Selbstbewusstsein durch Sport und Musik

Kleinkind

Selbstbewusstsein durch Sport und Musik

Sport und Musik machen Kinder glücklich, schlau und selbstbewusst. So wecken Sie bei Ihrem Kind die Lust an beidem.

Als Johannes Hensler zwei war, erkannte er Reformbedarf im Supermarkt. Aus der Decke rieselte Gedudel, und das Kind protestierte lautstark mit der ehrlichen Empörung des Vor-Kindergartenalters: Warum spielen die nicht Bach? Den Meister der Fuge gab es zu Hause, und was dort recht war, fand das Kind, müsste doch auch dort billig sein, wo alles billig ist. Das war vor 20 Jahren. Das Kind mochte Musik . Der Medizinstudent von heute mag sie noch immer. Hat zuerst ein wenig Klavier gelernt, entdeckte dann aber die laute, helle Trompete. Und blieb dabei, ganz von selbst, mit ein bisschen Hilfe von Freunden - denn zusammen Musik zu machen, das war der Treibstoff. Den gab es am Alten Gymnasium in Flensburg, das Musik fördert. Nicht nur klassische, sondern auch neuere, in der eigenen Big Band. Mit ihr und seiner Trompete ist Johannes nach Japan gereist, nach Venedig und New York. „Im Leben hat mir nichts so geholfen wie das“, sagt er, „ich habe hunderte Male auf der Bühne gestanden, und das bringt mit sich, dass man viel gelassener vor große Menschenmengen treten kann.“ Bei Julia Loselein heißt die Leidenschaft Judo. Sie ist 18, sie mag den Wettbewerb, und irgendwann hat sie beschlossen: Jetzt ist es Judo, nur noch Judo. „Ich hatte eine musikalische Grundausbildung, etwas Ballett und mochte auch Schwimmen. Aber ich musste Ballast abwerfen.“ Sie auf das Sportinternat in Köln gehen zu lassen, wo sie heute auf Olympia-Niveau trainiert und Abitur machen wird - dazu musste Julia ihre Eltern erst überreden.

Mehr Musik und Sport für Kinder

Musik und Sport - wenn wir von diesen beiden in letzer Zeit als Schulfach hören, dann meist in Form von Klagen: Fällt aus, wird zu wenig beachtet, Vereine schrumpfen, Talente springen ab. Das ist traurig - aber als Problem erkannt. Pädagogen und Aktive, Politiker und Eltern machen sich Gedanken, wie sie Beweglichkeit und Musikalität wieder zum Aufschwung verhelfen können. Das ist wichtig: Denn beide Begabungen, die sich mit Fingerspitzengefühl und Motivation in jedem Kind staunenswert entwickeln lassen, schaffen das Fundament für ein glückliches Leben. Dass Kinder Sprechen lernen und aus unserem melodischen Wörterstrom Bedeutung destillieren können, verdanken sie der einmaligen Musikalität unserer Spezies. „Wir haben Kinder aus dem Leipziger Thomanerchor untersucht und aus Musikschulen in unserer Stadt“, erklärt der Psychologe Dr. Stefan Koelsch, der am örtlichen Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften arbeitet. „Und wir konnten belegen, dass die Beschäftigung mit Musik ganz klar dazu führt, dass die Sprachentwicklung schneller und deutlicher ausgeprägt ist, insbesondere in Bezug auf die Syntax, den Bau von Sätzen.
Ob ein Akkord schief sitzt oder ein Satz nicht stimmt, wird von denselben Regionen im Gehirn bemerkt.“ Das Gehirn ist von Natur aus musikalisch. Unsere Kinder wollen Musik, und sie brauchen Musik. Da zeigt sich, wie eng sie mit dem Sport verwandt ist: Denn auch Bewegungslust, der Drang zum Toben und zum Ausprobieren, was alles geht beim Rennen, Klettern und Balancieren, ist angeboren. Kaum können sich Kinder selbstständig im Raum bewegen, da wollen sie es auch. Und wie bei der Musik geht es darum, diese Lust an der Aktivität nicht verkümmern zu lassen.

Buchtipps

Buchtipps

  • Johanna Friedl und Susanne Kraus, Pi-Pa-Purzelbaum. Spielerische Bewegungsförderung für Kinder. Kösel, 15,50 Euro 450-mal spielerischer Sport für Kinder von 12 Monaten bis 8 Jahren.
  • Bettina Scheer und Elke Gulden, Kommt, singt einfach mit! Mit CD, Herder, 19,90 Euro Ideal für die musikalische Früherziehung, wird von Kindermusikschulen empfohlen.

Potenzial der Kinder wird meist unterschätzt

Talent und Potenzial der Kinder wird meist unterschätzt

Dr. Constanze Draper, die jüngst an einem sportlichen Talentprojekt in Hamburger Grundschulen gearbeitet hat, sagt: „Besonders gut ist, wenn Kinder voneinanderlernen können, etwa beim Mannschaftssport. Ich beobachte, dass das viel schneller funktioniert, als wenn wir ihnen etwas zeigen. Bei den jüngeren Kindern rate ich zum breiten Angebot, zu vielseitigen Bewegungsmöglichkeiten.“ Wir Erwachsenen, das hat Drapers Untersuchung gezeigt, neigen dazu, Talent und Potenzial eher zu unterschätzen. „Wir haben bei wirklich jedem Kind Fähigkeiten entdeckt, die sich entwickeln lassen. Eines ist gut in Koordination, das andere ist schnell. Es gibt Kinder, die werden bei Ballspielen als Letzte gewählt, weil sie darin nicht gerade großartig sind - aber wir sehen: Laufen geht gut, Springen geht gut. Dann ist unser Tipp: ,Versuch's doch mal mit Leichtathletik.'“ Natürlich gibt es auch immer wieder wirklich Hochbegabte. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass bei ihnen bestimmte Fähigkeiten weit überm Durchschnitt liegen - das entdecken sie oft selbst. Nicht immer ist das freilich so einfach wie bei Tibor Pleiß. Der 17-Jährige ist 2,13 Meter groß, wie Dirk Nowitzki, und sein Talent ist: Basketball. Er hat Hockey gespielt und Fußball, aber am Ende ging es mit voller Kraft an den Korb. Die Rolle der Eltern? Durststrecken überwinden helfen, den Glauben an sich selbst stützen, Mut machen.

Neue Lockerheit bei Sport und Musik

Zugegeben, Turnen und Musizieren haben ein Image-Problem: Zwang und Drill hat es gegeben, Steghosen und Hallen-Muff. Aber wer heute mit Kindern loszieht, um Sport-Spaß zu finden oder das Reich der Töne zu erkunden, der findet reichlich Freude und kaum noch tierischen Ernst. Es herrscht eine neue Lockerheit. Stefan Koelsch empfiehlt, Kindern freien Zugang zur Stereoanlage zu erlauben und sie auch alles anhören zu lassen, was sie mögen, ob Händel oder Heavy Metal. Denn die Forschung hat gezeigt, dass es dem Gehirn egal ist, woher es seine Rhythmen und Akkorde bekommt: Abwechslung und interessantes Spiel mit Klängen sind es, was es sucht. Selbst der „Mozart-Effekt“ ist mittlerweile wie so viele andere Theorien widerlegt: Der Salzburger Klassiker lässt Baby-Nervenzellen tatsächlich sprießen -allerdings auch nicht besser als Regenrauschen oder Hip-Hop. Erlaubt ist also, was gefällt. Es ist nicht entscheidend, ob ein Kind Lust hat, Konzertpianist zu werden oder Dudelsackpfeifer, Tennisprofi oder Eisstock-Schütze. Wichtig ist, dass Angebote da sind, an denen sich Talente entdecken lassen - am besten von den Kindern selbst.

Sport macht schlank und schlau…

…und es geht dabei um viel mehr als nur ums Gewinnen

  • Sport ist eine Lebensversicherung - und das steht nicht nur in Krankenkassenprospekten, es ist die einhellige Meinung aller Mediziner. Deswegen plagt Ärzte auch die Sorge über den von ihnen beobachteten Bewegungsmangel vieler Kinder: Wenn jemand, der als Baby locker die Zehen in den Mund stecken konnte, mit fünf Jahren bei der Rumpfbeuge nur noch bis zu den Knien kommt, dauert es bis zum Haltungsschaden nicht mehr lange. Die Liste der Wohltaten von Bewegung und Aktivität ist lang: Wer als Hänschen die Lust daran, die uns angeboren ist, nicht verloren hat, der freut sich auch als Hans an angemessen niedrigem Blutdruck, kann besser durchhalten und wird weniger von Verspannungen gezwackt - und ist nachweislich auch besser gerüstet gegen Stress und psychische Pein: Es ist sogar bewiesen, dass sportliche Anstrengung Schwermut bis hin zur Depression heilen kann.
  • Weitere Wohltaten, alle nachgewiesen: Die soziale Kompetenz wird durch Mannschaftssport besser gefördert als durch fast alles andere (das gemeinsame Musizieren ausdrücklich ausgenommen) - Teamgeist und die notwendige Abstimmung der Spieler untereinander lassen diese Form der Intelligenz reifen. Das ist gut fürs ganze Leben, denn hier wie dort wollen Zusammenhalt und Wettbewerb in Balance gebracht werden.
  • Und im Sport kann sich ein gesunder Ehrgeiz entwickeln: Es geht nicht darum, destruktiv zu sein, es geht darum, sich zu messen und dabei selbst zu wachsen. Dr. Rolf Geese, Sportwissenschaftler an der Uni Göttingen, betont, dass „ein durch Anstrengung und Beharrlichkeit erreichter Erfolg mehr Befriedigung verschafft als ein leicht erreichbarer“. Der Weg zu dieser Erfahrung bleibt offen, wenn wir die Lust des Kleinkindes an der Bewegung aktiv am Leben erhalten.

Kinder machen verschiedene Phasen durch

Kinder machen verschiedene Phasen durch

Jedes Alter hat eine ihm gemäße Art, sich an Musik und Sport zu erfreuen. Bis zum Schulalter dauert die Entdeckerphase - genau wie wir staunen auch unsere Kinder über das rapide Wachstum ihrer Fähigkeiten. Das merken wir z.B., wenn wir gemeinsam singen: Jahr um Jahr wächst die Präzision, mit der ein Ton gehalten werden kann, im Kindergartenalter lassen sich schon anspruchsvollere musikalische Konstruktionen wie der Kanon üben. Auch im Sport lässt sich Ähnliches erleben - und faszinierend ist es immer. Denn das, was wir da tun, kann nur der Mensch: In einer Gruppe laufen, abspringen und dabei einen Ball zielgenau abwerfen, kein Tier kann das. Der Frosch fängt die Fliege im Fluge, aber Baseball ist komplizierter.
Die Lust am Wettbewerb, der Spaß am Gewinnen, das bildet sich in den ersten Schuljahren heraus. Und dann wird immer klarer, wo der Talentschwerpunkt liegt: Constanze Draper und ihre Kollegen messen Beweglichkeit und sportive Gaben in den dritten Klassen. Das ist auch die Zeit, in denen Musiklehrer den passenden Übergang von den „kleinen“ Musikinstrumenten wie Tamburin oder Glockenspiel auf die „großen“ am besten erkennen können. Für die Kunst der Klänge wie für die der Bewegung gilt bei Kindern also: Einfach ausprobieren. Klar, dass da auch mal die Furcht vor dem übervollen Terminkalender keimen kann. Aber solange der Nachwuchs mit Spaß bei der Sache ist, besteht für Eltern kaum ein Grund zur Sorge - egal, ob es um den Schwebebalken oder das Schlagzeug geht.

Musik ist Nervendünger

Große und kleine Gehirne lieben und genießen die Harmonie

  • Ins Ohr geht alles - die Augen können wir schließen, unsere Hörorgane nicht. Von Geburt an kann unser Hirn ganz automatisch alles filtern, deuten und sortieren, was die Lauscher liefern. Und ein Leben lang sucht es darin nach Mustern, Rhythmen, Harmonien und Klängen.
  • Gute Gefühle macht Musik auf jeden Fall. Das können Forscher leicht sichtbar machen. In ihren Hirn-Scannern leuchtet das limbische System, dort, wo unsere Emotionen gemacht werden, beim Hören von Harmonien hell auf. Geschmack bestimmt zwar, ob wir Klassik mögen oder AC/DC, aber es gibt viel, was uns allen gemeinsam ist: Die beruhigende Wirkung langsamer, getragener Schwingungen etwa. Mehr noch: Schon bei Kleinkindern warten spezielle Zentren im Gehirn wie Wächter darauf, Alarm zu schlagen, wenn etwas die Harmonien und die eigentlich erwarteten Klangverläufe zu stören scheint.
  • Dieser genaue Sinn fürs Musikalische ist nötig, um optimal Sprache lernen zu können. Sie ist mit der Musik eng verwandt, und wir können feinste Nuancen in der Sprachmelodie des Gegenübers erkennen - gerade als Kind. Und weil jedes Kind grundsätzlich musikalisch ist, lässt sich auch bei jedem der Sinn für Töne stärken. Besonders durchs Selber-Musizieren. Es lässt im Gehirn Netzwerke wachsen, die gleichzeitig Hören und Fingerfertigkeit verbessern - Musiker müssen komplizierte Bewegungsabläufe erlernen und sie mit ihren Sinnen kontrollieren. Dabei, erklärt der Hannoveraner Neurologie-Professor und Musikforscher Eckart Altenmüller, geht das Hirn an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. Und empfindet das nicht als Last, sondern als Lust. Bei Kindern funktioniert das bestens, ihr Nervensystem ist besonders „plastisch“. Doch auch bei erwachsenen Klavieranfängern bilden sich schon nach 20 Minuten Üben neue Nervenverbindungen.

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