Hilfe, mein Kind beißt! Aggressives Verhalten bei Kindern

Wenn das eigene Kind andere schlägt, beißt oder alles umwirft, sind Eltern oft ratlos. Warum Aggressionen bei Kleinkindern normal sind – und wie Sie am besten damit umgehen.


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Warum Kinder ausflippen


Ab dem Alter von knapp zwei Jahren beginnt sich das Sozialverhalten bei Kindern zu entwickeln. Ihr Kind lernt zum Beispiel im Spiel mit anderen Kindern, seine Bedürfnisse zu zeigen und sie mit den Bedürfnissen der anderen Menschen abzustimmen. Konflikte werden dabei häufig über aggressives Verhalten gelöst, wie hauen, kratzen, beißen oder etwas umwerfen. Was Eltern ungewohnt grob erscheint, vor allem bei einem so zarten, kleinen Wesen, ist ganz natürlich. Kleinkinder beißen und hauen, weil sie noch nicht mit Worten ausdrücken können, was sie wollen. Es fehlt schlichtweg die Alternative für Ihr Kind, seinem Ärger Luft zu machen und für seine Bedürfnisse zu kämpfen. Deshalb lässt die Aggressivität mit zunehmender Sprachkompetenz nach: Je besser Kinder sprechen lernen, desto weniger aggressiv lösen sie Konflikte im Normalfall durch Gewalt.
Insofern ist Beißen, Hauen, Kratzen, Dinge herunter werfen u.ä. im Alter von zwei bis circa vier Jahren ganz normal. Trotzdem ist es wichtig, dass Sie Ihrem Kind klar signalisieren, dass so ein Verhalten nicht in Ordnung ist. Greifen Sie sofort ein, wenn Ihr Kind anderen wehtut. Erklären Sie ihm ruhig (!) aber bestimmt, dass es anderen Kindern nicht wehtun darf. Gehen Sie auf den Auslöser der Aggression ein und zeigen Sie ihm, dass Sie es ernst nehmen. Aggression ist für Ihr Kleinkind ein Mittel, sich zu äußern, wenn ihm etwas nicht passt oder es etwas will. Ihr Kind darf nun lernen, dass es andere Möglichkeiten gibt, sich zu artikulieren. 

Aggressives Verhalten bei Kindern


© iStock
Ab wann ist Aggressivität bei Kindern problematisch?

Die Grenze zwischen dem normalen Maß an Aggressivität im Zuge der Selbstständigkeitsentwicklung und problematischem Verhalten lässt sich schwer feststellen. In der Regel nimmt die Hau- und Beißphase ab dem vierten Lebensjahr deutlich ab. Wenn Eltern den Eindruck haben, ihr Kind ist ungewöhnlich aggressiv, ist es aber ratsam, sich schon zuvor professionellen Rat zu holen. Wenn die Wutanfälle das Familienleben beherrschen oder sich Ihr Kind auch außerhalb seines vertrauten Umfelds wie dem Kindergarten oder der Spielgruppe wiederholt aggressiv verhält und andere Kinder deswegen Abstand von Ihrem Kind nehmen, kann es zu einem Teufelskreis kommen: Aggressive Kinder rufen Ablehnung bei anderen Kindern hervor, was dazu führt, dass ein Kind weniger mit anderen Kindern in Kontakt kommt – und statt sich weiterzuentwickeln noch aggressiver wird. Das führt zu mehr Ausgrenzung usw. Hier sollten Sie unbedingt eingreifen und mit der Erzieherin sprechen.

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Wenn Ihr Kind über das übliche Trotzalter hinaus auffällig aggressiv und zusätzlich impulsiv, unruhig sowie leicht ablenkbar ist, kann das auf eine Verhaltensauffälligkeit hindeuten.So stehen beispielsweise ADHS und aggressives Verhalten häufig in Zusammenhang. Deswegen überschneiden sich die Therapieansätze, die bei Aggression bzw. ADHS eingesetzt werden, in vielen Bereichen. Wenn Sie vermuten, dass das aggressive Verhalten Ihres Kindes mit ADHS oder anderen Verhaltensstörungen zusammenhängen könnte,  zögern Sie nicht, professionellen Rat einzuholen.
 
Aggressives Verhalten bei Kindern kann das Kind selbst und den gesamten Familienalltag erheblich belasten. Aggressivität ist häufig negativ besetzt und viele Eltern schämen sich, wenn sie von anderen Eltern oder der Lehrerin darauf angesprochen werden. Aggressivität, die über das normale Kleinkindverhalten hinausgeht, kann viele Ursachen haben. Ein Gespräch mit einem Kinderpsychologen oder einer Beratungsstelle kann helfen, die Ursache zu finden und Ihnen und Ihrem Kind zu helfen.

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Mögliche Ursachen von aggressiven Verhalten

• „Aggressive Gene“
Ein impulsives Gemüt wird zum größten Teil vererbt. Forschungen haben ergeben, dass sich eineiige Zwillinge in Sachen Aggressivität ähnlicher sind, als normale Geschwister. Trotz gleicher Erziehung unterscheiden sich adoptierte Kinder, also nicht blutsverwandte Geschwister, deutlich in ihrem Verhalten – und das bereits im Kleinkindalter. Das lässt den Rückschluss zu, dass die Erziehung einen kleineren Einfluss als die Gene auf die Aggressivitätbereitschaft hat.

• Das Geschlecht
Es mag ein Klischee sein, doch eines mit einem wahren Kern: Jungen neigen eher dazu, Konflikte mit den Fäusten zu regeln als Mädchen. Das hat biologische Gründe, denn Frauen schützen ihren Körper besser als Männer, da die körperliche Unversehrtheit einer Mutter für ihr Kind wichtiger ist als die des Vaters. Bereits als Kinder haben Mädchen daher weniger den Impuls, einen Konflikt mit Gewalt zu lösen als Männer.
Dazu kommt der Aspekt der Sozialisierung: Jungs werden eher dazu erzogen, ihre Aggressionen zu äußern als Mädchen.

• Familiäre Krisen
Die Gene spielen zwar eine sehr große Rolle für das Temperament eines Menschen, doch Aggressivität ist auch eine Reaktion auf Frustration. Gibt es in der Familie Probleme, ist zum Beispiel eine Trennung im Gange, leidet ein Elternteil unter Depressionen oder ist schlichtweg überfordert, kann sich die Spannung auf das Kind übertragen und sich letztendlich in Form von Aggressivität entladen. Dass Kinder Probleme nicht mitkriegen ist ein weitverbreiteter Irrtum. Wenn sie sehr klein sind, können sie die ganze Bandbreite eines Problems nicht verstehen, doch die Stimmungen, die Atmosphäre oder Ihre Traurigkeit kommen bei Ihrem Kind an. Aggressivität kann ein Zeichen sein, dass Ihr Kind unter der Situation leidet.

Aus diesem Grund setzen Therapien für verhaltensauffällige Kinder meist im familiären Bereich an. Eine Therapie, bei der das gesamte Umfeld miteinbezogen wird, ist bei aggressivem Verhalten sehr erfolgsversprechend.

• Inkonsequente Erziehung

Für Ihr Kind ist es sehr wichtig, dass es sich auf Sie verlassen kann. Das bedeutet, dass Regeln und Grenzen, die Sie aufstellen, auch eingehalten werden müssen. Es verunsichert ein Kind ungemein, wenn es im ständigen Wechsel von fehlender Erziehung und übermäßiger Kontrolle aufwächst. Die Beziehung zu den Eltern ist die erste soziale Bindung eines Kindes und damit die Basis für alle folgenden Beziehungen. Bindungsunsichere Kinder können leicht gehemmt, leicht reizbar und unberechenbar sein. Ein konsequenter Erziehungsstil kann das Temperament und Verhalten Ihres Kindes also maßgeblich beeinflussen.
Das können Sie tun, wenn sich Ihr Kind aggressiv verhält
1. Wenn Ihr Kind haut, schlägt, beißt o.ä., greifen Sie ein. Auch in der Trotzphase – und vor allem jetzt – muss Ihr Kind verstehen, dass das nicht in Ordnung ist.


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2. Seien Sie ein gutes Vorbild: Reagieren Sie auf die Aggressivität Ihres Kindes ruhig und einfühlsam. Es mag häufig schwierig sein, sein Kind in so einer Situation nicht anzuschreien, doch nur so lernt Ihr Kind, wie es sich anders verhalten soll. Überlegen Sie kritisch, wie Sie und Ihr Partner miteinander umgehen. Herrscht manchmal ein sehr wütender, lauter Umgangston? Ihr Kind lernt, und zwar jede Sekunde, jede Minute, jeden Tag. Was es sieht, übernimmt es, auch den Umgangston. Versuchen Sie, Ihrem Kind das Verhalten vorzuleben, das Sie sich von ihm wünschen.

3. Etablieren Sie eine Einschlafroutine. Achten Sie darauf, dass Ihr Kind jeden Tag zur gleichen Zeit und mit den gleichen Ritualen ins Bett geht. Das kann eine kleine Vorlesegeschichte o.ä. sein, wichtig ist, dass Sie sich möglichst jeden Tag daran halten. Routine schafft Sicherheit und Struktur und beruhigt. Ihr Kind wird ruhiger schlafen und tagsüber ausgeglichener sein.

4. Vermeiden Sie vorabendliche Überstimulation, wie actionreiche Fernsehsendungen oder laute und schnelle Kindermusik. Ermöglichen Sie Ihrem Kind, von den Abenteuern des Tages abzuschalten. Zu viele Eindrücke wie schnelle Fernsehbilder lassen Ihr Kind schlechter einschlafen, denn diese muss erst erstmal verarbeiten. Wenn Ihr Kind leicht reizbar ist, versuchen Sie die Fernsehzeit insgesamt auf ein Minimum zu beschränken. Aggressivität kann auch Ausdruck von Reizüberflutung und innerer Unruhe sein – mehr Ruhe und Ordnung, vor allem kurz vor dem zu Bett gehen, kann bei aggressiven Verhalten sehr viel bewirken.

5. Sprechen Sie mit Ihrem Kind über seinen Wutanfall. Warten Sie, bis sich Ihr etwas abgeregt hat, aber der Streit noch präsent ist. Das sind maximal 30 bis 60 Minuten danach. Fragen Sie Ihr Kind, warum es so wütend war und seinen Freund geschlagen hat. Erklären Sie ihm, dass es ganz normal ist, sich zu ärgern, aber Hauen, Beißen und Schlagen nicht in Ordnung sind. Überlegen Sie gemeinsam Alternativen, wie Ihr Kind sein Ziel ohne Gewalt erreichen kann. Sie zeigen ihm so, dass Sie es in seinen Gefühlen ernst nehmen, aber signalisieren deutlich, dass Gewalt nicht okay ist.

6. Loben Sie Ihr Kind! Positives Feedback bewirkt noch mehr als Kritik, denn es motiviert Ihr Kind, sich zu verbessern. Wenn Ihr Kind also das nächste Mal statt das andere Kind zu hauen, um sein Spielzeug wiederzubekommen, danach fragt, sagen Sie ihm, wie gut es das gemacht hat!

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Sophia Gesierich

von Sophia Gesierich




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