Dürfen Kinder den Streit der Eltern miterleben?

Warum Sie den Streit mit dem Partner nicht vor den Kindern geheim halten sollten und wie Sie ihnen dabei eine Menge Last von den Schultern nehmen können, erklären wir Ihnen hier.

Auch in glücklichen Ehen wird gestritten. Paare streiten wegen vergessener Termine, ungeliebter Verwandtenbesuche, der Urlaubsplanung, über Liebe und Arbeitsteilung. Eltern geraten bei Möbelhaus-Besuchen, beim Autofahren, an Feiertagen und am Montagmorgen aneinander. Was bedeutet es für die Kinder, wenn ihre Eltern im Clinch liegen?

Dürfen Kinder vom Streit der Eltern mitbekommen?

Die Antwort lautet: natürlich! Ärger und Unstimmigkeiten vor Kindern verbergen zu wollen ist wenig erfolgversprechend. Kinder sind feine Gefühlsseismografen, die schnell spüren, wenn etwas nicht stimmt. Und wenn Papa und Mama dann behaupten, es sei alles in bester Ordnung, ist das für den Nachwuchs sehr verunsichernd. Die Kleinen misstrauen ihrer eigenen Wahrnehmung und malen sich - mangels konkreter Informationen - in ihrer Fantasie unter Umständen das Schlimmste aus. Auch dass sie die Ursache für den Streit sein könnten. „Papa und ich sind gerade sauer aufeinander, weil wir unterschiedlicher Ansicht sind. Aber wir bemühen uns, dass wir uns bald wieder vertragen. Mit euch hat das gar nichts zu tun.“ Mit solch einer Aufklärung nehmen Eltern viel Druck von ihren Kindern.
Streitkultur lernen Kinder von und mit ihren Spielkameraden und den Geschwistern. Und zu einem großen Teil von den Eltern. „Wer Kindern vorlebt, dass Auseinandersetzungen ohne niedermachende Schimpfworte und mit Fairness ablaufen können, darf darauf hoffen, dass sie es einem langfristig nachtun“, sagt die Psychologin Angelika Faas. Es ist wichtig, dass Kinder zwei Dinge mitbekommen. Zum einen: Konflikte gibt es, aber man kann sie lösen. Zum anderen: Wegen eines Streits bricht die Welt nicht zusammen und die Liebe zueinander hört deswegen nicht au

Kinder dürfen nicht zum Schiedsrichter werden

Dass es im Leben auch Konflikte gibt, die kein schönes Ende finden, hat Katja Niemann erlebt. In der Trennungsphase von ihrem Mann flogen die Fetzen. Ihre Töchter Sina und Jasmin waren damals neun und 13 Jahre alt. „Jasmin wurde zu meiner Vertrauten. Nach und nach weihte ich sie immer mehr in meine Eheprobleme ein. Es war für mich eine große Erleichterung, und ich hatte auch das Gefühl, dass Jasmin damit umgehen konnte“, sagt die Speditionskauffrau. Ein Irrtum. Die gute Schülerin verpasste die Versetzung, ging vom Gymnasium ab und nahm stark zu. Heute macht Katja Niemann sich Vorwürfe, ihre Tochter nicht besser behütet zu haben. „Jasmins Klassenlehrerin empfahl uns den Besuch bei einer Kinderpsychologin. Dort kam heraus, wie sehr sie unter ihrer Rolle gelitten hat. Ich hoffe, wir können das wieder gutmachen“, erzählt ihre Mutter, die inzwischen ein geklärtes Verhältnis zu ihrem Ex-Mann hat. Eine Freundin von ihr trennt sich jetzt gerade von ihrem Partner. Katja nimmt die elfjährige Tochter öfter mal über das Wochenende zu sich. „Damit sie aus der Schusslinie ist. Schließlich weiß ich, was passieren kann, wenn Kinder in den Streit der Eltern verwickelt werden“, sagt Katja.
„Kinder dürfen nicht zwischen die elterlichen Streitfronten geraten. Sie können und sollen niemals Schiedsrichter sein. Und wer verlangt, dass das Kind für ein Elternteil Partei ergreift, handelt unverantwortlich“, warnt auch Familie&Co-Expertin Angelika Faas. Dazu gehört auch, dass man Kinder auf keinen Fall zu Mitwissern macht. Auch nicht im Teenageralter.

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