So lernt das Gehirn Ihres Babys

Entwicklung & Erziehung

So lernt das Gehirn Ihres Babys

Schon bei Babys hinterlässt jedes Erlebnis im Gehirn seine Spuren - und beeinflusst die Entwicklung. Wie sich Babys Gehirn entwickelt und wie das Gehirn Ihres Babys am besten lernt.

Gehirnentwicklung beim Baby hängt von Erfahrungen ab

Schlafende Babys sehen so friedlich aus! Dabei leisten sie gerade Schwerstarbeit. Unter dem leichten Haarflaum entwickelt sich immerhin eines der komplexesten Gebilde der Welt: ein menschliches Gehirn. Dieses erstaunliche Organ wächst anders als alle anderen. Denn während eine Niere nach einem exakten Bauplan konstruiert wird, sind im Gehirn nur die Anzahl der Nervenzellen und seine grobe Struktur festgelegt. Mehr nicht. Alles andere hängt von den Erfahrungen ab, die es macht. Geräusche, Gerüche, Temperaturunterschiede, Licht und Schatten, Farben, Bewegungen, Hautberührungen - was immer auf das Kind einwirkt, bestimmt die physische Struktur des Gehirns.

Gehirn des Babys wächst seit der 3. Schwangerschaftswoche

Das zentrale Nervensystem und das Gehirn gehören zu den ersten Baustellen, die ein Embryo bei seiner Entwicklung in Angriff nimmt. Bereits in der 3. SWS bildet sich das sogenannte Neuralrohr, das später zum Rückenmark wird. Am oberen Ende entstehen in der vierten Woche drei Bläschen, die Grundbausteine des Gehirns.
Ebenfalls ab der dritten Woche fangen die Nervenzellen des Embryos an, sich zu teilen, und legen dabei ein ziemliches Tempo vor: Eine halbe Million neuer Zellen entstehen pro Minute. Das sind 720 Millionen am Tag. Bereits in der Mitte des vierten Monats verfügt ein Fötus über hundert Milliarden Nervenzellen. So viele müssen dann allerdings für den Rest des Lebens reichen.
Wie wichtig unser Denkorgan ist, zeigt sich daran, dass es anfangs mehr als die Hälfte der Körpergröße des Embryos ausmacht.

Die Entwicklung des Gehirns fördern

Die goldene Regel lautet Abwechslung, aber nicht zu viel! Wie Sie die Gehirnentwicklung Ihres Babys optimal fördern können.

Abwechslung, aber nicht zu viel!

Wenn wirklich alles, was Babys erleben, sich auf die Struktur ihrer Gehirne auswirkt, haben Eltern eine Riesenverantwortung. Zum Glück sagt uns die Forschung, dass wir die Gehirnentwicklung optimal fördern, indem wir genau das machen, was wir meist sowieso tun, wenn wir mit unserem Baby zusammen sind: sprechen, spielen, Grimassen schneiden, aufmerksam und zärtlich sein.
Und während sich die Wissenschaftler einig sind, dass Babys von einer abwechslungsreichen, spannenden Umgebung profitieren, sind sie sich ebenfalls sicher, dass man es auch übertreiben kann. „Es bringt nichts, ein Babyzimmer mit Mobiles zuzuhängen oder um das Kind herum Tast-Spielzeuge zu verteilen, da diese Sinneserfahrungen keinen Bezug zu irgendeiner Handlung haben“, sagt Hirnforscherin Ruxandra Sireteanu von der Uni Frankfurt. Viel sinnvoller kann es sein, seinem Baby mal einen glatten Apfel in die Hand zu geben, eine piksige Ananas oder eine knisternde Tüte Rosinen. „Das Gehirn strukturiert sich nach erfolgreichem Handeln“, sagt Neurobiologe Dawirs. Und wenn eine leckere Rosine aus einer Tüte zu fischen für ein Zehnmonatskind kein erfolgreiches Handeln ist, was dann?

Gefühlszentrale in Babys Gehirn bei Geburt noch unfertig

Zwar scheinen schon sehr junge Babys durch weinen und lachen Gefühle auszudrücken, bewusst erleben tun sie diese jedoch erst ab dem ca. sechsten Lebensmonat.

Gefühlszentrale in Babys Gehirn bei Geburt noch unfertig

Wie alles andere, sind auch die Gefühlszentralen des Gehirns bei der Geburt noch unfertig. Die meisten Eltern würden schwören, dass sich schon die Kleinsten freuen, sie zu sehen, und alle Elternherzen schmelzen, wenn Babys mit etwa sechs Wochen anfangen zu lächeln. Und das alles soll nicht echt sein? Nein, ist es nicht: Babys können zwar ab dem ersten Tag Gefühle ausdrücken, aber sie nicht bewusst fühlen.
Der Grund dafür ist, dass die äußeren Zeichen unserer Gefühle von den tieferen Strukturen des limbischen Systems im Großhirn gesteuert werden, die bei der Geburt schon recht gut entwickelt sind. Um diese Gefühle jedoch bewusst wahrzunehmen, müssen erst die nötigen Verbindungen zu den Stirnhirnregionen entstehen. Das passiert erst etwa ab dem 6. Monat nach der Geburt. Um die Gefühle dann auch steuern zu können, braucht es wiederum andere Verbindungen. Die werden erst ab dem zweiten Lebensjahr geknüpft.

Keine wirklichen Gefühle nach der Geburt

"Der Gedanke, dass unsere Babys in den ersten Monaten keine wirklichen Gefühle erleben, ist für viele Eltern etwas verstörend“, sagt Lise Eliot. „Beruhigend ist vielleicht, dass Babys daher während der Geburt keine Angst verspüren können und nicht traurig sind, wenn man sie etwas länger schreien lässt.“ Das sollte aber immer die Ausnahme sein, so die Forscherin. Denn für die Entwicklung ist es keineswegs egal, ob ein Kind in einer liebevollen Umgebung aufwächst oder nicht.
Obwohl das bewusste Gedächtnis erst viel später einsetzt, verändern alle emotionalen Erlebnisse die physische Struktur des Gehirns. „Schlechte Erfahrungen sind da wie Narben“, sagt Eliot. „Für die Entwicklung unseres Gefühlslebens sind die ersten drei Jahre entscheidend, wobei das erste Jahr besonders wichtig ist.“ Studien haben gezeigt, dass die Gehirne von vernachlässigten Kindern bei der Verarbeitung bestimmter Impulse schwächere oder gar keine Reaktionen zeigen und bis zu 30 Prozent kleiner sind als die von Kindern, die stets gut versorgt und geliebt wurden.

Babys Gehirn: Im Mutterleib und kurz nach der Geburt

Neugeborene fangen keineswegs bei null an. Untersuchungen haben gezeigt, dass schon ein Fötus eine Menge dessen mitbekommt, was seine Mutter erlebt. Lesen Sie, wie sich seine Sinne nach der Geburt weiterentwickeln.

Babys Gehirn lernt bereits im Mutterleib

Mit sechs Monaten kann der Fötus schon ganz gut hören, schmecken und riechen. Das Gehirn konzentriert sich also vorerst auf das, was dem Baby direkt nach seiner Geburt nützen kann. „Alle Sinne sind darauf eingerichtet, zunächst einmal den Nahbereich zu erkunden“, sagt Dawirs. „Warum sollte ein Neugeborenes hundert Meter weit sehen können? Es kann sich eh nicht dorthin bewegen.“ Was es allerdings kann, ist seine Mutter an ihrem Geruch und ihrer Stimme erkennen. Es kann den Geschmack „seiner“ Muttermilch erkennen. Das muss erstmal genügen.

Nach der Geburt: Riechen, Hören und Schmecken

Sobald ein Baby auf der Welt ist, arbeitet sein Gehirn daran, die nötigen Kommunikationswege zu schaffen, damit es die unzähligen Sinneseindrücke verarbeiten kann. Da jede neue Erfahrung einen „Fingerabdruck“ im Gehirn hinterlässt, dauert es jedoch seine Zeit, bis alle Leitungen geknüpft sind und optimal funktionieren. Schließlich kann nicht alles gleichzeitig passieren. Daher können wenige Tage alte Babys zwar zwischen Zitronen- und Vanilleduft unterscheiden, aber bis sie Gerüche als gut oder schlecht bewerten können, dauert es drei Jahre.
Der Hörsinn ist bei der Geburt perfekt auf den hohen Singsang der typischen Babysprache ausgelegt. So gut wie der von Erwachsenen ist er aber erst sechs Jahre später. Und der Geschmacksinn fängt erst an, sich zu verfeinern, wenn das Baby feste Nahrung zu sich nimmt. Die ersten Erfahrungen sind hier entscheidend. Wenn Babys früh salziges oder süßes Essen bekommen, werden sie es noch Jahre später vorziehen.

Babys Tastsinn und Gleichgewicht nach der Geburt

Der Tastsinn ist bei der Geburt recht gut entwickelt, aber längst nicht ausgereift. Neugeborene wissen zwar, dass sie berührt werden, können aber nicht genau orten, wo. Es dauert etwa ein Jahr, bis die zuständigen Hirnregionen die richtige Verkabelung und die nötige Erfahrung haben, um das zu bestimmen.
Damit sich Tast- undGleichgewichtssinn optimal entwickeln, brauchen sie Bewegung. „Im Grunde unseres Wesens sind wir Traglinge“, sagt Kinderpsychiater Gunther Moll. „Durch die Anstöße, die Berührungen erhält das Gehirn entscheidende Impulse.“ Eltern sollten also viel mit ihren Kindern hopsen, tanzen und kuscheln: „Der Gleichgewichtssinn ist direkt mit den emotionalen und kognitiven Zentren verbunden. Je mehr er angeregt wird, desto besser.“
Das Sehen ist bei der Geburt am schlechtesten entwickelt. Kein Wunder: Im dunklen Mutterleib gibt es nichts Interessantes zu entdecken. Obwohl unsere Augen als Erste aller Sinnesorgane angelegt werden - schon in der vierten Schwangerschaftswoche -, brauchen sie mit am längsten, ehe sie wirklich einsatzbereit sind. Daher sehen Babys die Welt zunächst wie durch eine Milchglasscheibe, ohne Farbe oder Tiefenschärfe. Erst im etwa 8. Monat können Babys klar fokussieren und mit etwa einem Jahr so gut sehen wie Erwachsene. Diese eher langsame Entwicklung kommt den anderen Sinnen zugute. Denn ist der Sehsinn erst ausgereift, wird er zur primären Informationsquelle, der alle anderen Sinne buchstäblich in den Schatten stellt.

Die Motorik des Neugeborenen

Und wie sieht es mit der Motorik aus? Wie jede Schwangeren weiß, absolviert ein Kind schon im Bauch ein umfangreiches Muskel-Trainingsprogramm. Trotzdem ist ein Neugeborenes zunächst nicht in der Lage, seine Bewegungen zu koordinieren, da die nötigen Hirnverbindungen erst geknüpft werden müssen. Die motorischen Zentren verdrahten sich von oben nach unten. Zuerst kommen Kopf, Mimik und Hals, dann die Arme und schließlich die Beine. Diese Reihenfolge ist immer gleich, daher bewältigen Kinder überall auf der Welt die Kunst des Greifens oder Krabbelns etwa zur gleichen Zeit in ihrer Entwicklung. Die motorische Entwicklung beeinflusst die der anderen Sinne: „Sobald es greifen oder krabbeln kann, verändert sich die Sichtweise eines Babys und macht neue Erfahrungen möglich“, sagt die US-amerikanische Neurobiologin Lise Eliot.

Nervenzellen und Synapsen: Babys lernen sehr schnell

Sind erst einmal Nevrenzellen beim Embryo gebildet, suchen sie sich sofort ihren Bestimmungsort im Körper und schließen sich dort mit anderen Nervenzellen zusammen. Warum Synapsen dabei eine so wichtige Rolle spielen.

Nervenzellen suchen nach der optimalen Verbindung

Die Nervenzellen fangen sofort damit an, an ihren Bestimmungsort im Körper zu wandern, um sich dort zu strecken, zu verästeln und den Kontakt zu anderen Nervenzellen zu suchen. Vorerst aber sind sie noch so nutzlos wie nicht eingestöpselte Telefone. Damit sie tatsächlich Botschaften transportieren können, brauchen sie Verbindungsstellen, sogenannte Synapsen. Deren Produktion beginnt zwar auch schon in der 5. SSW, aber da allein in der nur zwei bis drei Millimeter dicken Großhirnrinde mehr als zehn Milliarden Nervenzellen verschaltet werden müssen, dauert dieser Prozess bis weit nach der Geburt an. Das liegt auch daran, dass die Produktion weit über das eigentliche Soll hinausgeht. Bis zum dritten Lebensjahr entstehen rund 200 Billionen Synapsen - doppelt so viele, wie einem Erwachsenen schließlich bleiben.

Das Gehirn des Babys lernt besonders schnell

„Diese Überproduktion der Synapsen erlaubt es Kindern, in den ersten Jahren alles, was sie für das Überleben in ihrer Kultur benötigen, besonders schnell zu lernen“, sagt Martin Textor vom Staatsinstitut für Frühpädagogik. „Der Rest der Entwicklung besteht darin, die überzähligen Synapsen wieder abzubauen und die Kommunikationsgeschwindigkeit der verwendeten Verbindungen zu optimieren.“ Und da die Botschaften ihre optimale Strecke nicht gleich finden, haben Babys im wahrsten Sinne des Wortes oft eine „lange Leitung“.
Zur Zeit der Geburt ist aus den drei Hirnbläschen ein schön schrumpeliges Gehirn geworden, das so aussieht wie das eines Erwachsenen in Kleinformat. Doch der Anblick täuscht: Fertig ist es noch lange nicht. „Das Gehirn eines Neugeborenen ist sozusagen ein Rohling, der erst ausgeformt werden muss“, beschreibt es der Erlanger Neurobiologe Ralph Dawirs. Diese Feinabstimmung passiert erst nach der Geburt. „Genau das ist die große Chance des Menschen“, sagt Martin Textor. Denn so kann er sich genau an seine Umgebung anpassen, ganz gleich, ob es sich um die Wüste handelt oder eine technisierte Großstadt.

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