Freundschaf über das Internet: Geht das?

Ganztagsschulen, Sport- oder Ballettunterricht am Nachmittag: Heute ist es für Kinder immer schwerer geworden, selbsständig Freundschaften zu schließen. Kann das Internet dabei helfen, die Situation wieder zu entschärfen?

Freundschaft als "Entwicklungshelfer"

Heute weiß man: Freunde sind neben der Familie der wichtigste Entwicklungsmotor eines Kindes. Sie sind "heimlichen Erzieher", wie der Münchner Pädagoge Hubert Wißkirchen es formuliert. Wenn Kinder versuchen, sich in einer Freundschaft auf Regeln zu einigen, lernen sie dabei mehr, als wenn ein Erwachsener von vornherein alles bestimmt: argumentieren, zuhören, frei sprechen und formulieren und im Team eine Lösung finden. Die klaren, ungeschönten Rückmeldungen, die Kinder in einer Freundschaft bekommen, helfen ihnen, ein realistisches Selbstbild zu entwickeln. Nirgendwo kann man so gut beobachten, spiegeln und vergleichen wie im Kreise Gleichaltriger.
Und ein guter Freund unterstützt bereits durch seine bloße Anwesenheit. Britische Forscher ließen Testpersonen auf einer Bergtour schätzen, wie steil der Weg ist. Das Ergebnis: Sie hielten die Steigung für zehn bis 20 Prozent geringer, wenn ihr bester Freund dabei war oder sie an ihn dachten. Kinderfreundschaften sind zudem das große Übungsfeld für spätere Beziehungen. Kinder erproben in einer Freundschaft, wie man mit Nähe und Trennung, Streit und großen Gefühlen umgehen kann.
In den etwa 7000 kleinen und großen Konflikten mit Gleichaltrigen, die ein Kind nach Schätzungen von Entwicklungspsychologen jährlich durchzustehen hat, üben sie, sich zu vertragen und Regeln auszuhandeln. Sie lernen, mit Anerkennung oder Ablehnung umzugehen, Rücksicht zu nehmen, sich in andere einzufühlen und sich in der Gruppe zu behaupten.

Problem: selbstständig eine Freundschaft knüpfen

Aber in unserer Welt ist es für Kinder schwieriger geworden, selbstständig
eine Freundschaft anzubahnen und zu pflegen. Kita und Schule sind weiterhin die Orte, an denen Kinder sich treffen und im gemeinsamen Alltag zusammenwachsen können. Aber frei das Miteinander zu gestalten, ist heute seltener möglich als früher, in der Stadt ist es noch schwieriger als in ländlichen Gegenden. Kinder besuchen Ganztagsschulen oder gehen in den Hort. Oft sind die Nachmittage mit festen Terminen wie Sporttraining oder Musikunterricht geblockt. Das gemeinsame Spiel findet häufiger daheim unter elterlicher Aufsicht statt. Der Philosoph und "Kinder an die frische Luft"- Aktivist Andreas Weber sagt: "Früher verboten Eltern ihren Sprösslingen, drinnen herumzutoben. Heute untersagen sie ihnen, vor die Tür zu gehen."

Freundschaft aus dem Netz

Auch das Internet hat das Freundschaftsverhalten verändert: Ab dem Grundschulalter surfen Kinder im Netz. Finden sie dort tatsächlich neue Freunde oder führen sie nur bereits bestehende Freundschaften fort? "Beides", sagt die Kölner Sozialpsychologin Dr. Catarina Katzer, die seit Jahren zum Thema Kinder und Jugendliche im Internet forscht. "47 Prozent der Kinder, die wir befragt haben, sagten, sie hätten im Chatroom tatsächlich ganz neue Freunde kennengelernt. Aber das nachmittägliche Chatten ist auch eine Fortsetzung der vormittäglichen Beziehungspflege auf dem Schulhof."
Im Internet hat der Begriff "Freundschaft" eine andere Bedeutung. "Ohne Frage kommt es hier zu Bekanntschaften, die keinerlei Verbindlichkeit besitzen", sagt Katzer. "Aber man sollte die Bedeutung und die Tiefe dieses Austausches auch nicht unterschätzen. Nur weil er virtuell ist, ist er nicht gleich oberflächlich. Im Internet gibt es ebenso Gruppenprozesse und Cliquenbildung wie im realen Leben."
Aber die Expertin für Cybermobbing warnt auch: "Das Medium bietet die Möglichkeit, sich zu verstellen und ein anderes Aussehen oder Alter vorzutäuschen. Kinder wissen nie sicher, ob ihr Gegenüber wirklich elf oder nicht doch 31 Jahre alt ist." Eltern sollten auf diese Gefahr nicht mit Verboten, sondern mit Dialog und Aufklärung reagieren. Dafür müssen sie sich allerdings für das Medium interessieren. Wer sich etwa von seinen Kindern die Chatrooms erklären lässt, versteht auch besser die Begeisterung dafür. Chatten hinter verschlossenen Türen sollte es aber nicht geben. Geheimnisse zu haben, gehört zwar zu einer guten Freundschaft dazu – die sind aber im realen Leben immer noch am besten aufgehoben.

Und wenn eine Freundschaft zerbricht?

Realitisch sein: Bis ins Grundschulalter sind Freundschaften oft wechselhaft und zeitlich begrenzt. Das ist normal. Spielkompetenz und Verfügbarkeit sind in dieser Zeit noch wichtiger als Loyalität und Treue. Und: Kinder wollen neue Erfahrungen machen. Deshalb wenden sie sich immer wieder anderen Kindern zu, die ihnen neue Impulse geben. Was Erwachsenen vielleicht hartherzig erscheint, ist Teil der Entwicklung.
Trost spenden: Trotzdem, das Ende einer Freundschaft kann richtig schmerzen. Eltern trösten, indem sie Verständnis für Trauer und Zorn zeigen und den Kummer ernst nehmen, ohne einen Schuldigen zu suchen. So helfen sie, dass Kinder ihre Enttäuschung bewältigen und sich wieder in neue Freundschaften wagen.


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