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Bildungsforscher rät: Fehler zu machen ist so gut für unsere Kinder!

„Trial and error“ – ausprobieren, Fehler machen, besser machen. So geht das eigentlich immer, wenn wir Menschen etwas richtig lernen möchten: mit Gefühl und Verstand. Doch wir Erwachsenen stehen Kindern dabei oft im Weg. Wir haben mit dem Bildungsforscher Gerd Gigerenzer über die richtige Fehlerkultur gesprochen und warum Fehler Kinder eher motivieren können, statt sie zu bremsen.

7 Erkenntnisse für eine positive Fehlerkultur

Aus Fehlern werden Kinder klüger. Sie müssen Fehler machen dürfen und sie verstehen. Wir Großen sollten uns hüten, zu viel zu verraten von unseren „So geht das richtig“- und „Das macht man so“- Ansichten. Das sagt auch Prof. Gerd Gigerenzer, Direktor emeritus am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und seit 2020 Direktor des Harding-Zentrum für Risikokompetenz an der Universität Potsdam. Er verrät, welcher Erkenntnisse wir Erwachsenen uns bewusst sein müssen, um unsere Kinder zu unterstützen.

#1 Fehler sind oft auch etwas Gutes

Dem Wort „Fehler“ haftet stets etwas Negatives an. Dabei gibt es auch „gute“ Fehler, die wichtig für das dauerhafte Lernen sind. Dieser Tatsache sollten wir uns mehr bewusst sein, meint Prof. Gerd Gigerenzer. „Ein Beispiel: Das Kind lernt die Sprache, aber es reibt sich an den unregelmäßigen Tätigkeitswörtern. Es sagt zum Beispiel ‚ich denkte‘ anstatt ‚ich dachte‘. Das ist ein guter Fehler. Er zeigt, dass es die Regel anwenden kann – wie bei ‚ich machte‘. Durch Fehler bei der viel kleineren Zahl von unregelmäßigen Verben werden ihm dann auch die Ausnahmen von der Regel klar.“

#2 Fehler sind eine Chance zur Weiterentwicklung

Der richtige Umgang mit einem Fehler ist absolut entscheidend. Wir sollten anfangen, Fehler nicht als eine Dummheit, sondern als eine Chance zur Weiterentwicklung und zum Lernen zu sehen. Denn auf diese Weise wird uns oft klar, wie etwas eben nicht geht und wie wir es vielleicht besser oder anders machen können. Genau auf diese Weise entwickeln Kinder ihre Fähigkeiten. Allerdings unterbinden wir das, wenn wir ihnen vermitteln, dass man keine Fehler machen darf. Fehler sollten also nie ungenutzt bleiben, so Gerd Gigerenzer: „Wir Wissenschaftler legen unsere Forschung so an, dass wir aus Fehlern lernen können. Wir probieren Neues, um gute Fehler zu machen.“

„Ein schlechter Fehler ist der, aus dem man nicht lernt.“

Prof. Gerd Gigerenzer

#3 Es gibt nicht immer nur DIE eine Lösung für ein Problem

Eine typische Szene in der Schule: Eine Lehrerin fragt die Kinder nach der Lösung einer Aufgabe. Einige Ideen kommen, aber keine ist „die richtige Lösung“. Deshalb werden sie ignoriert, bis ein Kind die erwartete Antwort sagt. Das Problem dabei ist, wenn der oder die Schüler*in mit der falschen oder nicht ganz richtigen Antwort übergangen wird, lernt er oder sie nichts dazu. Solche Szenen spielen sich oft auch zu Hause ab. So gehen Chancen zur Einübung der Urteils- und Entdeckerkraft verloren.

Davor warnt auch Gerd Gigerenzer: „Noch immer lehren wir zu stark nach dem Schema, den Kindern zu sagen, dies ist richtig, das ist falsch, es gibt genau eine Lösung. Aber das ist ja meist nicht der Fall. Wir geben ihnen mehr mit auf den Weg, wenn wir sagen: Seht mal, hier ist ein Problem, ihr könnt jetzt Lösungen entwickeln. Auch in der Schule sollten wir stärker ein Forum schaffen, um Ideen zu produzieren, sie zu verteidigen und auch Argumente aufgeben zu können, wenn sie falsch sind.“

#4 Kinder sollten Zeit haben, Probleme selbst zu lösen

Wir Erwachsenen neigen durch unseren großen Vorsprung an gelebten Erfahrungen schnell dazu, zum „Besserwisser“ zu werden. Das beginnt oft bereits, wenn unsere Kinder die ersten Spielversuche machen. „Schau mal, der Ball muss in das runde Loch, der Würfel in das viereckige!“ Später geht es weiter. Irgendetwas gelingt dem Kind beim ersten Versuch nicht, es ist frustriert. Wir als Eltern greifen dann manchmal vorschnell ein, damit das Kind vorankommt.

Doch in Wahrheit verwehren wir ihm damit eine wichtige Erfahrung. Dass es manchmal mehrere Versuche braucht, bis etwas gelingt und dass es durchaus in der Lage ist, selbst auf die Lösung für ein Problem zu kommen, auch, wenn es länger dauern kann. Daher ist es wichtig, dass wir uns zurücknehmen, dem Kind seine eigenen Erfahrungen, samt Fehlern und Frustration, ermöglichen. Hat es dann selbst herausgefunden, wie etwas funktioniert, ist die Freude umso größer, und der Lerneffekt noch dazu.

#5 Fehler fördern das eigene Entdeckergefühl

Indem wir unsere Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen lassen, erwerben sie wichtige Kompetenzen. Durch Fehler eigene Wege zu finden und Lösungen herauszuarbeiten sind Fähigkeiten, die ihnen später im Leben immer zugutekommen werden. Zudem stärkt das Lernen mit dem Selbst-daraufkommen-Effekt die Persönlichkeit.

Dieses Gefühl, etwas wagen zu dürfen, ohne andauernd mit kleinen und kleinsten Korrekturen vom eigenen Weg abgebracht zu werden, ist für Kinder sehr wertvoll. Sicher ist es auch ein Grund dafür, warum sie die Geschichten von Abenteurern und Entdeckern so sehr lieben – denn die wagen es, ihrer instinktiven Neugier zu folgen, auch wenn dabei so einiges schiefgehen kann. Und oft ist dabei der eigene Fehler ein Helfer. Ohne ihn nämlich wären sie oft gar nicht weitergekommen. Dann triumphiert am Ende das eigene Entdeckergefühl, das Fundament lebenslangen Lernens.

#6 Wir sollten Kindern mehr Verantwortung übertragen

Nicht nur Kinder reifen heran, auch Mütter und Väter müssen sich weiterentwickeln: In Hinblick darauf, wie viel sie ihren Kindern zutrauen. Schon früh sollten wir damit anfangen, in gewisser Hinsicht immer mehr loszulassen. „Wenn wir unsere Kinder zu sehr vor jedem Risiko schützen, zahlen die Kinder einen Preis dafür“, warnt Prof. Gerd Gigerenzer. „Ein typisches Beispiel ist die Zunahme der Allergien wegen der Angst schon vor geringen Mengen an Schmutz. Insgesamt trauen wir Kindern und Jugendlichen zu wenig zu. Wir sollten ihnen mit dem Alter zunehmend Verantwortung übertragen. Dabei werden sie Fehler machen und können daraus lernen.“

Vor allem die Pubertät ist eine Zeit, in der junge Leute schnell Entscheidungen treffen, die vielleicht nicht besonders gut durchdacht sind. Doch das gehört zum Leben dazu, schließlich waren wir alle mal in diesem besonderen Alter. Der typische Leichtsinn in dieser Zeit bringt Eltern oft dazu, ihren Kindern nicht so viel Verantwortungsbewusstsein zuzutrauen. Doch: „Es ist aber auch ein Fehler, jungen Menschen, die schon bereit wären, Verantwortung zu übernehmen, diese vorzuenthalten. Diese Chance, zu reifen, steht ihnen zu“, findet Gerd Gigerenzer.

„Insgesamt trauen wir Kindern und Jugendlichen zu wenig zu. Wir sollten ihnen mit dem Alter zunehmend Verantwortung übertragen.“

Prof. Gerd Gigerenzer

#7 Eltern und Lehrer sollten achtsam mit Fehlern umgehen

Wir müssen lernen, den Wissensvorsprung, den wir als Erwachsene mit mehr Lebenserfahrung nun einmal haben, gegenüber Kindern, die gerade am Lernen und Entdecken sind, hintenanzustellen und akzeptieren, dass sie „gute“ und „schlechte“ Fehler machen und so Erfahrungen sammeln. Natürlich soll niemand in Lobeshymnen ausbrechen, wenn ein Kind darauf besteht, dass 2 + 2 = 5 ist, allerdings kann man es in diesem Moment auffordern, seine mathematische Entdeckung zu beweisen, um etwa aus 2 und 2 Äpfeln 5 Äpfel zu machen.

Es gibt viele Lehrer, die ihren Unterricht bereits „fehlerfreundlich“ gestalten und ihre Schüler mehr selbst probieren lassen. Sie nehmen Irrtümer auf und fragen sich, ob darin eine eigene Idee steckt. Das können wir Eltern auch tun, indem wir achtsam mit dem Fehler umgehen. Das braucht Mut, denn auch eine „falsche“ Klettertechnik auf dem Spielplatz oder ungelenkes Rumprobieren auf dem Rad gehören dazu – stets lernt der ganze Mensch. Aber es lohnt sich. Denn die Zukunft braucht mutige Um-die-Ecke-Denker und unsere Kinder echte Lernfreude.

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