Der richtige Zeitpunkt für eine Schwangerschaft

Kinderwunsch

Der richtige Zeitpunkt für eine Schwangerschaft

"Den perfekten Zeitpunkt für ein Baby gibt es nicht." – Diese Weisheit kennen Sie bestimmt. Häufig genutzt von ungeduldigen (Schwieger-)Eltern oder Freunden, die auf die eigenen Zweifel offenbar keine bessere Antwort wissen. Aber helfen tut der gut gemeinte Rat bei der Entscheidung für oder gegen ein Kind nicht wirklich.

Sicher, der Wunsch nach einem eigenen Baby ist da, gerade wenn man im „richtigen Alter“ ist, einen tollen Partner hat und plötzlich alle um einen herum den großen Schritt wagen oder schon stolze Eltern sind. Da sieht man die beste Freundin mit Babybauch und freut sich während der gesamten Schwangerschaft mit. Es gibt ja auch kein anderes Thema mehr. Und wenn er dann da ist, der zuckersüße Nachwuchs, und einem den Kopf verdreht, verkünden schon die nächsten Freunde oder Verwandten eine Schwangerschaft. Außerdem hört man immer wieder Sätze wie „Kennst du noch die Melanie aus der Schule/aus der Uni? Die hat jetzt ein kleines Mädchen bekommen.“ Tja, schön für Melanie.

Das Herz sagt ja, der Verstand nein

Ein Baby, das wär’s. Aber es geht nicht. Zumindest jetzt noch nicht. Das Herz sagt ja, der Verstand nein. Erst einmal Fuß fassen im Job, der einem so viel Spaß macht. Vielleicht gilt es auch noch, die eine oder andere Aus- oder Weiterbildung zu Ende zu bringen, „etwas aus sich machen“, wie man so schön sagt, um die Karriereleiter noch ein wenig hinaufzuklettern. Vielleicht möchte man auch die Beziehung noch weiter festigen, sich sicherer werden. Und dann steht da natürlich noch der finanzielle Aspekt im Raum. Ein Baby zu versorgen wäre aktuell unmöglich, man kommt ja kaum selbst über die Runden.
Es geht also nicht. Und es scheint, als würde es aus diesen und vielen weiteren kleinen Gründen auch noch eine Weile dauern, bis man sich den Kinderwunsch erfüllen kann.
Obwohl, den perfekten Zeitpunkt gibt es ja sowieso nicht, sagen alle. Sollte man es einfach wagen? – fragt das Herz.
Vielleicht gibt es den perfekten Zeitpunkt wirklich nicht, wohl aber einen besseren als diesen! – antwortet der Verstand.

Jetzt oder später? Hauptsache, Sie reden über Ihre Wünsche und Zweifel.

Frauen werden immer später schwanger

Wenn Sie die gleichen Zweifel plagen und Sie den Kinderwunsch deshalb immer weiter aufschieben, dann tröstet Sie das vielleicht: Sie sind nicht allein. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass sich Frauen in Deutschland immer später ihren Kinderwunsch erfüllen. Während 1961 eine Frau im Schnitt mit 25 Jahren zum ersten Mal schwanger wurde, war sie 2006 bei ihrer ersten Schwangerschaft schon 29 Jahre alt. Und: Über 40 Prozent der Akademikerinnen hierzulande bekommen überhaupt keine Kinder.
Neben der Partnerschaft muss vor allem die berufliche Sicherheit und das Geld stimmen, fasst Helga Krüger zusammen, Soziologie-Professorin an der Universität Bremen und Mitglied des Expertenteams, das im Auftrag des Bundestages die Situation von Familien in Deutschland für den „7. Familienbericht“ untersucht hat.

Das Grundproblem: „Wir haben in Deutschland sehr lange Ausbildungszeiten, die längsten in Europa. Die meisten jungen Menschen kommen erst sehr spät ins Arbeitsleben“, sagt Krüger. Und dort erwartet sie erstmal ein befristetes Arbeitsverhältnis. Und eine Perspektive auf einen dauerhaften, sicheren Arbeitsplatz gibt es auch später nur bedingt. Zudem seien Betreuungsmöglichkeiten für ein Baby berufstätiger Mütter vor allem in Westdeutschland oft so unzureichend, dass sich nicht wenige Frauen vom Staat im Stich gelassen fühlen.

Was der Erfüllung des Kinderwunsches im Weg steht

Häufig spielt die finanzielle Lage eines Paares eine große Rolle, wenn es um die Entscheidung für oder gegen ein Kind zum jetzigen Zeitpunkt geht. Es gibt aber auch noch andere Sorgen und Zweifel, die der Erfüllung des Kinderwunsches im Weg stehen können.

Karriere vs. Familie – die end- und sinnlose Debatte

Die Diskussion Karriere vs. Familie nimmt oft engstirnige Züge an. Frauen, die sich früh für die Gründung einer Familie zum Teil auch mit vielen Kindern entscheiden, wird vorgeworfen, keine Lust auf Job und Karriere zu haben. Dabei entscheiden sie sich oftmals vollkommen bewusst für die besondere Rolle der (Vollzeit-)Mutter. Und diese Rolle kann natürlich sehr erfüllend sein.

Karrierefrau oder Mutter? Kein oder. Das eine schließt das andere doch nicht aus. Manchmal braucht es einfach eine Reihenfolge im Leben.

Im Gegenzug werden Frauen, die den Kinderwunsch dem Job hinten anstellen, viel zu oft hinter vorgehaltener Hand als „karrieregeil“ bezeichnet. Aber was ist falsch daran, wenn man seine Fähigkeiten und seine Ausbildung auch nutzen und etwas erreichen möchte? Sei es Geld oder die bloße Anerkennung. Dafür hat man gelernt oder studiert, es macht in den meisten Fällen ja auch Freude und kann ebenso erfüllend sein. Heutzutage sollte man sich nicht mehr rechtfertigen müssen, wenn man erst Karriere machen und dann eine Familie gründen möchte. Finanziell ist es ja oftmals auch gar nicht anders möglich. Ein Baby kann man leider nicht nur von Liebe allein ernähren und anziehen. Ein Kind kostet Geld und zwar nicht nur ein bisschen. Daher fragen sich viele Paare vor der Entscheidung für oder gegen ein Kind: Reicht unser finanzielles Polster dafür?

Finanzielle Sicherheit fördert Kinderwunsch

Viele Frauen haben auch einfach Angst, nach der Geburt eines Kindes nicht mehr in ihren Job zurückkehren zu können. Aber auch Männer plagen finanzielle Zweifel im Hinblick auf die Familiengründung. Zum Beispiel die Sorge, allein die Ernährerrolle stemmen zu müssen. „Die berufliche und finanzielle Sicherheit spielt eine entscheidende Rolle. In der Ausbildung schwanger zu werden, ist für die meisten keine erstrebenswerte Option“, weiß die Soziologie-Professorin Helga Krüger. Gibt es Probleme an einer Schnittstelle von Job und Familie, verschiebt sich der Kinderwunsch nach hinten. Laut Statistik fangen Frauen mit höherem Schulabschluss im Schnitt erst mit 29 Jahren an, über Kinder nachzudenken. Dennoch: „Die Entscheidung fürs Kind hängt nicht nur von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab, sondern in weit größerem Maße von persönlichen Umständen“, sagt die Psychologin Angela Voß und fügt in ihrem Buch „Ein Baby – jetzt, später oder nie?“ hinzu: „Welche Frau bekommt Kinder schon für den Staat?“

Persönliche Umstände spielen auch eine Rolle

Natürlich, der finanzielle Aspekt bei der Entscheidung für ein Baby spielt vor allem dann eine Rolle, wenn das Geld eher knapp bemessen ist. Braucht man sich darum weniger Sorgen zu machen, weil ein oder beide Partner gut verdienen und schon ein finanzielles Polster aufgebaut haben, dann liegen die Zweifel wohl eher in den persönlichen Umständen begründet. Und diese können natürlich vielfältig sein. Besonders Unsicherheiten an der eigenen Beziehung sind dann – oft auch unbewusst – immer wieder ein Grund. Vielleicht gibt es aber auch problematische Beziehungen oder Krankheitsfälle in den eigenen Familien, die es schwer machen, die Ruhe oder schlicht gesagt die „Nerven“ für ein Kind zu finden. Dazu kommt, dass Menschen, die selbst eine schlechte Kindheit hatten, in vielen Fällen an den eigenen Fähigkeiten als Mama oder Papa zweifeln. Aber auch Personen aus einem guten familiären Umfeld mit einer tollen Kindheit kann der Gedanke daran, die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen, schlichtweg überfordern.
Und natürlich gibt es auch diejenigen, die ihre „Freiheit“ als Kinderlose einfach noch nicht aufgeben wollen. Die gerne feiern und alle Partys mitnehmen, die zeit- und geldaufwendige Hobbys haben oder die gerne reisen und am liebsten erst die ganze Welt sehen wollen, bevor sie ein Kind in sie hineinsetzen. Ein Kind heißt zwar nicht, dass Partys, Hobbys und Reisen nicht mehr möglich sind. Aber es ist völlig ok, sich erst noch ein bisschen „auszutoben“, bevor man sich der Elternrolle stellt, die unbestritten Kompromisse und das Zurückstellen der eigenen Wünsche und Bedürfnisse fordert.

Checkliste: Der richtige Zeitpunkt für ein Baby

Am wichtigsten: Der Kinderwunsch sollte gemeinsame Sache sein. Worüber Sie deshalb als Paar sprechen sollten. Außerdem: Unsere Checkliste führt Ihnen die wichtigsten Aspekte vor Augen, wenn es darum geht, sich jetzt für ein Baby zu entscheiden oder lieber noch ein wenig zu warten.

Den Kinderwunsch als gemeinsame Sache ansehen

„Es ist wichtig, dass ein Paar schon vor einer Schwangerschaft klärt, wie es sich die Zukunft mit Kind vorstellt. Lassen Sie Ihrer Fantasie freien Lauf, werden Sie aber auch konkret“, rät Familientherapeutin Saskia zur Nieden. Erörtern Sie Fragen wie:
• Wollen wir beide arbeiten?
• Wie stellen wir uns die Erziehung vor?
• Wie können wir den Alltag mit Kind organisieren?
„Reden Sie miteinander, damit später keine Missverständnisse entstehen. Wenn man weiß, was auf einen zukommt, kann man leichter damit umgehen“, empfiehlt die Psychologin.
Den „richtigen“ Zeitpunkt für ein Baby muss jedes Paar dabei natürlich selbst finden. Denn auch wenn Geld und Beruf eine wichtige Rolle spielen, werden die meisten Kinder immer noch aus einem Gefühl heraus und nicht aus Vernunftgründen gezeugt – weil Kinder zum Leben dazugehören, weil sie glücklich machen, weil sie neue Perspektiven eröffnen, weil sie der Partnerschaft eine besondere Tiefe verleihen… Oder weil der Kinderwunsch einfach in einem verborgen ist.

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