Warum der Opa fürs Kind so wichtig ist

Kleinkind

Warum der Opa fürs Kind so wichtig ist

Die Beziehung zwischen Großvätern und Enkelkindern ist etwas Besonderes. Kinder erfahren durch Opa viel über ihre Wurzeln - und einiges über ihre scheinbar perfekten Eltern

Ein Großvater (eine Großmutter natürlich auch) stellt dann eine Bereicherung im Leben seiner Enkel dar, wenn man einige Selbstverständlichkeiten im Zusammenleben bedenkt: Ein Opa erlebt sich häufig in einer widersprüchlichen Position. Auf der einen Seite ist er als Babysitter, als Aufpasser gerne gesehen, auf der anderen Seite möchten viele Eltern Opa am liebsten bewachen, damit er genauso erzieht wie die Eltern. Das ist eine Überforderung. Ein Großvater erzieht anders und pflegt eine eigenständige Beziehung zu seinen Enkeln. Er hat ganz eigene, für ihn gültige Lebenserfahrungen gemacht. Wer seine Kinder dem Opa anvertraut, gibt zugleich Verantwortung ab. Vertrauen Sie Ihrem Kind, dass es selbst die Unterschiede erkennt und Vor- und Nachteile abwägt. Enkel sind durchaus in der Lage, die unterschiedlichen Erziehungsstile zu bewerten. Großväter reagieren manchmal unbeschwerter, weiser; sie verwöhnen mehr und schränken weniger ein, weil sie über einen Erfahrungsschatz verfügen, auf den sie beruhigt zurückgreifen können. Kinder hängen an den Lippen ihres Opas. Und manche seiner Erzählungen hören sich an wie Märchen aus uralter Zeit - einer Zeit ohne Fernsehen, ohne Computer, ohne Telefon, ohne Handy. Problematisch wird der Einfluss des Großvaters dann, wenn dieser seine eigene Kindheit verklärt - die Gegenwart gegen die Vergangenheit ausspielt, nach dem Motto: „Früher war alles besser!“

Kinder profitieren von Opas Lebenserfahrung

Kinder profitieren von Opas Lebenserfahrung

Kinder erfahren vielleicht auch, dass das Leben auch aus Wellentälern und Krisen besteht, und hören vom Opa, wie man aus den Tälern herauskommt und Krisen bewältigt. Mancher Großvater stellt gelebtes Leben dar, mancher Vater von heute lediglich „erzähltes“ und bewegt sich dabei fortwährend in pädagogischen Konjunktiven: „Du könntest…“, „Du solltest…“ oder „Wenn ich deine Chancen gehabt hätte…!“ Mancher Großvater nimmt seine Enkel an die Hand und erobert mit ihnen die Nahwelt: den Garten, den Park, den Wald. Ein solcher Opa erzählt nicht nur, sondern macht den Enkeln die Welt begreiflich: Er legt vielleicht im Garten ein Beet an, zeigt ihnen, wie man Blumen und Büsche pflanzt, er bastelt mit den Enkeln, er wandert, ist Handwerker, er schaut mit den Enkeln hinter die Dinge, lebt das Prinzip vor, wonach das Begreifen über das Greifen geht.
Enkel können von ihren Großvätern erfahren, wie wichtig unmittelbare kommunikative Fähigkeiten sind: das Gespräch, das Zuhören, das Erzählen, das Vorlesen, Fähigkeiten, die es lohnt, in die eigene Biografie aufzunehmen, sie fortzuführen und zukünftig zu leben. Enkel erleben die Eltern und den Opa in verschiedenen Rollen und in unterschiedlichen Lebensetappen: Eltern versorgen materiell, vermitteln Sicherheit und Geborgenheit, sie sind zuständig für die Alltagsbelange. Der Opa verkörpert dagegen Tradition und Geschichte. Er zeigt, dass die Mühen der Ebene genauso zum Leben gehören wie das Verweilen auf dem Gipfel, um den Sonnenaufgang zu genießen.

Streit zwischen Eltern und Großvätern zulassen

Streit zwischen Eltern und dem Opa zulassen

Eine tragfähige Großvater-Eltern-Beziehung hält Reibung und Konflikte dann aus, wenn es um unterschiedliche Auffassungen einer Sache, z.B. um Fragen der Erziehung geht. Man zieht nicht an einem Strang, dazu sind die Ansichten von Eltern und dem Opa manchmal zu verschieden. Solch ein Streit ist notwendig, baut die nötige Distanz auf, die die Eltern und der Großvater nun einmal trennt. Denn sie gehören zwei Generationen mit höchst unterschiedlichen Erfahrungen an. Und deshalb sollte man Streit nicht unter einen dicken Teppich kehren, um Scheinharmonie zu konstruieren. Treten die Eltern und der Opa allerdings in eine Erziehungskonkurrenz zueinander, sprechen sie sich gegenseitig Kompetenzen ab, zerren sie an den Kindern, dann leiden nicht nur die Enkel.

Opas Geschichten verändert das Bild von den Eltern

Opas Geschichten werfen ein neues Licht auf die Eltern

Die Abhängigkeit, die Kinder von ihren Eltern spüren, wird relativiert, wenn die Heranwachsenden erfahren, dass auch die eigenen Eltern unvollkommen sind oder waren. Im Halt und in der Orientierung, die Großeltern bieten, liegt die Chance, die Allmacht der Eltern zu begrenzen. Der Opa leistet damit einen Beitrag, um die Eltern zu erden, sie für ihre Kinder menschlicher zu machen. Wenn die Großeltern von ihren Kindern - von Vater und Mutter - erzählen, dann erfahren die Enkel manch verschwiegene Details aus dem Leben der eigenen Eltern. Sie hören, dass auch sie nicht perfekt waren. Und so manches Kind sieht seinen Vater und seine Mutter vom Sockel stürzen. „Mein Papa schimpft immer, wenn ich mit einer schlechten Note nach Hause komme“, erzählt der siebenjährige Elias. „Er tut immer so, als ob er ein ganz toller Schüler gewesen wäre. Ich konnte das aber irgendwie nicht glauben. Eines Tages erzählte mir Opa, was für ein fauler Hund der Papa war und dass er ständig Ärger in der Schule gehabt hat. Jetzt glaub' ich Papa nicht mehr alles. Er ist irgendwie normaler geworden!“ Um nicht missverstanden zu werden: Der Opa macht seinen Sohn nicht schlecht oder tritt gar in Konkurrenz zu ihm. Großvaters Geschichten dienen vielmehr dazu, den Vater für Elias normaler erscheinen zu lassen. Opas Geschichten berichten davon, dass es neben der Schule und den Hausaufgaben ein Land der Freiheit und der Freizeit gab, in dem Kinder unbeobachtet und nicht ständig von Ermahnungen begleitet spielen, toben und sich ausprobieren konnten.

Großväter bereichern die Eltern-Kind-Beziehung

Großväter bereichern die Eltern-Kind Beziehung

„Es ist immer toll, wenn Opa von früher erzählt, wie die gespielt haben“, meint Lukas mit leuchtenden Augen, „das muss super gewesen sein damals!“ Ein Großvater vermittelt seinen Enkeln, woher sie stammen und was sie - und damit auch die Eltern - geprägt hat. Solche Gespräche zwischen Enkeln und dem Opa sind notwendig, vor allem dann, wenn sie nicht dazu benutzt werden, die eigene Kindheit oder Jugend zu verherrlichen und die Vergangenheit per se schöner als die Gegenwart darzustellen. Der Opa repräsentiert die Wurzeln, ohne die menschliche Entwicklung nicht möglich ist. Der Großvater zeigt durch sein Leben, was möglich ist und warum es möglich ist. In diesem Sinne ist der Opa eine wichtige Erziehungsinstanz, die die Eltern-Kind-Beziehung nicht ersetzt, sondern sie vielmehr ergänzt. Und Enkel profitieren davon. Sie erfahren vielleicht, wie wichtig es ist, nicht ständig in Watte gepackt zu werden, sondern eigene Erfahrungen zu machen.

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