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Mehr Verantwortung bitte: Haustiere sind nicht nur ein Corona-Zeitvertreib

Skuriller Trend

Mehr Verantwortung bitte: Haustiere sind nicht nur ein Corona-Zeitvertreib

Um sich im Corona-Lockdown die Zeit zu vertreiben, kommen manche Menschen scheinbar auf die absurdesten Dinge: In den Tierheimen klingeln die Telefone Sturm, weil Menschen ein Haustier auf Zeit haben wollen, um die Kinder aus dem Haus in die Natur zu locken. Nach der Corona-Zeit soll es dann jedoch wieder ins Tierheim. Was macht das mit einem Tier, wenn es nur ausgeliehen wird? Wir fragen nach beim Tierheim Berlin.

Haustier aus dem Tierheim auf Zeit

Seit mehreren Wochen sind wir alle im Zuhause-Modus und müssen jeden Tag 24 Stunden mit der Familie in den eigenen vier Wänden verbringen. Dass führt familiär und persönlich zu großem psychischen Druck und bringt die Eltern in eine Krisensituation. Denn auf einmal hockt man den gesamten Tag aufeinander, muss als Eltern für die Kinder auch noch die Kita und Schule ersetzen und gleichzeitig Homeoffice und Arbeitsleben organisieren. Kontakt mit Menschen außerhalb der Familie ist kaum oder nur virtuell möglich. Da kommen wir alle nach der hundertsten Partie Monopoly oder der nur widerwillig aus Zeitmangel erteilten Erlaubnis doch noch eine Stunde am Computer hängen zu dürfen an unsere Grenzen.

Kein Wunder, dass einige Familien auf äußerst skurrile Ideen kommen, ihre Kinder aus dem Haus zu locken oder die Familie einfach mal ganz neu zu beschäftigen – mit einem ausgeliehenen Haustier vom Tierheim. Die Frankfurter Neue Presse berichtet von gehäuften Anfragen im Frankfurter Tierheim für ein Haustier, das man nach der Corona-Zeit wieder abgeben müsste. Das am häufigsten gewünschte Tier ist dabei der Hund, gefolgt von einigen Anfragen für Katzen.

Noch skurriler als diese Tatsache allein ein Lebewesen nur kurzfristig zu leihen, sind die Begründungen für diesen Wunsch: Man hätte im Homeoffice gerade Zeit für einen Hund nebenbei und das Tier hätte es besser als im Heim oder im Zwinger. Ein Mann wollte seinen Sohn mit einem Hund weg vom Computer locken. Wenn alle wieder zu Kita und Schule gehen und auch die Arbeit wieder normal beginnt, könne der Hund jedoch nicht da bleiben und müsse zurück ins Tierheim. Bei solchen Vorschlägen rollen Tierheimmitarbeiter nur mit den Augen.

Warum das Ausleihen eines Haustieres keine gute Idee ist

Auch im Tierheim Berlin gab es vermehrt solche Anfragen. Das Tierheim ist seit dem Lockdown Mitte März für Besucher geschlossen, doch nach einer Terminvergabe und telefonischem Vorgespräch geht die Tiervermittlung weiter. Anette Rost vom Tierheim Berlin hat uns verraten, wie das Tierheim mit solchen Anfragen umgeht und was das mit einem Tier macht, nach kurzer Zeit aus der Familie gerissen und wieder ins Heim gegeben zu werden.

Was sagen Sie zu diesem Wunsch der Menschen nach einem Haustier auf Zeit, was dann wieder gehen muss?

Ich glaube, dass erstmal ein guter Wille dahintersteckt, Menschen möchten einem Tier etwas Gutes tun – und vielleicht sich selbst auch. So hätten sie einen Begleiter durch eine Zeit, in der übliche Sozialkontakte so sehr eingeschränkt sind. Jedoch reicht der gute Wille hier nicht aus, denn dem Tier würden man nichts Gutes antun.

Wie fühlt sich ein Tier, wenn es nach kurzer Zeit wieder abgegeben wird?

Für ein Tier wäre dies eine traumatische Erfahrung. Stellen sie sich vor, Sie sind ein Hund! Sie warten viele Monate im Tierheim darauf, dass endlich jemand kommt und sie adoptiert und ihnen ein eigenes Zuhause schenkt. Dann, endlich kommt er, der „eigene“ Mensch, sie sind überglücklich und so dankbar, dass sie es endlich gefunden haben, – ein Zuhause und einen Menschen, der sich liebevoll um sie kümmert. Und dann, ganz plötzlich bringt ihr lieb gewonnener Besitzer sie wieder zurück in Tierheim. Geplatzt ist er, der Traum und sie verstehen auch nicht, was sie falsch gemacht haben und warum sie nicht bleiben dürfen.

Tiere sind Lebewesen, sie fühlen, sie empfinden, sie können sich freuen und sie können genauso auch traurig sein. Sie sind kein Tennisschläger, den man sich ausleiht und der es nicht übel nimmt, wenn man sich dann doch für´s Joggen entscheidet. Lebewesen leiht man nicht aus, und wir als Tierschutzverein würden das auch niemals unterstützen. Tiere verdienen ein Zuhause für immer.

Anette Rost, Tierheim Berlin

Aber für andere Länder kann es durchaus eine Option sein! In den USA beispielsweise gibt es sogenannte Kill-Shelter, also Tierheime, in denen die Tiere nach einer bestimmten Verweildauer getötet werden. Hier kann es also eine lebensrettende Maßnahme sein, ein Tier temporär zu vermitteln, da es dadurch dem sicheren Tod entkommt. In Deutschland sind Tierheime dieser Art undenkbar, – kein Tier wird getötet, nur weil seine Vermittlungschancen schlecht sind. Wir haben ein Tierschutzgesetz, welches im Grundgesetz verankert ist und diese Tötung verbietet.

Wie versuchen sie zu verhindern, dass Menschen jetzt ein Tier nur kurzfristig haben wollen?

Wir führen sehr ausführliche Vorgespräche, hinterfragen viel und die Kollegen in der Vermittlung sind sehr erfahren. Wenn sie den Eindruck hätten, dass hier keine Verbindung für ein Leben lang gesucht wird, dann würden sie das Tier nicht vermitteln. Aber wir bieten auch Alternativen wie zum Beispiel ehrenamtliches Gassi gehen oder Katzen streicheln! Wenn also das Herz nach einem Vierbeiner ruft, aber die Zeit für ein eigenes Tier nicht reicht, dann ist das vielleicht eine gute Möglichkeit. Wir können zwar aktuell keine neuen Unterstützer einsetzen, da wir – pandemiebedingt, die dazu nötige Schulungen nicht durchführen dürfen, – aber die Zeiten werden sicher bald besser und dann ist es wieder möglich.

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Bevor ihr euch dafür entscheidet, ein Haustier in die Familie aufzunehmen, solltet ihr gut überlegen, ob ihr die Zeit dafür habt. Das Tier zieht für immer bei euch ein und wird ein Teil eurer Familie sein. Haustiere sollten immer als Familienmitglieder betrachtet werden. Schon dann versteht sich von selbst, dass es keine gute Idee ist, ein Tier nur für kurze Zeit aufzunehmen.

Katja Nauck
Das sagtKatja Nauck:

Ein Tier hat auch Gefühle

Natürlich kann es immer Gründe geben, dass man ein Haustier wieder abgeben muss. Nicht umsonst sind die Tierheime leider viel zu voll von Haustieren. Doch der Wunsch, das Tier nur für kurze Zeit aus dem Heim zu holen und womöglich gar keine richtige Ahnung von seinen Bedürfnissen zu haben, ist leider gar keine gute Option. Wenn es viele Leute sicherlich auch gut meinen und denken, sie tun dem Hund oder der Katze etwas Gutes, wenn er mal ein paar Wochen aus dem Tierheim raus ist. Das Tier fühlt die gleiche traumatische Verunsicherung und Entwurzelung wie ein Mensch, der aus seiner Familie und vertrauten Umgebung gerissen wird. Daher gilt mein größter Respekt den Tierheimmitarbeitern, die auch in schwierigen Zeiten für die Tiere da sind und versuchen, ihnen ein möglichst sicheres Zuhause, hoffentlich für immer, zu suchen.

Bildquelle: Getty Images/damedeeso

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