Experteninterview: Was tun bei Sprachstörungen?

Die Berliner Sprachheilpädagogin Dr. Sandra Niebuhr-Siebert gibt in diesem Interview Tipps, was Eltern bei möglichen Sprachstörungen tun können.


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Frau Niebuhr-Siebert, die meisten Kinder lernen weitgehend problemlos das Sprechen, bei manchen Kindern treten aber auch Probleme auf. In den Medien liest man dann häufig von Sprachstörungen oder Sprechstörungen. Stehen diese beiden Begriffe für ein und dasselbe Phänomen?

Dr. Sandra Niebuhr-Siebert: Nein. Es gibt Sprachstörungen und es gibt Sprechstörungen. Sprechen ist das, was wir tatsächlich motorisch tun. Es ist dabei völlig egal, was wir sprechen, es müssten dabei keine Wörter oder Sätze entstehen. Es geht vielmehr um die Artikulation, um das Bewegen von Lippen, Zunge, von Gaumensegel oder Stimmlippen. Wenn die Artikulation gestört ist, sodass bestimmte Laute oder Lautverbindungen nicht gebildet werden können, handelt es sich um eine Sprechstörung. Sprachstörungen betreffen die Verarbeitung von Sprache - also einen kognitiven Prozess. Die Kinder können in der Regel Laute ganz normal artikulieren, haben aber Probleme, einen Wortschatz aufzubauen, einen Wortschatz zu organisieren, die richtige Grammatik zu finden, die richtigen Regeln zu entdecken beziehungsweise abzuleiten oder phonologische Einheiten zu erkennen, also etwa ob es sich um ein b oder ein p handelt.. Wie können Eltern die Sprachentwicklung ihrer Kinder unterstützen und besser noch - fördern und so Sprachstörungen vermeiden? Das Entscheidende ist, dass Eltern mit ihren Kindern gemeinsam die Umwelt erkunden und ihre Kinder im Alltag sprachlich begleiten. Wir können nicht erwarten, dass ein Kind sprechen lernt, wenn nicht mit ihm kommuniziert wird. Sprechen lernen heißt ja eigentlich nichts anderes, als sich seine Welt Stück für Stück anzueignen. Und dabei geht es nicht allein um den reinen Sprechakt, sondern es geht um mehr: um das Erfassen der Umwelt. Und dafür braucht das Kind Konzepte. Beispielsweise bräuchte es ein Wort für Baum nicht, wenn es einen Baum noch nicht kennengelernt hat, und es braucht ein Wort wie rauschen oder rascheln oder knistern nicht, wenn es nicht wahrnimmt, was es bedeutet. Das Konzept „Baum“ ist also nicht nur das Bild Baum, sondern auch der Geruch Baum, das Anfühlen von Baum, das Hören von Baum und auch das Sehen von Baum. Seine Umwelt mit allen Sinnen wahrnehmen zu können, ist die Voraussetzung  dafür, dass der Mensch überhaupt auf die Idee kommt, diese Dinge auch zu benennen. Kurzum: Sprachanregend heißt nicht nur mit seinem Kind zu sprechen, sondern mit seinen Kindern die Umwelt zu erkunden. Und dafür müssen Eltern mit dem Kind losmarschieren: in den Zoo, an den See, in den Wald, auf den Spielplatz, in die Berge, durch die Stadt. Sprachentwicklung ist ja ein langer Prozess und verläuft nicht bei jedem Kind gleich. Woran merken Eltern, dass ihr Kind Sprachstörungen hat, beziehungsweise, wann handelt es sich nur um einen ganz normalen Abschnitt in dieser Entwicklung? Es ist doch oft so, dass Eltern besorgt ihre Kinder mit anderen Kindern vergleichen und merken: Mein Kind ist langsamer, es beginnt nicht mit einem Jahr, die ersten Wörter zu sagen, es kommuniziert kaum. Anhaltspunkte für Sprachstörungen können sein: fehlender Blickkontakt, das Kind reagiert mit zwölf Monaten nicht auf einfache Handlungsanweisungen, es benennt überhaupt keine Gegenstände. Ist das der Fall, dann sollten Eltern genauer hinschauen, ihren Kinderarzt darauf ansprechen. Auch Kinderärzte merken bei den Vorsorgeuntersuchungen, ob es Sprachstörungen gibt. Mittlerweile gibt es gute diagnostische Möglichkeiten, eine  Sprachentwicklungsstörung frühzeitig zu erkennen. Kinderärzte werden dann das Kind im Auge behalten und einen Logopäden oder einen Sprachtherapeuten hinzuziehen. Bei einer Auffälligkeit in der Sprachentwicklung kann es sich zunächst nur um eine verzögerte Entwicklung handeln, es können sich aber auch tatsächliche Sprachstörungen abzeichnen. Auf Eltern lastet eine große Verantwortung. Sie sollen sensibel für mögliche Entwicklungsstörungen ihrer Kinder sein, sie aber gewiss nicht ständig beobachten. Wie erreichen sie eine Balance zwischen Übervorsicht und Gelassenheit? Übervorsicht, Schuldgefühle und allzu große Sorge seitens der Eltern sind für Kinder keine besonders hilfreichen Begleiter in ihrer Entwicklung. Ich würde Eltern erst einmal empfehlen, alle möglichen Entwicklungstabellen mit Altersangaben beiseitezulegen und darauf zu vertrauen, dass ihr Kind abweichend von einer möglichen Norm seinen richtigen Weg finden wird. Schleicht sich dann doch Sorge in den Alltag, können Kinder nur davon profitieren, dass ihre Eltern einen Experten aufsuchen, um den Entwicklungsstand ihres Kindes und mögliche Sprachstörungen abklären zu lassen, von mir aus lieber auch einmal zu viel als zu wenig. Gibt es für Eltern denn noch weitere Hinweise für mögliche Sprachstörungen, auf die sie selbst achten können? Ja, Hinweise auf Sprachstörungen können zum Beispiel sein, ob ein Kind Lust am Sprechen hat, ob es sich mitteilen will oder ob es sich sprachlich eher zurückzieht. Ist das Kind zwei bis drei Jahre alt, kann die Lautentwicklung genauer überprüft werden, also ob ein Kind verschiedene Laute bilden kann, beispielsweise das b, m, l, r oder das g und das k. Auch Lautverbindungen, wie br, dr, gl sollten vom Kind mit drei bis vier Jahren richtig gebildet werden. Mit vier bis spätestens fünf Jahren sollte ein Kind dann auch die Laute sch und s richtig bilden. Und wie sieht es mit dem richtigen Konstruieren der Sätze aus, mit der Grammatik also? Das Besondere ist, dass wir in der Grammatik Entwicklungsabfolgen haben, die am Anfang nicht der Zielsprache der Erwachsenen entsprechen. „Ich Ball haben“ ist entwicklungsgrammatisch durchaus korrekt gebildet. „Haben“ ist unflektiert, also noch nicht gebeugt, und steht ganz hinten im Satz. Erst wenn das Verb gebeugt wird, muss es an die richtige, also die zweite Position im Satz rücken und mit dem Subjekt verbunden werden. Wenn das Kind aber sagt „Ich der Ball habe“, dann ist  das ein Zeichen dafür, dass im Entwicklungsverlauf etwas nicht stimmt und vielleicht Sprachstörungen vorliegen, weil die Beugung des Verbs nun nicht einhergeht mit der richtigen Stellung des Verbs im Satz. Welchen Einfluss haben denn Sprachstörungen auf das spätere Schreiben- und Lesenlernen? Im Übergang vom Kindergarten zur Schule hat das Kind andere Entwicklungsaufgaben zu meistern. Während es im Kindergarten - oder bis zu fünf, sechs Jahren - seine Erstsprache(n) erwerben muss, geht es später in der Schule vorrangig um das Erlernen der Schriftsprache. Der erfolgreiche Erwerb der Erstsprache(n) ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass das Kind ungestört und mit voller Aufmerksamkeit die Schriftsprache erlernen kann. Ist eine Erst- oder Muttersprache nur unvollständig erworben, muss das Kind, während es eine Schriftsprache erlernt, auch noch weiter seine Muttersprache richtig erwerben. Kinder können sich bei Sprachstörungen so auf der einen Seite den neuen Aufgaben nicht vollständig widmen und haben auf der anderen Seite wichtige Grundlagen nicht. Um beispielsweise ein b oder p zu schreiben, muss das Kind die Laute zunächst sicher voneinander unterscheiden können, also heraushören können, ob gerade ein b oder p gesprochen wurde. Quelle: Duden Elternratgeber Sprache- und Leseförderung. 48 Seiten.
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