Schulnoten sind nicht unbedingt ein Abbild von Begabung

Schulnoten sind nicht unbedingt ein Abbild von Begabung

Dabei ist Begabung jedoch nichts, was man einfach hat oder nicht hat. Vielmehr ist sie das Ergebnis „eines dynamischen Prozesses, in dem die einzelnen begabt werden, sich in der Auseinandersetzung mit ihrer sozialen und materialen Umwelt begaben“, erklärt der Reformpädagoge Otto Herz - und betont damit noch einmal die Bedeutung des Wechselspiels zwischen Anlage und Umwelt für die Ausbildung individueller Lernlandschaften und Vorlieben für bestimmte Fächer. Für Eltern ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang die Nachricht, dass Schulnoten die innere Lernlandschaft bzw. Begabung von Kindern nur sehr ungenügend abbilden. Das liegt einfach daran, dass sich hochkomplexe, individuelle Lernprozesse nicht in dürren Ziffern wiedergeben lassen. So lässt sich aus Frederiks 4 in Mathe zwar durchaus ableiten, dass es mit dem Rechnen bei ihm nicht besonders gut klappt, seine Anstrengungsbereitschaft und die Leistung, sich intensiv auf den Test vorbereitet zu haben, drückt sich darin aber nicht aus. Kein Wunder also, dass Fachleute wie die Berliner Professorin für Grundschulpädagogik, Renate Valtin, für ausschließlich verbale Beurteilungen in der Grundschule plädieren. Schulnoten, so die Wissenschaftlerin, seien „informationsarm, subjektiv, wenig zuverlässig und - was das Schlimmste ist - nur innerhalb einer Klasse gültig.“ Für Peter Struck steht ohnehin fest: „Jeder Gymnasiast erreicht in mindestens einem Fach auch nur Realschulniveau, und jeder Hauptschüler könnte in mindestens einem Fach sogar im Gymnasium mithalten.“ Erst Schulnoten, so die Erziehungswissenschaftler übereinstimmend, machen aus diesen individuell bedingten Unebenheiten im Leistungsprofil einen Makel, auf den viele Schüler mit Beschämung reagieren - und mit Ausweichen: „Schüler gleichen Niederlagen, die sie z.B. in Deutsch aufgrund von Zufällen wie einem bestimmten Lehrer oder einer speziellen Unterrichtsmethode einstecken mussten, oft mit guten Leistungen in Mathematik aus. Und Kinder, die in Mathe, Deutsch und Englisch schlecht sind, werden oft in Sport, Sachkunde oder Physik gut, um irgendwo gut zu sein“, sagt Peter Struck. Statt also das Interesse und den Spaß auch an den Fächern zu fördern, in denen Schüler Schwächen haben, bewirken Schulnoten oft nur, dass sie sich in anderen Bereichen verstärkt engagieren - um so z.B. einen Notendurchschnitt zu erreichen, der es ihnen erlaubt, eine bestimmte weiterführende Schule zu besuchen.
Dabei könnte genau dies ein positiver Effekt von Leistungstests sein: Dass sie nicht der Auslese dienen, sondern einen Förderbedarf anzeigen. Da sich die meisten Lehrer aber mit dem Geben von Schulnoten begnügen und sich um die gezielte Aufarbeitung von Lernrückständen in einzelnen Fächern kaum kümmern, bleibt diese Aufgabe in der Regel an den Eltern hängen.