An die Leine mit dir! Ein Plädoyer für die Kinderleine

Während die Kinderleine in Deutschland in den letzten Jahren etwas in Vergessenheit geraten ist, scheint sie in den USA ein Comeback zu erleben. Mama Christine sagt: Gut so! Darum gehören Kinder an die Leine.


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Warum die Kinderleine eine der besten Erfindungen für Mamas ist

Kontrovers diskutiert: die Kinderleine


© iStock
Stillen oder Fläschchen, Familienbett oder Kinderbettchen – in Sachen Kindererziehung gibt es einige Themen, bei welchen sich zwei sehr unterschiedliche Lager herauskristallisieren. So auch bei der Kinderleine. Die einen halten sie für Gottes Geschenk und einen Garant gegen Unfälle und davonrennende Kinder, die anderen für ein Werk des Teufels, das Kinder bis ins Greisenalter verfolgen und schädigen wird.

Bevor wir nun aber groß die Vorteile und Nachteile der Kinderleine für Sie aufführen, lassen wir lieber eine Mama zu Wort kommen, die Erfahrungen mit der Verwendung der besagten Leine gesammelt hat und die Kinderleine deswegen für die beste Erfindung für Mamas nach Feuchttüchern und Tragetüchern hält.

Kinderleine: Ja, bitte!


Christine schreibt:

Hätte ich jemals gedacht, dass ich mein Kind an die Leine nehmen werde – und das auch noch gut finde? Nein, wirklich nicht. Ich fand den Anblick von einem Kind an der Leine im besten Fall kurios und im schlechtesten Fall entwürdigend – für Eltern und Kind. Ich hatte Bilder von den berüchtigten Helikopter-Eltern vor meinem inneren Auge, die ihr Kind nie flügge werden lassen. Von kleinen Tyrannen, die nie lernen, auf Mama und Papa zu hören und sich in Grund und Boden schämen, weil sie wie Hunde an die Leine müssen.

Und dann wurde ich zum zweiten Mal schwanger.

Meine Große, Katja, war fast drei Jahre und eine kleine Rabaukin. Und genau das liebe ich so an ihr: Ihre unbändige Neugier, ihren Enthusiasmus für Ihre Umgebung und ihren unbeschreiblichen Tatendrang. Ich bin mir sicher, wenn sie später mal nicht Abenteurerin wird, dann aber mindestens Olympiasiegerin. Doch mit wachsendem Babybauch wurde der Bewegungsdrang meiner Süßen für mich immer mehr zum Problem. Je größer meine Kugel wurde, desto schwieriger wurde es, mit meiner Tochter mitzuhalten. Zuhause war das nicht so das Problem, wenn sie vorausstürmte und ich ihr hinterherwatschelte. Doch in der Stadt wurde die Situation schon schwieriger, vor allem als aus dem Babybauch ein kleines Menschlein wurde, das ich im Kinderwagen oder Tragetuch mit auf die Reise bringen musste. Ich konnte einfach nicht mehr so schnell reagieren. Mich nicht schnell genug bewegen. Katja nicht immer im Blick behalten. Doch die Neugierde meiner Großen war nach wie vor aber ungebändigt. Die ganze Welt schien ein großes Forschungsprojekt für sie zu sein und vor allem in der Großstadt gibt es viel zu erforschen

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Es wurde immer anstrengender, die Bedürfnisse von beiden Kindern unter einen Hut zu bringen. Ich wollte Katja ihren Freiraum lassen und sie nicht immer an der Hand nehmen – wortwörtlich, da ich meine Hände ja auch für den Kinderwagen o.ä. brauchte – wollte sie aber dennoch in Sicherheit wissen. Klar, bringen wir unserer Tochter "Verkehrserziehung" bei. Klar, ermahne ich sie, nicht zu weit wegzulaufen. Aber was hält schon einen kleinen Entdecker auf, wenn er gerade vielleicht die Entdeckung seines Lebens gemacht hat? Denn das ist es nämlich: Die meisten Kinder laufen nicht davon, weil sie Unfug machen oder Mama ärgern möchten. Sie erspähen etwas und plötzlich ist alles andere vergessen. Verbote? Erziehungsmaßnahmen? Noch nie gehört. Der Enthusiasmus fürs Laufen und Entdecken ist viel zu groß, Mamas Ermahnungen sind in solchen Momenten komplett aus dem Gehirn verschwunden – kommen dem Kind nicht mal mehr in den Sinn.

Bei uns eskalierte die Situation schlagartig, als Katja auf S-Bahngleise gewandert ist und ich ihr – dank Kinderwagen im Gepäck – nicht schnell genug nachlaufen konnte. Passiert ist zum Glück nichts. Doch der Gedanke an diese Situation verfolgte mich die nächsten Tage ständig. Was wäre gewesen, wenn gerade eine S-Bahn eingefahren gekommen wäre? Was wäre wenn? Ganz ehrlich: Ich fühlte mich nicht mehr wohl damit, mit den Kindern in der Stadt unterwegs zu sein. Zu schnell kann meine Große da hinrennen, wo sie nicht hin soll. Zu schnell kann sie in der Menschenmenge untergehen. Zur schnell von irgendwem angefasst, belästigt oder gar mitgenommen werden.

Nach einem Gespräch mit meiner Schwiegermutter fiel die Entscheidung deshalb auf eine Kinderleine. Für mich war es tatsächlich eine enorme Erleichterung, dass gerade meine Schwiegermutter das Thema angesprochen hat. Versteht mich nicht falsch, ich komme durchaus gut mit meinen Schwiegereltern klar. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – ist natürlich der Wunsch da, gerade vor den Eltern des Partners nicht schwach, inkompetent oder gar als schlechte Mutter zu erscheinen. Doch dass gerade diese Frau, die vier Kinder großgezogen hat – und das nicht allzu schlecht, wenn ich mir meinen Mann so anschaue -, mir eine Kinderleine ans Herz legt, ohne Vorwürfe oder Missbilligung, das nahm mir eine große Bürde ab
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Eine Kinderleine sollte es also sein. Ich habe ein bisschen recherchiert und mir verschiedene Arten von Leinen angeschaut. Gleich durchgefallen ist das Modell "Handschelle". Hierbei bekommen Kinder den Gurt um ein Handgelenk geschnürt. Doch das kann das Kind darin einschränken, korrekt zu laufen. Außerdem ist es viel schmerzhafter für die Kleinen, wenn Sie den Widerstand am Arm spüren als wenn er sich am Rücken verteilt, wie bei den anderen Modellen – einem Rucksack und einer Art Sicherheitsgeschirr oder Laufgurt, der wie eine Weste angezogen wird. Wir haben uns letzten Endes für den Rucksack entschieden, da es diese in den verschiedensten Mustern und Designs gibt. So konnte sich meine Große den Begleiter aussuchen, der ihr am besten gefällt. Die Wahl fiel auf einen wirklich süßen Rucksack im Pinguin-Design, den meine Tochter ganz stolz in Empfang genommen hat, als er geliefert wurde. Für mich war es wichtig, dass Katja ihren Leinen-Rucksack nicht als Last oder Strafe ansieht, sondern als etwas Schönes, das nur ihr gehört. Ich habe ihr auch die Gründe für die Leine genau erklärt: Sie soll und darf ihren Freiraum haben, aber Mama und Papa wollen und müssen trotzdem sicherstellen, dass sie nicht verloren geht.

Ich bin ehrlich: Reibungslos war der Umstieg nicht und auch jetzt gibt es noch viele Momente, in denen Katja weiter hinaus will als es die Leine zulässt. Aber wir arrangieren uns alle damit. Ich habe wieder mehr Sicherheit, wenn ich mit den Kindern unterwegs bin und Katja hat ihren Freiraum, muss sich aber auch manchmal einfach in Geduld üben und lernen, auf ihre Mitmenschen Acht zu geben (das an alle, die denken eine Kinderleine ersetze Erziehung). Für mich und meine kleine Entdeckerin war die Kinderleine also auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Ja, ich bekomme oft schräge, kritische oder gar feindselige Blicke zugeworfen – vor allem von anderen Müttern. Meine Botschaft an diese Mütter lautet einfach nur: Bitte macht euch das Leben durch solche Voreingenommenheit und irgendwelche Gedanken darüber, was eine gute Mutter machen darf, nicht noch schwerer. Denn der Alltag als Mama ist schon schwer genug, da können wir doch froh sein, wenn wir Dinge und Taktiken finden, die den Alltagstrubel für die ganze Familie etwas entspannen.

Tipps für den Umgang mit der Kinderleine

Christine hat ein paar Tipps für alle Eltern, die sich für eine Kinderleine entscheiden:

➤ Eine Kinderleine ersetzt nie die Verkehrserziehung.
➤ Nie an der Leine ziehen oder das Kind dadurch gängeln.
➤ Während eine zu kurze Leine das Kind frustrieren kann, kann eine zu lange Leine ein Sicherheitsrisiko sein.
➤ Der Laufgurt/das Geschirr darf nie zu eng sitzen oder einschneiden. Achten Sie vor allem darauf, wenn es kälter wird und ihr Kind dickere Kleidung anhat.



von Nicole Metz




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