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Gastartikel

Nach sechs Fehlgeburten: Wie ich die innere Leere wieder füllen konnte und ohne Kind glücklich bin

Kinder zu bekommen, gehört für viele Menschen zum Lebenskonzept dazu. Auch Christina Diehl hatte diesen Wunsch und wurde schwanger. Leider verlor sie das Baby relativ früh und versuchte es weiter: In fünf Jahren war sie sechs Mal schwanger und erlitt sechs Fehlgeburten. Was das mit ihr machte, wie sie mit den ständigen Nachfragen ihrer Umgebung umging und warum sie jetzt weiß, dass ein Kinderwunsch nicht deinen Wert als Person ausmacht, erzählt sie in ihrem Gastartikel.

Ja, sechs.

Ich hatte wirklich sechs Fehlgeburten und am Ende kein Kind. Und hätte mir jemand vor ein paar Jahren gesagt, dass ich trotzdem irgendwann wieder glücklich sein würde, hätte ich demjenigen den Vogel gezeigt. Aber so ist es. Ihr fragt euch sicher, was mir dabei geholfen hat? Nun, ich habe mir viel Zeit zum Trauern zugestanden und mich um mich selbst gekümmert - bis ich mein Schicksal schließlich akzeptieren konnte. Und wisst ihr, was mir wiederum gar nicht geholfen hat? Dieser ätzende Druck von außen, durch den Frauen immer noch viel zu oft suggeriert wird, dass sie einzig und allein nur durch Kinder glücklich werden können.

Nach meinen Fehlgeburten traute ich mich kaum mehr unter die Leute. Zu groß war die Angst vor den ständigen Nachwuchs-Fragen.

Ich kämpfte mit dem Gefühl, die Erwartungen meiner Mitmenschen nicht zu erfüllen

„Und? Wie sieht’s denn bei euch mit Kindern aus?“ Oh, wow. Diese Frage habe ich aber lange nicht mehr gehört. Aber dieser Typ, mit dem ich auf der Party meiner Freundin Klara vor gerade mal fünf Minuten ins Gespräch kam, hat sie mir tatsächlich soeben gestellt. Direkt nachdem wir uns kurz vorgestellt hatten und die Frage klärten, woher wir die Gastgeberin kannten und wie der jeweilige Beziehungsstatus war. Sicher meinte er die Frage nicht böse. Ich kann trotzdem nicht glauben, dass er sie so arglos raushaut. Eigentlich müsste er heutzutage wissen, dass er damit heikles Terrain betritt. Mich hätte er jedenfalls damit noch vor einer Weile komplett aus der Bahn geworfen.

Nach jeder weiteren Fehlgeburt traute ich mich aufgrund solcher Begegnungen kaum mehr unter Leute. Ich schluckte in solchen Situationen meine Tränen runter, während ich innerlich schier zusammenbrach. Fünfeinhalbjahre lang kämpfte ich so nicht nur mit dem Gefühl, meine Trauer über meine immer wiederkehrenden Verluste kaum zu ertragen, sondern zusätzlich die gesellschaftlichen Erwartungen meiner Mitmenschen nicht erfüllen zu können.

Ich sah mich für den Rest meines Lebens mit einem Loser-Stempel auf der Stirn, wenn das mit dem Kind nichts mehr werden würde.

„Ja, ich wollte mal Kinder“, antworte ich dem Typen jetzt, „aber nach sechs Fehlgeburten haben wir den Wunsch begraben und genießen seither unser Leben“. Klar, tut es mir nun leid zu sehen, wie der arme Junge versucht, nicht die Fassung zu verlieren. Aber so ist das eben: Wer fragt, bekommt eine ehrliche Antwort von mir. Weil das Leben nicht nur die vermeintlich schönen Geschichten schreibt. Und ich mittlerweile zuerst auf mich achte, bevor ich mir Gedanken über die Reaktion meines Gegenübers mache.

Mit der Möglichkeit einer Fehlgeburt hatte ich mich nie befasst

Mein Freund und ich haben über fünf Jahre lang versucht, ein Kind zu bekommen. Dabei sind wir zunächst ganz unbedarft an die Familienplanung rangegangen: „Wir lassen mal die Verhütung weg und schauen, was passiert“, dachten wir uns. Ich wurde sofort schwanger. In unserer Vorfreude suchten wir bereits potenzielle Namen für unser Baby aus – bis mir meine Ärztin während der dritten Untersuchung offenbarte, keinen Herzschlag mehr im Ultraschall erkennen zu können. Ich war am Boden zerstört, auch weil ich mich vorher nie mit der Möglichkeit einer Fehlgeburt befasst, geschweige denn in meinem Umfeld davon gehört hatte.

Da sollte ich noch nicht ahnen, dass sich diese Geschichte fünfmal für mich wiederholen würde. Schwanger werden war nie mein Problem - aber die Schwangerschaft blieb eben nie. Im Rückblick gehören diese Jahre zweifelsohne zu den schlimmsten meines Lebens. Ich verzweifelte zunehmend an dem Gedanken, nie Mutter zu werden und die vermeintlich „einfachste“ Aufgabe einer Frau nicht bewältigen zu können. Ich schlief schlecht, konnte mich auf kein anderes Thema mehr konzentrieren, litt an depressiven Verstimmungen.

In meiner Vorstellung gab es damals nur einen Weg raus aus dieser Hölle: Das Kind, das ich um jeden Preis bekommen müsste – weil mir das einzig wahre Glück ansonsten für immer verwehrt bleiben würde. Warum sonst las man in Zeitschriften ununterbrochen von prominenten Paaren, deren Liebe erst durch den Nachwuchs „vollständig“ und „perfekt“ wurde? Und weshalb sollte mich Tante Elsa bei jeder Familienfeier daran erinnern, dass meine Eltern sich schon lange wahnsinnig auf ihre Enkel freuen?

Und ganz sicher war es doch auch kein Zufall, dass die Assistentin des Geschäftsführers meine schwangere Kollegin neulich mit Glückwünschen überschüttete, obwohl sie vorher noch nie in unserem Büro aufgetaucht war? Nein, diese ständigen Reminder kamen sicher nicht von ungefähr, offenbar waren sich alle einig: Ein Kind krönt dein Leben, es macht es sogar erst so richtig schön und lässt alles bisher Dagewesene verblassen.

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Mein Gamechanger: Ein Gespräch mit meiner Freundin Katja und ehrliche Einblicken in ihren Mama-Alltag

Von diesem vermeintlich viel grüneren Gras auf der fruchtbaren Wiese der Mütter erzählte ich irgendwann einer Therapeutin, die ich in meiner Notsituation aufgesucht hatte. Ihre Reaktion stellte mich vor eine große Aufgabe: „Sie haben aber ein sehr einseitiges Bild vom Elternsein. Vielleicht sollten Sie sich mal mit einer Mama unterhalten?!“ „Puh, das ist hart“, dachte ich. Eigentlich mied ich Mütter lieber, um mich vor weiterem Seelenschmerz zu bewahren. Aber ich vertraute der Expertise meiner Psychologin, gab mir deshalb einen Ruck und ließ mich irgendwann darauf ein. Nachdem ich mich während meiner Kinderwunschzeit immer mehr von meiner Freundin Katja zurückgezogen hatte, bat ich sie eines Tages um einen Einblick in ihren Mami-Alltag. Und ahnte vorher nicht, dass dieser Schritt zu meinem absoluten Gamechanger werden würde!

Denn zum ersten Mal wurde mir klar, dass für Katja trotz der Geburt ihres Sohnes nicht ununterbrochen die Sonne schien. Sie liebte ihr Kind, das machte sie klar – aber erzählte gleichzeitig von schlaflosen Nächten, nervenaufreibenden Partner-Diskussionen um kinderfreie Zeiten und dem kompletten Verlust ihrer Selbstbestimmtheit.

Die Tatsache, dass wir uns gegenseitig unser Herz ausschütteten, brachte uns nach Jahren wieder eng zusammen und ließ mich ganz neu auf meine Situation blicken: Während Katja nämlich das Kind hatte, das ich mir schon so lange wünschte, beneidete sie mich wiederum um ihre verloren gegangene Freiheit. Was für eine Erkenntnis, die unsere Leben plötzlich nicht mehr in besser oder schlechter unterteilte und niemanden zur Gewinnerin oder Verliererin machte! Wir waren einfach wieder nur wir – beide gleichermaßen auf der Suche nach möglichst vielen guten Tagen.

Der Fokus auf mich hat mir nicht nur meine Lebensfreude, sondern auch meinen Selbstwert zurückgebracht.

Dieser Moment änderte alles für mich! Fortan beschloss ich, denjenigen Dingen mehr Raum zu geben, die mein Leben positiv bereicherten: meine Freiheit und Gesundheit zum Beispiel. Oder die Menschen, die mich liebten. Ich sammelte immer mehr davon, hörte auf, mich zu vergleichen und das Glück bei den anderen zu suchen. Ich verstand, dass ich zukünftig wieder selbst für meine Zufriedenheit sorgen könnte – auch wenn mein Schicksal es für eine Weile nicht gut mit mir gemeint hat. Step by Step schaffte ich so meinen Weg zurück ins Leben, bis ich die einseitigen Glücksprophezeiungen von außen gar nicht mehr hörte.

"Netter Versuch, Schicksal"

Um Gleichgesinnten Mut zu machen, schrieb ich meine Geschichte schließlich auf und merkte durch die überwältigende Resonanz, dass viele Frauen ganz ähnliche Schicksale erfahren, ohne mal offen und ehrlich darüber gesprochen zu haben. Erst jetzt begriff ich, wie wichtig es war, dieses Thema aus der Tabu-Zone zu holen. Und anderen Menschen zu zeigen, dass es immer einen Weg geben kann, das Schicksal in die Schranken zu weisen – und sei es noch so hart.

Mittlerweile begleite ich andere Betroffene als systemischer Coach und gebe ihnen Starthilfe, ihre persönlichen Geschichten zu verarbeiten. Meine grundsätzliche Message ist dabei immer die Gleiche: Gebt Euch die Zeit zum Trauern und glaubt darüber hinaus an eure eigene Kraft! Denn wenn ihr trotz unerfülltem Kinderwunsch happy werden wollt, dann schafft ihr das. Ganz einfach, weil ich es auch geschafft habe. Also trust me: you can trust you!

Über Christina Diehl

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Christina Diehl (*1974 aus Sindelfingen) ist Journalistin und leitete einige Jahre das Mode-Ressort einer Hamburger Frauenzeitschrift. Nach ihrem Umzug nach Köln arbeitete sie als Speakerin und Moderatorin einer großen Mediengruppe. Mit "Netter Versuch, Schicksal" hat sie ein sehr persönliches Buch über ihren unerfüllten Kinderwunsch geschrieben und zeigt darin, wie sie gelernt hat, wieder glücklich zu sein und dass persönliches Glück eben nicht vom Kinderkriegen abhängig sein muss. Als Coach und Autorin unterstützt sie Menschen, die ähnliche Erlebnisse haben und macht ihnen Mut, ihren eigenen Weg zu gehen. Auf Instagram erfahrt ihr mehr über sie.

Frauen sind "das schwache Geschlecht"? Weit gefehlt, bei dem, was wir alles ertragen müssen. Diese starke Frauenrollen in Filmen sind großartige Vorbilder für uns:

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Bildquelle: Christina Diehl

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