Märchen und Kindergeschichten

Henry Hasenfuß (Ab 4 Jahren)


Henry war ein ängstlicher Hase, ein richtiger kleiner Hasenfuß. Am liebsten blieb er Tag und Nacht in seinem Versteck, denn er fürchtete sich vor allen wilden Tieren im Wald. »Henry, willst du nicht auch spielen gehen?«, fragte seine Hasenmama. »Deine Geschwister sind längst auf der Wiese.« »Und wenn der Fuchs kommt?«, fragte Henry, und seine Stimme zitterte. »Was mache ich dann?« »Dann rennst du blitzartig weg und schlägst einen Haken «, antwortete seine Mama. »Du bist doch viel flinker als der Fuchs.« »Und wenn nicht?«, fragte Henry, und sein Hasenherz schlug schnell. Er duckte sich unter die Äste des Busches, in dem er mit seiner Familie wohnte. Es wurde Herbst, und einige Blätter waren schon abgefallen.

Den anderen Hasen machte es nichts aus, aber Henry mochte es gar nicht, wenn der Wind durch die Äste pfiff und fremde, wachsame Augen ihn entdecken konnten. »Henry, du kannst dich nicht dauernd verkriechen!«, sagte die Hasenmama mit energischer Stimme. »Eines Tages musst auch du hinaus in die Welt.« »Oje«, murmelte Henry. Und er kniff vor Furcht die Augen zusammen. Der Tag kam schneller, als Henry es sich hätte träumen lassen. Am Ende des Sommers begann nämlich die Hasenschule. Und weil der Wald und die Hasenwiese groß waren und sehr viele Hasen darin lebten, war der Schulweg lang. Er führte an Wiesen mit frischen Wildkräutern entlang, über gluckernde Bächlein und vorbei an Schatten spendenden Bäumen. Alle Hasenkinder, bis auf Henry, freuten sich darauf, unterwegs zu spielen, zu plaudern und an köstlichen Kräutern zu knabbern. Nur Henry klappte die Hasenohren zu, wenn seine Geschwister davon redeten, und wollte von allem nichts wissen.


Henry Hasenfuß


© Ina Worms/ ellermann
Eines Tages war es so weit: Alle Hasenkinder versammelten sich auf der Wiese. Sie trugen ihre Ranzen auf dem Rücken und konnten es kaum erwarten, dass es losging. Henry war der Einzige, der sehnsüchtig zu seiner Mama schielte. »Was hast du?«, fragte Henrys Schwester Betti. Sie stupste ihn freundlich mit der Schnuppernase an. »Bist du denn gar nicht neugierig, wie es in der Schule sein wird?« »Kein bisschen«, sagte Henry. »Ich habe viel zu große Angst vor dem Schulweg!« »Aber warum denn?«, fragte Betti zurück. »Weil wir auf gefährliche Tiere treffen könnten«, sagte Henry, »oder uns verlaufen im riesigen Wald.« »Du bist so ein Hasenfuß, Henry«, sagte Betti kopfschüttelnd. »Uns wird nichts passieren. Außerdem sind wir nicht allein. Komm jetzt, es geht los!«
Zögernd hoppelte Henry seinen Geschwistern und den anderen Hasenkindern hinterher. Hinter der Wiese begann der Wald, und Henry schaute sich ängstlich nach allen Seiten um. Zunächst fiel ihm nichts Verdächtiges auf, doch dann erblickte er neben einer stattlichen Buche eine große Pfütze. Darin suhlte sich eine Wildschwein-Mama mit ihren Frischlingen. Sie legten sich in den Matsch und wälzten sich behaglich hin und her. Oje, dachte Henry. Wildschwein-Eltern konnten sehr ungemütlich werden, wenn man sie störte, davon hatte er schon oft gehört. Zum Glück fiel ihm ein, was seine Mama ihm geraten hatte. Er drehte um und rannte fort.
Da er als Schlusslicht hinter den anderen Hasen herlief, bemerkten sie gar nicht, dass Henry weg war. Sie hoppelten vergnügt weiter. »Guten Tag zusammen, schönes Wetter heute, nicht wahr?«, begrüßte Betti die Wildschwein-Familie. »Guten Tag, ihr Hasen!«, antwortete die Wildschwein-Mutter und grunzte freundlich. »Erster Schultag heute? Viel Spaß!« »Danke«, riefen die Hasenkinder und liefen weiter.

Henry war tief in den Wald geraten. Immer wieder hatte er Haken geschlagen, um die Wildschweine abzuschütteln. Nun sah er den Weg vor lauter Bäumen nicht mehr. Außerdem musste er sich setzen, um zu verschnaufen. Da erblickte er einen kleinen, runden Stein. Erschöpft ließ er sich darauf nieder. Im nächsten Moment erstarrte Henry, denn der Stein war nicht kalt und hart, sondern warm und weich. Und: Er lebte! »Uuaaah!«, machte Henry und sprang einen Satz nach vorn. »Uaaahh!«, machte der Stein. Henry wollte weglaufen, doch da rief eine Stimme: »Warte, bleib hier! Ich tu dir nichts!« Er drehte sich um. Der Stein war gar kein Stein, sondern ein Kaninchen. Es lächelte ihn freundlich an. »Hast du mir einen Schrecken eingejagt!« »Und du mir erst!«, entgegnete Henry. »Was machst du hier so alleine im Wald?« »Ich heiße Filippa und wohne hier«, sagte das Kaninchen. »Und du?« »Mein Name ist Henry«, sagte Henry. »Ich war auf dem Schulweg und bin vor den gefährlichen Wildschweinen geflohen.« Er sah sich um. »Wo wohnst du denn?« »Wir haben unseren Bau unter der Erde«, erklärte Filippa. Sie zeigte auf ein Erdloch. »Hier geht es hinein, wenn man in unsere Höhle will.« »Unter der Erde?«, fragte Henry. »Darf ich mir das mal ansehen?« »Klar, aber du musst den Bauch einziehen, sonst passt du nicht hinein«, sagte Filippa. »Wir Kaninchen sind kleiner als ihr. Mir nach!«

Henry hielt die Luft an und quetschte sich in den Kaninchenbau. Oh, wie schön er es hier fand! Die Gänge führten zu Kammern, in denen es warm und gemütlich war. Hier gab es keinen Wind, und niemand konnte ihn von außen sehen. »Bekommt ihr oft Besuch vom Fuchs?«, fragte Henry nach. »Oder von anderen Tieren?« »Blödsinn, die passen doch gar nicht durch den Gang«, erklärte Filippa. Henry war begeistert, als er das hörte. »So ein Zuhause möchte ich auch haben«, sagte er. »Zeigst du mir, wie man so etwas baut?« »Kein Problem«, sagte Filippa. »Komm, wir gehen nach draußen und suchen ein Plätzchen. Dann können wir loslegen.« Das ließ Henry sich nicht zweimal sagen.

Filippa zeigte ihm, wie er mit den Pfoten Erde wegschaufeln konnte. So lange, bis erst ein Loch und schließlich ein Gang entstanden. Henry, der größere Vorderpfoten als das Kaninchen hatte, brauchte nicht lange, bis er sich unter die Erde gegraben hatte. Er war so vertieft in die Arbeit, dass er nicht merkte, wie die Zeit verging. »Musst du gar nicht nach Hause?«, fragte Filippa. »Es wird schon dunkel.« »Stimmt«, sagte Henry. Zufrieden klopfte er sich die Erde von den Pfoten. »Morgen komme ich wieder und bringe meine Familie mit«, sagte er. »Super, dann werden wir Nachbarn«, entgegnete Filippa. Henry nickte und hoppelte ein Liedchen pfeifend davon. Er war so glücklich, dass er ganz vergaß, ängstlich zu sein.

Als er zur Wiese vor dem Hasenversteck kam, erblickte er die ganze Hasenfamilie. Irgendwas suchten sie. Doch nicht etwa ihn? Schnell hoppelte Henry auf sie zu. »Guten Abend zusammen!«, rief er vergnügt. »Henry, du lieber Himmel, wo warst du denn?«, fragte die Hasenmama. »Wir haben uns schreckliche Sorgen gemacht.« »Wieso denn?«, fragte Henry. »Ich habe uns nur ein neues Zuhause gebaut. Morgen zeige ich es euch, aber jetzt habe ich Hunger.« Mit diesen Worten stürzte sich Henry auf die Gräser, die auf der Wiese wuchsen. Alle wunderten sich, denn er sah sich kein einziges Mal ängstlich um, so glücklich war er. Als er satt war, legte er sich schlafen, denn er war so müde wie schon lange nicht mehr.

Am nächsten Tag führte er seine Familie zu dem Bau im Wald. »Hier können wir wohnen«, sagte Henry. »Es ist warm und gemütlich und absolut sicher.« Staunend untersuchten die anderen Hasen die Gänge und Kammern. »Wie hast du das bloß gemacht?«, fragte Betti ihren kleinen Bruder. »Ganz einfach«, sagte Henry. »Mit meinen Hasenpfoten.« Von da an nannte ihn niemand mehr einen Hasenfuß. Sondern alle sprachen nur noch von Henry mit den kräftigen Pfoten.

➤ Kategorie: Gute-Nacht-Geschichten

➤ Text von  Maren von Klitzing, Illustration von Ina Worms aus dem Buch "Tierische Vorlesegeschichten: Tiger, Hunde, Katzenkinder", ellermann im Dressler Verlag

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