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Virologe Drosten: So können wir den erneuten Lockdown verhindern

Ist das machbar?

Virologe Drosten: So können wir den erneuten Lockdown verhindern

Der Virologe Christian Drosten hat einen Plan, wie wir einen erneuten Lockdown vielleicht verhindern können. Er fordert ein Mut zum Restrisiko. Aber ist das für Familien alles umsetzbar?

Der Chefvirologe Prof. Christian Drosten hat sich mit einem Gastbeitrag in der Zeit aus den Sommerferien zurückgemeldet. In dem Artikel entwirft er einen Plan, wie wir einen zweiten Lockdown im Herbst vielleicht verhindern können. Gerade vor dem Hintergrund, dass die Zahlen der Neuinfektion im Moment wieder ansteigen, und einige Bundesländer mit dem Regelschulbetrieb starten, können wir tragbare Konzepte auf jeden Fall gebrauchen.

Christian Drosten Plan für zweite Welle

Christian Drostens Plan sieht folgende Punkte vor:

  • Maskenpflicht
  • Beschränkung privater Feiern
  • Klassen im Schulalltag voneinander trennen
  • Testungen nicht mehr bei Infektion sondern auf Infektiosität
  • Konzentration auf Cluster
  • Kontakt-Tagebuch führen
  • Mut zum Restrisiko

Kontakt-Tagebuch für Schüler*innen?

Besonders die letzten beiden Punkte dürften bei vielen Eltern mindestens für Irritationen sorgen. Dass unser Nachwuchs ein Kontakt-Tagebuch führen kann, darf bezweifelt werden. Wer seinen Kinder beim Abholen aus dem Hort nach den heutigen Spielkamerad*innen gefragt hat, der weiß wovon wir reden. Und auch der Mut zum Restrisiko klingt wenig verlockend. Gleichzeitig ist aber auch klar, dass es die absolute Sicherheit einfach nicht gibt.

Erste Welle gut gemeistert

Drosten lobte, dass wir die erste Welle gut gemeistert haben, unter anderem auch deswegen, weil "wir früh testen konnten und zwischen Gesellschaft, Politik und
den Infektionswissenschaften größeres Vertrauen herrschte als anderswo." Aber momentan steht all das auf der Kippe.

Zweite Welle ist anders

Denn die zweite Welle wird anders als die erste. Christian Drosten erklärt, dass der Virus im März durch Reisende und Skifahrer, vergleichsweise junge und gesunde Menschen eingeschleppt worden war. Corona hätte sich in dieser Altersgruppe verbreitet und sei dann auf die Alten und Kranken übergesprungen. Auch weil sich das Virus in Pflegeeinrichtungen ausbreitete, konnte es kontrolliert werden.

Die erste Welle sei "in die Bevölkerung eingedrungen", die zweite werde sich "aus der Bevölkerung heraus verbreiten", vermutet Drosten. Bedeutet im Klartext: Corona wird sich in allen sozialen Sichten und Altersklassen ausbreiten. Und durch die Urlaubsrückkehrer wird es sich auch gleichmäßig geographisch verteilen. Die zweite Welle wird, vermutet Drosten, "eine ganz andere Dynamik" haben. Und genau deswegen braucht es neue Konzepte.

Corona-Virus: Von Japan lernen

Dabei könnten wir durchaus von anderen Ländern lernen. In Japan wurde die Erfahrung gemacht, dass es wichtiger sei Cluster, also einen Ausbruch mit vielen Infizierten, einzudämmen, als Einzelfälle durch Tests überhaupt erst zu finden. Japan hatte es mit dieser Cluster-Konzentration geschafft, die erste Welle ohne Lockdown zu überstehen.

Gesundheitsämter sollen sich auf Cluster konzentrieren

Auch die Gesundheitsämter sollen sich auf diese Cluster konzentrieren, weil sie sonst bald überfordert sein werden. Man könne, so Drosten, das "Virus ja nicht wegtesten, man muss auf positive Tests auch reagieren.“ Für all die positiven Einzelfälle könnten auch die Hausärzte die Isolation anordnen. So können sich die Gesundheitsämter auf die Infektionsquellen konzentrieren.

Drosten schreibt: „War der Patient in einem Großraumbüro tätig, feierte er mit Verwandten, während er wirklich infektiös war, also etwa seit Tag zwei vor Symptombeginn? Noch wichtiger: Wo könnte sich der Patient eine Woche vor dem Auftreten der Symptome infiziert haben – könnte das in einem Cluster geschehen sein?“

Quellcluster da, wo viele Menschen sind

Wer zu einem "Quellcluster" gehört, müsse dann sofort in die Isolierung, notfalls auch ohne Test. Christian Drosten empfiehlt eine fünftägige Isolierung, am Ende der Zeit müsste dann aber getestet werden. Diese "Quellcluster" können alle Orte sein, an denen sich viele Menschen begegnen. Ob Großraumbüro, Vereinsmannschaft oder Schulklasse, potentiell ist hier die Ansteckung am größten.

Keine kompletten Schulschließungen

Der Virologe hofft, dass so auch komplette Schulschließungen verhindert werden können. Denn es müssten nur einzelne Klassen isoliert werden. Allerdings geht das nur, wenn die Klassen im Schulalltag voneinander getrennt werden. In der Praxis bedeutet das: Keine Durchmischung auf dem Pausenhof, keine Durchmischung im Hort. Und im besten Fall führen wir alle ein Kontakt-Tagebuch, um nachvollziehen zu können, ob wir Teil eines Clusters sind.

Zusammenhalt ist wichtig

Was für diese Strategie unabdingbar wäre: Ein Zusammenhalt von Bevölkerung, Politik und Arbeitgeber*innen. Fraglich, ob das gelingen wird, angesichts der vielen Menschen, die gegen Maskenpflicht und Abstandsregeln demonstrieren. Auch der Mut zum Restrisiko ist insbesondere für Risikogruppen sehr viel verlangt.

Quelle: Tagesspiegel

Andrea Zschocher
Das sagtAndrea Zschocher:

Meine Meinung

Die Idee mit den Clustern finde ich gut, weil auch ich mich oft frage, wie die Gesundheitsämter das eigentlich alles personell leisten sollen. Wenn ich aber von Mut zum Restrisiko und Kontakt-Tagebuch lese, dann mache ich mir Sorgen. Zum Einen, weil ich bei drei Kindern, die verschiedene Einrichtungen besuchen, gar nicht alle ihre Kontakte nachvollziehen kann (und sie selbst zu jung dafür sind).

Zum Anderen ist da natürlich immer die Sorge um die eigene Familie. Sollten meine Kinder das Virus bekommen und an uns Eltern weitergeben, wie schlimm erkranken wir? Was bedeutet das für uns als Familie. Leben ist immer Risiko, aber das ist hier auch meine erste Pandemie.

Was ich sehr begrüßen würde, sind feste Kontaktgruppen für Schüler*innen. Gern auch in kleineren Gruppen, so dass Abstand halten auch im Klassenraum möglich ist.

Bildquelle: getty images / Getty Images Europe / Sean Gallup / Staff

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