Wie Eltern die Gefühle der Kinder fördern

Wie Kinder „emotionale Intelligenz" entwickeln

Was können Eltern bei all dem tun? Wie können sie dazu beitragen, dass ihre Kinder produktiv und befriedigend mit ihren Gefühlen umgehen können? Ganz wichtig sind die ersten Lebensmonate: Im täglichen Miteinander mit dem Baby wächst die elterliche Liebe immer weiter, Mutter und Vater umsorgen es, schmusen mit ihm und befriedigen seine elementaren Bedürfnisse wie zum Beispiel Hunger. Das weckt im Baby ein tiefes Gefühl von Geborgenheit. Diese Gefühlslage bewirkt nicht nur, dass das Baby sich in einem konkreten Moment wohlfühlt und nicht schreit - es ist die wesentliche Voraussetzung dafür, dass es sich langfristig gut entwickeln kann. „Geborgenheitsempfindungen sind ganz entscheidend für die kognitive und die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes“, sagt Helga Joswig, Professorin für Lern- und Entwicklungspsychologie an der Universität Rostock.
Diese ersten emotionalen Erfahrungen, die ein Kind macht, werden nicht in einem bewussten Denkprozess abgespeichert, vielmehr ist es eine wogende Welle von Gefühlen, die das Kind durchströmt. Aber diese Gefühle prägen maßgeblich die Struktur und Entwicklung des Gehirns. Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther sagt: „Kinder brauchen Geborgenheit und emotionale Sicherheit, damit sie die hochkomplexen Verschaltungsmuster im Gehirn gut ausbilden können.“ Eine liebevolle Umarmung fördert die Verschaltung der Synapsen, aber auch Gefühlskälte hinterlässt entsprechende Spuren im Gehirn. Die Auffassung, dass man Babys zu sehr verwöhnen kann und ein bisschen Schreien nicht schadet, ist deshalb aus wissenschaftlicher Sicht längst überholt. Das Gegenteil ist der Fall: Kinder, die positive Erfahrungen mit ihren Bezugspersonen gemacht haben, speichern diese in ihrem emotionalen Erfahrungsgedächtnis. Diese Emotionen färben dann ein Leben lang - oft unter der Schwelle der bewussten Wahrnehmung - ihr Bild von der Welt und beeinflussen ihr Denken, Tun und Handeln.

Kinder entwickeln "Emotionale Intelligenz"

„Ich bin so traurig, weil ich meine Scherenschnitte bei Milla vergessen habe. Ich wollte sie dir so gern zeigen!“, jammerte meine sechsjährige Tochter neulich beim Abendessen. Später wird klar, was für eine tolle Leistung sie da vollbracht hatte: Sie hatte ihr Gefühl in Worte gefasst und sich gleichzeitig mit der Unabänderlichkeit der Situation abgefunden. Vor einem Jahr noch hätte sie vermutlich laut rumgeheult und in ihrem Unglück darauf bestanden, dass die Scherenschnitte wie von Zauberhand aus der Wohnung ihrer lieben Freundin herbeigeflattert kommen.
Gefühle wahrnehmen, Gefühle äußern und mit ihnen umgehen können - während der Kindheit und Jugend entwickeln sich die Fähigkeiten, die häufig gebündelt als „emotionale Intelligenz“ bezeichnet werden. Das geschieht vor allen Dingen im kommunikativen Wechselspiel mit den Eltern und anderen Bezugspersonen. „Es ist enorm wichtig, auf Gefühlsäußerungen von Kindern angemessen zu reagieren. Denn um eine Vorstellung von sich selbst zu bekommen, braucht ein Kind die Spiegelung seiner Emotionen“, erklärt die Verhaltensbiologin Gabriele Haug-Schnabel.
Das Fachwort dafür lautet „Affektverstärkung“. Besonders in ungewohnten Situationen versichern Kinder sich bei ihren Bezugspersonen, wie sie reagieren sollen. Das Phänomen kennen alle Eltern aus dem Alltag. Purzelt ein Kind vom Baumstamm, blickt es zu seinen Eltern. Schauen diese besorgt und erschreckt, fängt das Kind an zu weinen. Bleiben sie gelassen und ruhig, rappelt sich das Kind häufig von selbst wieder auf.

Wie Kinder Gefühle wahrnehmen

Je häufiger ein Kind in den vielen Situationen des Alltags erfährt, dass seine Gefühlsäußerungen wahr und ernst genommen und adäquat beantwortet werden, desto besser lernt es sich selbst in all seinen Gefühls-Schattierungen verstehen. Und die gelungene Eigenwahrnehmung ist wiederum die Voraussetzung dafür, sich in andere Menschen hineindenken und auf ihre Bedürfnisse reagieren zu können. Eine Fähigkeit, die sowohl für das ganz private Lebensglück als auch im Beruf sehr wichtig ist. Die Erziehungswissenschaftlerin Dr. Charmaine Liebertz sagt: „Der Arbeitsmarkt braucht keine Fachidioten mehr, sondern ganzheitlich gebildete Menschen, die sich flexibel auf neue Situationen einstellen und gut im Team arbeiten können.“

Kinder und Gefühle: "Lebenskompetenz" als Schulfach

Der Berliner Psychologe Professor Gerd Gigerenzer meinte jüngst in einem „Spiegel“-Interview sogar: „Wir sollten jungen Menschen in der Schule beibringen, wie wir alle funktionieren. Heute lernen Kinder viel über Technik. Aber in allen Dingen, die unsere Psychologie berühren, haben sie einen blinden Flecken.“ Erste Ansätze in diese Richtung gibt es bereits: An einer Heidelberger Schule können Schüler das Unterrichtsfach „Glück“ wählen.
In dem neuen Schulfach, das sogar fürs Abitur zählt, lernen sie so etwas wie „Lebenskompetenz“, zum Beispiel wie Körper und Seele zusammenspielen und wie Motivation funktioniert. Ein ähnliches Projekt ist in der bayerischen Kleinstadt Neumarkt angelaufen. An der Hauptschule gehört neuerdings das Schulfach „Erwachsenwerden“ zum regulären Unterrichtsplan. Neben den Kommaregeln und der Wahrscheinlichkeitsrechnung lernen die Schüler hier, den ersten Liebeskummer zu verarbeiten und darüber zu sprechen, was ihnen Familie und Freunde bedeuten.