Märchen und Kindergeschichten

Wenn der kleine Tiger faucht (ab 4 Jahren)


»Fang mich!«, ruft der kleine Tiger. Tapsig springt er von einem Stein zum anderen über den Fluss. Das Chamäleon sitzt auf einem Baum am Ufer und schaut ihm zu. »Sehr lustig«, sagt es beleidigt. »Du bist das schnellste Tier hier. Als ob ich dich fangen könnte!« Der kleine Tiger sieht seinen Freund herausfordernd an. »Na, komm, versuch es doch wenigstens. Fang mich!« Das Chamäleon streckt ihm seine lange Zunge heraus. Der kleine Tiger muss so lachen, dass er ins Wasser plumpst. Kichernd klettert er wieder heraus und schüttelt sich, dass die Tropfen nur so fliegen. »He, hast du Lust, mit mir zu baden?«, ruft er dem Chamäleon zu. Doch nanu? Das Chamäleon hat seine Farbe gewechselt und ist auf dem Baum kaum noch zu erkennen. Der kleine Tiger wundert sich. Das macht es doch nur, wenn es gefährlich wird. Oder will es Verstecken spielen? Da taucht im Wasser etwas Dunkles auf. »Ich fang dich gleich, du Knirps«, brummt das alte Krokodil den kleinen Tiger an. »Verschwinde hier, du verjagst mir die Beute!«


Wenn der kleine Tiger faucht


© ellermann / Katrin Oertel

Erschrocken springt der kleine Tiger zurück ans Ufer. Er macht sich ganz klein und klemmt seinen gelb-schwarzen Schwanz zwischen die Beine. »Ja, natürlich, entschuldige!«, sagt er leise und schleicht langsam rückwärts in den dichten Dschungel. Dort legt er sich auf einen morschen Baumstamm in die Sonne und wartet auf seinen Freund.
»Du hättest den alten Griesgram anfauchen sollen«, meint das Chamäleon, als es nach einer Weile bei ihm ankommt. »Nein, er ist viel größer als ich«, sagt der Tiger traurig. »Irgendwie sind immer alle viel größer als ich.« Betrübt betrachtet er seine kleine Tatze.

Da hört er ein Geräusch unter sich. Es kommt aus dem Baumstamm. Neugierig steckt er seine Tigernase hinein. »Huhu!«, ruft er. »Was fällt dir ein, du blödes Tigervieh!« Eine grüne Schlange schießt zischelnd aus dem Stamm hervor. Ängstlich weicht der kleine Tiger zurück und zieht seinen Schwanz ein. »Ich hab doch gar nichts gemacht«, sagt er. »Du hast mich aufgeweckt!«, zischt die Schlange. »Mach, dass du fortkommst!«

Eilig läuft der Tiger noch tiefer in den Dschungel. Erst auf der nächsten Lichtung hält er an. »Lauf nicht immer weg«, sagt das Chamäleon, nachdem es ihn endlich wieder eingeholt hat. »Tiger sind die Könige hier im Dschungel. Niemand sollte dich ärgern!« Der kleine Tiger seufzt. »Niemand sollte überhaupt irgendjemanden ärgern«, findet er. Da fällt ihm ein Zweig mit Blättern auf den Kopf. »Hahaha«, ertönt es aus den Bäumen. »Hört euch den an! König des Dschungels!« Drei kleine Affen schwingen sich durch die Äste. Sie kreischen und werfen noch mehr Zweige, bis der kleine Tiger ganz unter Blättern und Zweigen verschwunden ist. Dann erst huschen die Affen wieder in die dichten Blätterdächer. Das Chamäleon kriecht langsam zum kleinen Tiger unter den Blätterhaufen. Ganz klein liegt der Tiger im Dunkeln, seinen Schwanz hat er fest eingerollt. »Ich bleibe hier drin«, beschließt der Tiger. »Das ist ein gutes Versteck.« »Aber nein«, sagt das Chamäleon. »Komm heraus. Du bist stark, kleiner Tiger.« »Nein, bin ich nicht«, jammert der Tiger. »Doch, du weißt es nur nicht. Du musst dich groß machen. Stell dich gerade hin. Sieh den Tieren fest in die Augen und fauche sie an. Sag ihnen laut, wenn sie dich schlecht behandeln. Niemand darf so mit dir reden. Komm heraus, wir üben es einmal!« Der kleine Tiger stellt sich vor, wie er sich groß macht und laut faucht. Das gefällt ihm. Er befreit sich aus dem Blätterhaufen und faucht leise. »Gut, weiter so!«, lobt ihn das Chamäleon. Der Tiger brüllt: »Ich bin groß und stark!«
»Nein, bist du nicht!«, antwortet es kichernd aus den Baumkronen. Die drei Affen sind zurückgekommen und lassen sich vor ihm auf den Boden fallen. Einer von ihnen pikt dem Tiger kräftig in die Nase. Das tut weh! Jetzt reicht es dem kleinen Tiger. Egal, ob er stärker ist oder nicht, nun sagt er denen die Meinung! Er reckt den Kopf und macht sich groß, so groß er nur kann. Dann sieht er die Affen direkt an, holt tief Luft und faucht sehr laut: »Chrrr!« Die Affen ziehen verblüfft die Köpfe ein. »Hört auf, mich zu ärgern!«, sagt der Tiger laut. Dann dreht er sich um, lächelt seinen kleinen grünen Chamäleon-Freund stolz an und geht langsam mit ihm davon. Die Affen sind ganz still. Erstaunt sehen sie sich an. Dann verschwinden sie im Dickicht.

»Das hast du sehr gut gemacht«, findet das Chamäleon. »Das finde ich auch«, sagt der Tiger. Von da an übt er das Fauchen jeden Tag. Er faucht, so laut er kann, und übt, stark auszusehen und mutig zu gucken. Von Tag zu Tag wird er mutiger. Und von Tag zu Tag lassen ihn die anderen Tiere mehr in Ruhe. »Der wird allmählich zum Tiger«, wispern sie. Ja, der kleine Tiger fühlt sich jetzt wirklich wie ein Tiger. Und den Schwanz zieht er ganz bestimmt nicht mehr ein!

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Der kleine Tiger hat es satt: Immer wird er von den anderen Tieren geärgert, weil er so klein ist! Ab jetzt übt er das Fauchen!



➤ Kategorie: Gute-Nacht-Geschichten

➤Text von Sandra Grimm, Illustrationen von Katrin Oertel . Aus: "Starke Vorlesegeschichten. Helden, Freunde, große Taten", ellermann .

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