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Selbstbewusstsein stärken: 3 einfache Tipps von der Expertin

Selbstbewusstsein stärken: 3 einfache Tipps von der Expertin

Interview

"Mama, kannst du das Kind fragen, ob es mit mir spielt?" Klar, könnte ich. Aber sollte ich auch? Die Situation passiert genau so, tausendfach, jeden Tag auf den Spielplätzen dieser Welt: Das Kind versteckt sich hinter Mamas oder Papas Beinen und schaut sehnsüchtig zum Sandkasten. Es würde so gern, aber es traut sich nicht. Und wir? Sollen wir den ersten Schritt machen? "Zeig ihm, dass es keine Angst haben muss", sagt das Engelchen auf meiner Schulter. "So wird es nie selbstständig", schimpft das Teufelchen.

Wie man es richtig macht und was schüchterne Kinder und ihre Eltern brauchen, weiß Inke Hummel. In ihrem neuen Buch "Mein wunderbares schüchternes Kind" zeigt sie, wie Eltern ihr Kind so annehmen können, wie es ist und wie sie das Selbstbewusstsein ihres Kindes stärken können. Damit es selbstständig wird und dem Druck von außen gelassen gegenübersteht. "Schüchternheit ist kein Makel", sagt die Pädagogin. "Schüchtern sein ist eine Eigenschaft wie viele andere auch. Und es ist gut, dass es sie gibt. Wir brauchen nicht nur Anführer*innen, Selbstdarsteller*innen und Rampensäue. Bunt ist gut, Vielfalt ist ein Gewinn."

Schüchtern oder introvertiert?

Diese beiden Begriffe werden total oft verknüpft und durcheinandergeworfen. Dabei sind sie absolut nicht dasselbe. "Schüchternheit kann im Temperament angelegt sein und heißt im Grunde nur, dass man in neuen Situationen mit vielen Reizen zögerlicher und vorsichtiger ist. Dass man lieber viele kleine Schritte macht", sagt die Expertin. "Schüchternes Verhalten kann auch durch eine Situation provoziert werden, wie etwa das typische 'Sich nicht trauen' auf dem Spielplatz, aber auch eine schwierige Lebenslage, die Trennung der Eltern, einen Umzug oder ähnliches."

Bei Introvertiertheit dreht sich dagegen eher um die Frage "Wo bekomme ich Kraft her?". "Introvertierte finden die eher bei sich, in der Ruhe, Entspannung, einem Buch. Extrovertierte suchen die Kraft in der Interaktion mit anderen oder in der Anspannung, wie beim Sport." Introvertiertheit und Schüchternheit bedingen einander nicht.

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Schüchtern aber selbstbewusst?

"Ich tue mich schwer, einen Begriff für das Gegenteil von Schüchternheit zu finden", sagt Inke Hummel. "Oft wird 'selbstbewusst' gegenüber gestellt. Dabei gibt es ganz viele schüchterne und gleichzeitig selbstbewusste Menschen. Das ist es auch, was ich mit meinem Buch erreichen möchte: Dass die Kinder zu Erwachsenen werden, die sich ihres Selbsts bewusst sind. Die für sich wissen, 'Ich bin schüchtern, ich brauche meine Vorlaufzeit und Planung. Ich erreiche meine Ziele mit kleinen Schritten. Das bin ich.'  Wenn ich mir dessen bewusst bin und es mir Probleme bereitet, kann ich jemanden finden, der mit mir trainiert. Zum Beispiel, wenn ich einen Beruf haben möchte, in dem ich zum Beispiel vor vielen Menschen sprechen muss."

Schüchtern sein ist nichts negatives, sondern eine Eigenschaft wie viele andere auch.

Inke Hummel

Was tun, wenn das Kind schüchtern ist?

Wir müssen unseren Kindern vor allem helfen, sich richtig einzusortieren, eben dieses Selbstbewusstsein zu stärken. Das heißt auch, dass wir sie für Kommentare von außen stark machen müssen. "Viele Eltern sind gar nicht unglücklich in der Situation, die meisten Kinder auch nicht. Der Druck und die Zweifel kommen aus dem Umfeld", sagt Inke Hummel. "'Sei doch nicht so schüchtern' heißt es da oft. In meinem Buch möchte ich den Eltern mitgeben, wie sie ihr Kind stärken können, die negativen Blicke von ihm weghalten können." Das gelingt natürlich nicht immer. Wichtig ist vor allem

  • dass das Kind von den Eltern lernt, dass es ok ist, wie es ist. Schüchtern sein ist nichts negatives, sondern eine Eigenschaft wie viele andere auch.
  • dass ihr darauf schaut, was euer Kind will. Bei unserem Beispiel vom Spielplatz wäre das "mit einem anderen Kind spielen". Dann kann man gemeinsam überlegen, wie das Kind da hin kommt und wie ihr ihm helfen könnt. Vielleicht könnt ihr euch gemeinsam einen Gesprächseinstieg überlegen. Oder es hilft schon, wenn ihr seine Hand nehmt und bei ihm bleibt.
  • dass der Blick vom Kind ausgeht. Setzt eure Erwartungen als Elternteil vielleicht etwas zurück. Argumentiert nicht mit "Alle anderen machen/können das auch".
  • dass ihr vorlebt, dass Scheitern nicht schlimm ist und auch das Scheitern des Kindes nicht verurteilen.

Schüchterne Eltern, schüchternes Kind?

"Das hat er ganz klar von mir" - viele Verhaltensweisen und Charakterzüge scheinen unsere Kinder von uns zu erben, vieles lernen sie durch Nachahmung. Wie also, kann man als schüchterner Mensch, seinem Kind ein gutes Vorbild sein? "Auch Eltern müssen sich nicht verbiegen", sagt Inke Hummel. Hier kommt es wieder auf das Selbstbewusstsein an, also darauf, sich seiner Selbst und seines Wesens bewusst zu sein. "Sehr forsche Eltern sind vielleicht gute Vorbilder, können sich aber eventuell nicht so gut in die Schüchternheit ihres Kindes einfühlen. Eltern, die ebenfalls schüchtern sind können das besser. Ihnen fällt es aber andererseits schwerer, den Kindern vorzuleben, wie man sich in gewissen Situationen verhält." Ihnen rät die Expertin, in die eigene Geschichte gucken. Was hat mich geprägt? Haben meine Eltern mir zu viel abgenommen? Oder zu sehr geschupst? Durfte ich nicht schüchtern sein? Danach können sie ihr eigenes Verhalten anpassen.

Eine weitere Chance sieht die Pädagogin darin, die gemeisame Thematik auch gemeinsam anzugehen. "Man kann sich kleine Übungen aussuchen: Mehr telefonieren, Beratungsgespräche im Geschäft anfangen und auch mal nichts kaufen. Dem Kind zeigen, dass es auch für einen selbst eine Herausforderung ist - das macht Mut und es tut den Kindern gut, zu sehen, dass sie nicht allein so sind."

Zu schüchtern für die Schule?

Während Schüchternheit im Kindergartenalter noch keine größeren Probleme darstellt, machen sich viele Eltern Sorgen, sobald es Richtung Einschulung geht. Auch hier möchte Inke Hummel den Druck nehmen: "Viele bekommen die Schulinfo von der Gemeinde schon, wenn das Kind gerade einmal vier Jahre alt ist. Die Einschulung ist aber erst in  zwei, zweieinhalb Jahren. Das ist noch wahnsinnig viel Zeit! Ich habe viele schüchterne Kinder begleitet, bei denen man noch zwei Wochen vor der Einschulung gedacht hat, dass das shwierig wird. Und oft werden sie so toll von den Lehrkräften und Mitschülern abgeholt. Außerdem kommen die Kinder rund um die Einschulung in die Wackelzahnpubertät. Das ist so ein Alter, in dem sich noch mal ganz viel ändert." Eltern rät sie also, erst einmal ruhig zu bleiben und zu beobachten. Außerdem seien die meisten Lehrkräfte viel entspannter, als man denke. "Wenn man große Ängste vor der Einschulung hat, dann kann man das Thema vorher aktiv angehen und im Vorgespräch mit den Lehrer*innen ansprechen. Vielleicht kann das Kind vorher schon mal die Schule anschauen und ein Gefühl dafür bekommen. Oft hilft es aber auch schon, es erstmal laufen zu lassen."

Druck, den die Eltern eventuell wegen schlechter Noten verspüren, sollten sie nicht am Kind auslassen, rät die Expertin. "Lieber Kontakt zur Lehrkraft suchen, gern mit dem Kind zusammen, und erklären. Lehrkräfte sehen das Verhalten oft als Desinteresse. Das muss man aufklären und eine neue Lehrer-Schüler-Beziehung schaffen. Vielleicht finden sich Möglichkeiten, dem Kind das Mitmachen zu erleichtern. Buchvorstellungen könnten beispielsweise nicht vor der Klasse präsentiert werden. Stattdessen könnte das Kind seinen Vortrag zu Hause auf Video aufzeichnen, am Telefon oder mit dem Rücken zur Klasse halten. All das ist auch ein Gedanke von Inklusion. Viele schüchterne Kinder sind im digitalen Unterricht der letzten Monate total aufgeblüht. Das sollte als Chance gesehen werden!"

Ständig gegen das eigene Temperament zu gehen stresst!

Inke Hummel

Das Selbstbewusstsein stärken: 3 einfache Übungen

Für Eltern ist die Situation manchmal vertrakter als für das schüchterne Kind selbst. "Viele Eltern wollen sehr auf das Kind eingehen und bedürfnisorientiert sein," sagt Inke Hummel. " Das ist toll, aber manchen fällt es schwer, den Kindern auch mal etwas zuzumuten. Das brauchen sie aber um sich zu entwickeln. Und dafür müssen sie auch mal geschupst werden, immer ein bisschen über die Grenze gehen, die man gut findet. Dafür ergeben sich häufig Sitautionen im Alltag, ihr könnt aber auch ganz bewusst genau solche herstellen.

  • Lasst euer Kind im Supermarkt bezahlen. Dabei muss man nur wenig mit dem Kassierer oder der Kassierin interagieren, es ist aber immerhin eine kleine Kontaktaufnahme zu einer Fremden Person.
  • Lasst euer Kind beim Bäcker die Brötchen aussuchen und bestellen. Das erfordert schon mehr Interaktion und somit auch Mut als "nur" das Zahlen an der Kasse.
  • Lasst euer Kind kurze Wege allein gehen. "Mein Sohn wollte im Vorschulalter allein zur Kita gehen" sagt Inke Hummel. "Ein kurzer Weg, nicht an der Straße. Wir haben es ausprobiert. Beim ersten Mal kam er dann doch wieder zurück, weil es nicht ging. Der Weg schien doch zu weit und dann kam noch ein Hund. Zusammen haben wir überlegt, was wir machen können und haben dann Funkgeräte angeschafft, über die wir die ganze Zeit in Kontakt bleiben konnten. Irgendwann ist er auch über die Reichweite hinaus gegangen ohne, dass es ihn gestört hat.

Wichtig ist auch, dass ihr das Selbstwertgefühl eurer Kinder stärkt. Gerade ab dem Vorschulalter bekommen Kinder immer mehr Kontakte außerhalb ihrer Familie. Ab diesem Alter sollten Kinder lernen, Verantwortung und Pflichten zu übernehmen. Aber auch Entscheidungen zu treffen, Regeln mitzubestimmen, kleine Projekte planen. So lernt es, dass es wichtig ist. Außerdem hilt es eurem Kind, wenn ihr seine Talente fördert und es lobt. Schafft Redezeiten und Ruheräume. "Ständig gegen das eigene Temperament zu gehen stresst", weiß Inke Hummel. "Und vor allem: Nie den Mut nehmen, nie sagen 'Das kannst du nicht'. Schafft Verbindungen, indem ihr erzählt, wie ihr selbst mal gescheitert seid, es aber beim nächsten Versuch geklappt hat."

Über die Expertin:

Expertin und Gesprächspartnerin Inke Hummel

Inke Hummel ist Pädagogin, Leiterin für Eltern-Kind-Kurse, Bloggerin und Inhaberin der Familienbegleitung "sAchtsam Hummel".  Sie unterstützt Familien vom ersten Babyjahr bis zur Pubertät. Besonders häufig begleitet sie Eltern mit gefühlsstarken Kindern und verhilft ihnen zu einer guten Eltern-Kind-Bindung. Im Verein "Bindungs(t)räume" setzt sie sich dafür ein, dass Eltern und Pädagog*innen die Bedürfnissse von Kindern besser verstehen. Sie hat selbst drei Kinder im Teenageralter.

Mein wunderbares schüchternes Kind
Mein wunderbares schüchternes Kind

Bloß keinen Druck!

In der Musikstunde saß mein Sohn lange Zeit recht teilnahmslos daneben, während alle anderen Kinder fleißig mit tanzten und sangen. Zu Hause legte er dann los. Sang lauthals alle Lieder nach und tanzte ein fehlerloses "Das ist gerade, das ist schief". Warum macht er das denn nicht in der Musikschule, wunderte ich mich. Und, ganz ehrlich, ein bisschen hat es mich auch gewurmt, wenn ich ihn in der Woche drauf wieder still und stumm daneben sitzen sah.

In unserem Gespräch meinte Inke Hummel, das sei ein ganz typisches Verhalten und eben eine Form des sozialen Spielens. Es zeigt die Überlegtheit, die langsamere Herangehensweise schüchterner Kinder. Es zeigt: Das Kind nimmt alles wahr. Mein Sohn hatte Spaß an der Musik, er musste es nur erst einmal für sich allein ausprobieren. Und das ist auch völlig in Ordnung.

 

Bildquelle: Getty Images / Lumineimages
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