital gelöst werden. Dazu braucht es einen Internetanschluss und im besten Fall ein Tablet. Das besitzt aber längst nicht jede Familie. Und es gibt auch keine finanziellen Mittel, das mal eben so zu besorgen.

Gestiegene Kosten

Und dann sind da ja noch die gestiegenen Kosten. Der Stromverbrauch ist bei vermutlich allen Familien gestiegen, manche Lebensmittel sind teurer geworden. Desinfektionsmittel wird nirgendwo kostenlos ausgegeben. Den verpflichtenden Mund-Nasen-Schutz, den einige einfach so in den Einkaufskorb werfen, der kann einkommensschwachen Familien richtig weh tun.

Für die einen sind die aufgezählten Beispiele Kleinigkeiten, für andere sind sie die Entscheidung darüber, ob der Monat mit einer 0 oder einem Minus auf dem Konto endet. Das Einkommensgefälle in Deutschland ist an sich schon groß, durch Corona vergrößert sich die Kluft zwischen arm und reich noch weiter.

Armut macht krank

Eine Analyse von Versichertendaten, die das Institut für Medizinische Soziologe des Uniklinikums Düsseldorf zusammen mit der AOK Rheinland /Hamburg durchgeführt hat, kam zu dem Schluss, dass Armut ein Risikofaktor sein kann. Bei Hartz-IV-Empfänger*innen kann das Risiko, wegen Covid-19 im Krankenhaus zu landen, bis zu 80% höher sein, als bei Erwerbstätigen. Woran genau das liegt, wird jetzt untersucht.

Aber bereits die ersten Erkenntnisse sind erschreckend. Natürlich haben wir alle im Hinterkopf, dass es für Obdachlose gerade sehr schwer ist, dass sie sich leichter mit Covid-19 infizieren können. Sie können schlechter auf ihre persönliche Hygiene achten, weil viele Obdachlosenunterkünfte geschlossen sind. Und Abstand halten geht auch nicht, weil es meist sicherer ist, in einer größeren Gruppe zusammenzuschlafen.

Wovon sollen einkommensschwache Familien das zahlen?

Aber Familien, die betrifft das doch gar nicht? Eben doch! Denn nicht nur, dass immer mehr Familien in Obdachlosenunterkünften leben, weil sie sich die Miete für eine Wohnung nicht leisten können. Es kann eben auch nicht längst nicht jede Familie für den Zehnerpack Einmalmasken 30€ auf den Tisch legen. Und auch wiederverwendbare Mund-Nasen-Schutze kosten mehrere Euro. Da Kinder spätestens ab der Grundschule eine Maske tragen müssen, ist da schnell ein Betrag zusammen, denn eine Familie mit Hartz-IV nicht eben nebenbei stemmen kann.

Wir alle neigen dazu, nur unsere eigene Situation zu sehen, die anstrengend und schwer genug ist. Aber vielleicht sollten wir ab und zu auch an die denken, die in diesen schwierigen Zeiten mit den ganz großen Herausforderungen zu kämpfen haben.

Wer profitiert vom Konjunkturpaket?

Die nun von der Regierung beschlossene Mehrwertsteuersenkung und der 300€ -Kinderbonus sollen auch den Menschen mit wenig Einkommen zu Gute kommen, immerhin ist der Kinderbonus nicht auf die Grundsicherung anzurechnen. Aber wie viel haben Familien am Ende wirklich von der Mehrwertsteuersenkung? Wenn Lebensmittel immer teuer werden, auch in Folge von Ressourcenengpässen, dann wird eine Mehrwertsteuersenkung um wenige Prozent das nicht auffangen. Dann werden Familien mit geringem Einkommen weiterhin schauen müssen, wie sie mit wenig Geld gut kochen.

Die Tafeln fehlen als Unterstützung

Die Tafeln, die Essen auch an bedürftige Familien verteilen, haben vielerorts noch geschlossen. Diese Unterstützung, die oft den Unterschied zwischen Nudeln und Ketchup oder einem gesunden Essen machte, fehlt vielen Familien. Einkaufen im Supermarkt muss man sich leider leisten können. Dass es überhaupt nötig ist, dass eine gemeinnützige Organisation einspringen muss, um Familien zu helfen und die Bundesregierung hier nicht mehr tut, ist skandalös.

Kinderbonus wird von Kosten aufgefressen

Und der Kinderbonus soll laut Bundesfamilienministerin Franziska Giffey ja explizit dazu benutzt werden, die Kaufkraft zu fördern. Für einige Familien bedeutet das, ein neues Spielzeug für die Kinder. Oder die Anzahlung für einen Urlaub. Für andere sind die 300€ die Bezahlung eines Monatseinkaufes. Während manche Familien sich über das zusätzliche Geld, das auch erst im September und Oktober kommt, freuen, wissen andere schon jetzt, dass es ihnen vielleicht einen Monat rettet. Aber dann warten da auch schon die Stromrechnung, die Abrechnung für Warmwasser und die gebrauchte Herbst/Winterkleidung muss besorgt werden.

Die Bundesregierung lobt sich selbst, dass sie viel für einkommensschwache Familien tut. Die Frage ist nur: Wie viel weiß sie wirklich von den Nöten der Familien? Auch ich bin ja eigentlich die Falsche, hier darüber zu schreiben. Ich weiß nicht wie es ist, am Existenzminimum zu leben. Aber wir von familie.de finden es wichtig, dass wir auf alle Familien schauen. Dass wir denen, die vielleicht keine Kraft haben sich zu melden, eine Stimme geben. Wenn ihr von eurem Alltag als einkommensschwache Familie während Corona berichten möchtet, dann meldet euch gern via Facebook oder per Mail bei uns!

Andrea Zschocher
Das sagtAndrea Zschocher:

Meine Meinung

Neulich fuhr ich mit dem Rad durch Berlin und ärgerte mich über die überall herumliegenden Einmal-Mund-Nasenschutze. Und kam dann ins Grübeln. Viele von uns haben immerhin genügend Geld, dass wir, wenn es gefordert wird, ohne große Probleme Desinfektionsmittel und Atemschutzmasken kaufen können (obwohl ich meine genäht habe). Aber wir vergessen dabei, dass es ganz viele Familien gibt, bei denen das nicht so einfach möglich ist.

Eigentlich bin ich natürlich auch die Falsche, um diesen Artikel zu schreiben, ich kann nicht nachempfinden, wie es einer einkommensschwachen Familie in Zeiten von Corona geht. Ich bin nicht reich, aber ich weiß sehr wohl, dass es viele Familien gibt, denen es nicht so gut geht wie mir.

Bildquelle: getty images/ Hispanolistic

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