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Schul-und Kitaöffnungen: Sind euch die Familien total egal?

Ich bin dagegen

Schul-und Kitaöffnungen: Sind euch die Familien total egal?

Alle Kitas und Schulen haben spätestens nach den Sommerferien wieder auf. Alles super? Nein, eigentlich nicht. Denn so ohne echte Konzepte kann das ganze eigentlich nur in einem zweiten Lockdown enden.

Ehrlich gesagt komme ich mir ein bisschen wie ein Versuchskaninchen vor. Plötzlich ist kurz vor oder spätestens nach den Sommerferien, alles wieder möglich, das hat die Bundesregierung gerade beschlossen. Da werden Schulen und Kitas wieder für den Regelbetrieb geöffnet, und zwar ohne echtes Konzept. Und ich habe das Gefühl, ein bisschen ist der Gedanke dahinter: Schauen wir doch mal, was passiert. Wird schon gut gehen, hoffentlich.

Plötzlich alles normal?

Also versteht mich nicht falsch, es gibt ganz sicher vonseiten der Schulen und Kitas Konzepte, ich bin fest davon überzeugt, dass sich Lehrer*innen und Erzieher*innen da viele Gedanken machen, wie sie das schaffen. Aber vonseiten der Kultusminsterien kann ich da keine Pläne erkennen, die mich überzeugen.

Alles soll plötzlich wieder normal werden, endlich auch für die Kinder. Die haben ja, gemeinsam mit ihren Eltern auch am längsten durchgehalten. Klar ist: Spätestens nach den Sommerferien wird Abstand halten nicht mehr gelten. Also für unsere Kinder. Für alle anderen schon, wurde je gerade noch mal von der Bundeskanzlerin bekräftigt. Im Prinzip sind unsere Kinder die Versuchskaninchen, bei ihnen wird demnächst geguckt, wie sich das so auswirkt, wenn die Abstandsregeln außer Kraft gesetzt werden. Mir ist klar, dass das auch illusorisch ist, Abstand halten in voll besetzten Klassenräumen oder bei Kita-Normalbetrieb. Aber war nicht irgendwie auch genug Zeit, auf solchen Problemen mal an höchster Stelle herumzudenken?

App und Händewaschen werden als Konzept nicht reichen

Häufiges Hände waschen, sicher, das wird gemacht. Ich freue mich schon auf die Berichte meiner Tochter, wie sie alle zusammen um das Miniwaschbecken im Klassenzimmer herumstanden und versuchten, ihre Finger wenigstens irgendwie nass zu machen. Die älteren Kinder können sich ja die Corona-WarnApp aufs Smartphone laden, so wissen sie, vermutlich nachdem die Schulklasse schon längst in Quarantäne steckt, dass eine*r von ihnen sie angesteckt haben könnte.

Aber, wenig Grund zur Sorge: Es gibt da ja diese eine deutsche Studie, deren vorläufige Ergebnisse zu dem Schluss kommen, dass Kinder unter zehn Jahren potenziell weniger ansteckend sind als Erwachsene. Und wenn sie sich mit Corona infizieren, dann haben sie einen milderen Verlauf.

Was ist mit Eltern, die einer Risikogruppe angehören?

Das ist für Eltern zunächst mal eine beruhigende Nachricht, denn klar liegt uns das Wohl unserer Kinder sehr am Herzen. Wir wollen nicht, dass sie krank werden. Aber wollen wir selbst krank werden? Was ist mit Eltern, die selbst zur Risikogruppe zählen? Wird da einfach in Kauf genommen, dass ihr Nachwuchs möglicherweise unwissentlich und ganz sicher ungewollt Corona mit nach Hause bringt. Was macht das mit Kindern, wenn sich herausstellt, dass sie nahe Angehörige mit Covid-19 infiziert haben und diese im Krankenhaus ums Überleben kämpfen. Ja, ich übertreibe, nicht jeder Verlauf ist tödlich. Aber Corona ist nun mal auch keine leichte Grippe.

Wer denkt an die Lehrer*innen?

Was ist mit den Lehrer*innen und Erzieher*innen? Wollen wir, dass sie, weil sie ihre Arbeit machen, krank werden, während sie unsere Kinder betreuen und beschulen? Ich kann das ganz klar mit nein beantworten. Denn: Regelmäßige Tests und Warn-Apps schützen nach wie vor nicht vor einer Ansteckung.

Gleichzeitig sehe ich mich aber auch gezwungen, meine drei Kinder in die Kita zu geben. Zum einen, weil sie ihre Freund*innen und die Erzieher*innen so sehr vermissen. Eltern sind nicht immer für alles ein guter Ersatz. Und Geschwister auch nicht. Zum anderen aber müssen wir Eltern schlicht auch arbeiten. Und nach bald vier Monaten alle zusammen zuhause ist die Luft raus. Und viele Eltern werden auch aufgefordert, vom Homeoffice zurück ins Büro zu kommen. Da müssen die Kinder betreut werden.

Druck der Eltern sorgt für Schul- und Kitaöffnungen

Ich werde das Gefühl nicht los, dass diese grenzenlose Öffnung von Schulen und Kitas nur deswegen plötzlich so massiv verfolgt wird, weil die Politiker*innen verstanden haben, dass Eltern nicht mehr können. Und um uns zu entlasten und gleichzeitig sicherzustellen, dass ja keine Arbeitskraft verloren geht, gehen nun bald die meisten Kinder wieder in irgendwelche Einrichtungen. Wer jetzt noch meckert, der bekommt dann ein "was willst du denn noch" entgegengerufen.

Warum seid ihr denn nicht endlich zufrieden?

In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" beschwerte sich Bundesfamilienministerin Franziska Giffey neulich schon, dass wir Eltern ja irgendwie auch ganz schön undankbar seien. Man könnte es uns, ich fasse das mal leicht überspitzt zusammen, gar nicht recht machen. Da gibt es nun dieses 300€ Corona-Kindergeld und wir Eltern meckern immer noch. Ich bin mir sicher, auch meine Wut über diese komplette und wenig koordinierte Kita- und Schulöffnung fällt für viele in die Kategorie undankbar.

Aber wisst ihr was, ich hätte auch noch zwei Wochen länger durchgehalten, wenn man mir dafür einen Plan präsentieren würde, der mehr beinhaltet als "Wir behalten das Infektionsgeschehen im Auge". Das ist natürlich tröstlich zu wissen, dass da mal jemand drauf schaut.

Bei einem Fleischverarbeitungsbetrieb schnellen aktuell die Infektionszahlen in die Höhe, über 7.000 Menschen sind in Quarantäne. Und was wird geschlossen? Die Schulen und Kitas! Dabei war da ja nun nachweislich nicht der Infektionsherd. Also sind wir Familien dann doch wieder die Verlierer. Denn für alle anderen gehts weiter wie bisher, nur der Schlachtbetrieb wurde eingestellt. In der Fleischfabrik haben sicher auch viele Menschen ohne Einhaltung der Abstandsregel miteinander gearbeitet. Wie soll denn verhindert werden, dass das, was in einem Betrieb passiert, nicht auch bei unseren Kindern passiert?

Ein Blick in die Glaskugel?

In Städten und Gemeinden, in denen aktuell kein Corona-Fall bekannt ist, da dürfen wegen mir gern alle sofort wieder die Kita und Schulen besuchen. So war das Ganze ja auch mal gedacht: Die Bundesländer entscheiden selbst und immer am Infektionsgeschehen ausgerichtet. Ich kenne die Glaskugel nicht, die alle Bundesländer besitzen, dass sie so fest davon ausgehen, dass nach den Sommerferien keine hohen Neuinfektionszahlen zu erwarten sind. Aber ich hätte diesen Blick in die Zukunft auch gern auch. So wüsste ich, was mich ab Herbst hier zuhause erwartet, wenn der zweite Lockdown kommt.

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Andrea Zschocher
Das sagtAndrea Zschocher:

Meine Meinung

Worüber vielleicht auch zu wenig gesprochen wird: Es gibt eine Schulpflicht! Während wir Eltern bei der Kita noch sagen können: Ach, lassen wir mal, müssen wir unsere Kinder alle zur Schule schicken. Ich bin selbst ab August Teil dieser neuen Realität. Und ich blicke mit großer Sorge auf eine Einschulung, bei der weder die Schule noch ich wissen, wie sie überhaupt stattfinden wird. Und was danach kommt, das ist auch unklar. Beispiele aus anderen Ländern, die Schulen wieder im Regelbetrieb geöffnet haben, zeigen, dass die Infektionen rasant nach oben gehen. Auch in Deutschland kam es in mehreren Bundesländern schon zu Infektionen in der Schule. Noch wird dann oft nur die eine Klasse unter Quarantäne gestellt, was mich verwundert. Schüler*innen haben ja durchaus klassenübergreifend Kontakt.

Das Gefühl, als Familien in der ersten Reihe zu stehen bei diesem "Schauen wir mal, ob das gut geht", da würde ich gern drauf verzichten. Ich bin sehr für Schul- und KItaöffnungen. Aber noch viel mehr bin ich für vernünftige Konzepte.

Bildquelle: getty images / monkeybusinessimages

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