Streiten trainiert Freundschaften und Bindungen

Streiten kann sich auf Kinder positiv auswirken, ihre Bindungsfähigkeit und ihre Freundschaften stärken. Tipps für richtiges Streiten.

Die Familie als Ort, um streiten zu lernen

Eine freudige Nachricht gleich vorweg: Geschwister, die sich als Kinder viel streiten, können als Erwachsene ein Herz und eine Seele sein. Teilweise streiten sich Kinder so schlimm, dass die Eltern sie sogar in getrennten Zimmern unterbringen müssen. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen sind können Geschwister später miteinander eng befreundet sein und sich mit niemandem so konstruktiv und erfrischend streiten. Sie fressen nichts in sich hinein, sie tragen sich nichts nach. So ernten Kinder später die Früchte ihres jahrelangen Streit-Trainings.

„Die Familie ist der erste und beste aller Orte, an dem Kinder das Streiten lernen können“, sagt die Diplom-Psychologin Angelika Faas. „Und streiten zu können ist genauso wichtig wie Rad fahren oder lesen können.“ Und gar nicht so einfach zu lernen.
Der Nachwuchs streitet mit roten Köpfen und heiseren, tränenerstickten Stimmen. Es wird gekniffen, gehauen und geschrien. Lego-Bauwerke werden in Sekunden zerlegt, Puppenhaare abgeschnitten und Kuscheltiere im Waschbecken ertränkt. Zwischendurch fragt man sich: „Wie kann so viel Wut in einem Kind stecken?“ Hilfreich ist da schon, sich an die eigene, womöglich auch nicht nur von Engelsgeduld geprägte Kindheit zu erinnern… Beruhigende Worte für alle Eltern von kleinen Streithähnen findet Angelika Faas: „Es gibt Phasen, in denen Geschwister sich unglaublich fetzen. Zum Beispiel wenn sie einen Entwicklungsschub durchmachen oder ein Umbruch im Leben stattfindet. Solange es auch ruhigere Phasen gibt und der Streit nicht unversöhnlich endet, brauchen Eltern noch nicht beunruhigt zu sein.“

So sollten sich Eltern verhalten wenn Kinder streiten

Wie ein Kind streitet, hängt natürlich auch von seinem Temperament ab. Jedes Kind entwickelt individuelle Strategien, um sich zu behaupten: mit Tricks, mit Worten, vielleicht sogar mit Tritten. Gerade Kinder mit vielen Geschwistern entwickeln sich zu kleinen Strategen, die es verstehen, Streit und Versöhnung, Zuneigung und Gewalt gezielt einzusetzen.
Für Eltern stellt sich natürlich immer die Frage: Schlichten, strafen oder sich heraushalten? In dieser Frage sind sich die Experten einig: „Nicht einmischen!“, lautet ihr Rat. Das gilt für Geschwisterstreit, aber auch für Streitigkeiten mit anderen Kindern auf dem Spielplatz. Es ist für Kinder fast ausnahmslos hilfreicher, wenn sie die Zeit und Raum haben, ihre Konflikte untereinander und ohne elterliche Hilfe beizulegen. Zudem sind Eltern nur selten in der Lage, tatsächlich den „Schuldigen“ zu finden - in vielen Konflikten gibt es nämlich keinen klar zu benennenden Auslöser.

Gemeinsame Interessen können den Streit schlichten

Manche Eltern sind sehr geräuschempfindlich und schnell gereizt, wenn Kinder sich lautstark streiten. Und statt den Kindern die Verantwortung für den Streit abzunehmen, gilt bei diesen Eltern: Bei Nichtversöhnung wird Fernsehverbot erteilt - für beide Parteien. Meist reicht dann die Anwesenheit von Eltern, dass der Lautstärkepegel von streitenden Kinder erheblich sinkt. In Sekunden eint Kinder das gemeinsame Interesse: Fernsehen. Das klappt gut.

Nur wenn eine Streitpartei ausnahmsweise ganz unschuldig an dem Streit war, fühlt sich das Kind dann ungerecht behandelt. Aber in Familien ist es beim Streiten meist ähnlich: Fast immer wird ein Streit gleichmäßig von beiden Seiten angefacht. „Streit gehört zum Leben - keiner weiß das so gut wie Kinder. Sie streiten dauernd, und weil sie so gut streiten können, ist alles auch schnell wieder vergessen. Der beste Freund ist der, mit dem es wenigstens einmal am Tag eine kräftige Auseinandersetzung gibt. Hat man sich 'auseinander gesetzt', kann man sich auch wieder annähern. Das trainiert Freundschaft und Bindungen“, sagt der renommierte Kinderpsychologe und Buchautor Wolfgang Bergmann.