Wenn Kinder Schmerzen haben

Kleinkind

Wenn Kinder Schmerzen haben

Wenn Kinder Schmerzen haben, können sie oft nicht genau sagen, wo es ihnen wehtut. Wie Eltern die Beschwerden der kleinen Patienten lindern können, erfahren Sie hier.

Schmerzen sind ein Alarmsignal

Wenn Kinder Schmerzen haben, sind Eltern oft ratlos. Ob der Bauch drückt, der Kopf schmerzt oder der verstauchte Fuß pocht: Schmerzen zu haben, ist sehr unangenehm. Gut, dass die Eltern trösten. Doch wie können sie noch helfen, wenn Kinder Schmerzen haben?
Am liebsten würden Sie Ihrem Nachwuchs solches Leid natürlich ganz ersparen. Aber: Schmerzen haben für unseren Organismus eine wichtige Funktion: „Sie warnen uns vor Gefahren und zeigen an, dass im Körper etwas nicht stimmt“, sagt Prof. Boris Zernikow, Leitender Arzt des Vodafone Stiftungsinstituts für Kinderschmerztherapie und Pädiatrische Palliativmedizin der Kinder- und Jugendklinik Datteln.

So entstehen Schmerzen

Treten wir z.B. auf einen Nagel, bekommen das bestimmte Nervenenden, die Nozizeptoren, sofort mit. Diese Schmerzfühler befinden sich überall im Körper, vor allem in der Haut. Sie reagieren auf äußere Reize wie Druck oder Hitze, aber auch auf körpereigene Störungen. Blitzartig senden sie Signale ans Rückenmark, wo ein erster Abwehrreflex ausgelöst wird: Fuß hoch! Schmerz spüren wir erst, wenn die Botschaft im Gehirn angekommen ist.
Solche akuten Schmerzen helfen uns, Schäden zu orten und sie zu beheben. Ist die Ursache weg, verschwinden sie wieder. Der Körper kann Schmerz aber auch erlernen und beginnen, ihn ohne Auslöser in Gang zu setzen. Er verselbstständigt sich und wird chronisch. Die Gründe dafür sind stets vielfältig und betreffen meist auch Psyche und soziales Umfeld.

Anhaltende Schmerzen sollten vom Arzt abgeklärt werden

Wenn Kinder über Schmerzen klagen, sollten Eltern dies daher ernst nehmen. Zwar vergeht so manches Wehwehchen mit ein wenig Zuwendung schnell wieder. Es kann aber auch eine Krankheit dahinterstecken, die behandelt werden muss. „Jeder neu auftretende, andauernde Schmerz sollte daher von einem Kinderarzt abgeklärt werden. Vor allem dann, wenn zu den Schmerzen noch andere Krankheitszeichen wie Fieber, Rötungen oder Schwellungen hinzukommen“, rät der Schmerzspezialist. Dann muss nach den Ursachen der Beschwerden geforscht werden. Und das ist bei Kindern nicht immer einfach.

Schmerzen bei Kindern: Diagnose auf Umwegen

Wenn jüngere Kinder Schmerzen haben, können sie im Unterschied zu Erwachsenen oft nicht genau sagen, wo und wie stark es ihnen wehtut. Das liegt einmal daran, dass sie je nach Alter noch nicht die sprachlichen Möglichkeiten dazu haben. „Schmerzen richtig lokalisieren zu können, ist aber auch ein Lernprozess“, sagt Boris Zernikow. „Kleine Kinder haben einfach noch keine Übung darin, genau zu fühlen, wo der Schmerz sitzt. Ihre Wahrnehmung muss erst reifen.“ Zum Beispiel projizieren Kleinkinder oft Schmerzen in den Bauch, obwohl eigentlich das Ohr wehtut.
Die Körpersprache verrät den Schmerz
Umso aufschlussreicher kann ihre Körpersprache sein: „Fasst sich ein Kind ständig ans Ohr, wird der Schmerzort wohl dort sitzen – und nicht im Bauch“, so der Kinderarzt. Um dem eigentlichen Übel auf die Spur zu kommen, ist zuweilen also gutes Beobachten gefragt. Das gilt auch für die Beurteilung der Schmerzstärke.
Erst im Schulalter beginnt ein Kind, sich an die Art der Schmerzwahrnehmung eines Erwachsenen anzunähern.

Angst verstärkt Schmerzen bei Kindern

Dass kleine Kinder Schmerzen anders äußern, bedeutet aber nicht, dass sie sie weniger intensiv spüren. Im Gegenteil: Wenn Kinder schmerzen haben, leiden sie häufig sogar mehr. „Bei Säuglingen ist das biologisch bedingt: Ihre körpereigene Schmerzhemmung ist noch nicht ausgereift. Die schmerzleitenden Nervenbahnen funktionieren jedoch schon gut“, erklärt Boris Zernikow.
Aus diesem Grund ist eine ausreichende Schmerztherapie, etwa nach Operationen, bereits im Säuglingsalter enorm wichtig. Kinder erleben Schmerzreize manchmal aber auch deshalb stärker, weil sie sie noch nicht richtig einordnen können. Dass zum Beispiel eine Blutabnahme harmlos ist, wissen sie noch nicht. Ebenso wenig, wie lange das „Aua“ dauert. „Sie denken vielleicht, dass der Schmerz anhält. Das kann bei ihnen Angst auslösen. Und Angst verstärkt den Schmerz“, so der Experte.

Das hilft am besten, wenn Kinder Schmerzen haben

In solchen Situationen an die Tapferkeit der Kleinen zu appellieren, ist wenig ratsam. Besser, Sie reden Ihrem Kind gut zu, vermitteln ihm Sicherheit und trösten es. Denn unterdrückte Angst kann die Schmerzen verschlimmern – ebenso wie Stress, Wut oder eine allzu besorgte Reaktion der Eltern. Positive Gefühle hingegen machen sie erträglicher. Wenn ein Kind akute Schmerzen hat, gilt daher: Kuscheln Sie mit ihm, lesen Sie etwas vor. Neben einer angemessenen ärztlichen Behandlung ist das oft die beste Medizin.

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Kinder und Schmerzmittel

Im Interview erklärt Dr. Sven Gottschling, Kinderschmerzexperte und Palliativmediziner am Universitätsklinikum des Saarlandes, wie Eltern am besten damit umgehen, wenn Kinder Schmerzen haben.

Interview mit Dr. Sven Gottschling zum Thema Schmerzen

familie&co: Wann dürfen Eltern den Kindern Schmerzmittel geben?
Dr. Sven Gottschling: Auch Kinder haben ein Recht auf Schmerzlinderung. Wenn sie also unter Schmerzen leiden, weil sie sich zum Beispiel verletzt haben, sollte man ihnen Schmerzmittel nicht vorenthalten. Natürlich müssen die Medikamente richtig dosiert und für Kinder geeignet sein. Ohne ärztliche Absprache dürfen sie auch nur kurzfristig gegeben werden. Das gilt im Hinblick auf mögliche Nebenwirkungen, aber auch, weil es nicht richtig ist, Schmerzen nur zu überdecken. Man muss ihre Warnfunktion ernst nehmen, nach den Ursachen suchen und diese behandeln. Leiden lassen sollte man Kinder aber nicht.

Alles wieder gut? "Sport und Ablenkung wirken manchmal Wunder", so Kinderschmerzexperte Dr. Sven Gottschling.

Werden Kinder denn mit Schmerzmitteln eher unterversorgt?
Ja, das ist leider der Standard. Ein Grund dafür ist, dass viele Kinderärzte nicht ausreichend über die Substanzen informiert sind und Angst vor Nebenwirkungen haben. Hinzu kommt, dass die Einschätzung der Schmerzstärke bei Kindern schwierig sein kann. Da braucht es viel Erfahrung. Zudem wird noch immer zu wenig zugebilligt, dass auch kleine Kinder schon chronische Schmerzen haben können und darunter extrem leiden.
Welche Folgen kann ein nicht ausreichend behandelter Schmerz haben?
Er kann die Schmerzwahrnehmung dauerhaft verändern. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass Kinder abstumpfen, wenn sie Schmerzen ertragen müssen. Im Gegenteil: Sie werden sensibler. Schon kleinste Schmerzreize können dann auf einmal sehr wehtun. Ebenso kann der Schmerz chronisch werden. Er verselbständigt sich und tritt auch ohne einen eigentlichen Auslöser auf. Immer mehr Kinder leiden unter chronischen Schmerzen, vor allem im Bereich Kopf und Bauch sowie im Bewegungsapparat.
Welche Rolle spielt die Psyche bei der Chronifizierung?
Eine große. Schmerz ist kein rein biologisches Problem. Er wird auch durch psychische und soziale Faktoren bestimmt. Ein wichtiger Punkt ist daher, wie Eltern mit den Schmerzen ihres Kindes umgehen. Hat es etwa häufiger Spannungskopfschmerzen und wird diesen zu viel Aufmerksamkeit geschenkt, das Kind ständig von unangenehmen Dingen wie Schulbesuch oder Hausaufgaben befreit, kann dies dazu beitragen, dass sie chronisch werden. Das heißt nicht, dass man die Kopfschmerzen ignorieren sollte. Anstatt sie aber zu sehr in den Fokus zu stellen, sollte man lieber schauen, was sie besser macht. Sport und Ablenkung etwa wirken manchmal Wunder. Bestehen die Beschwerden weiter, ist aber unbedingt ärztliche Hilfe nötig.

Tipps bei typischen Schmerzbeschwerden

Kleine Blessuren: Bei Stauchungen, Prellungen, Quetschungen hilft vor allem Kühlen, z.B. mit Kältepack oder Quarkumschlägen.
Kopfschmerzen:
Probieren Sie aus, was Ihrem Kind besser hilft: Im dunklen Zimmer ruhen oder raus an die frische Luft. Auch ein kühles Tuch und sanfte Massagen verschaffen Linderung.
Ohrenschmerzen: Zwiebel klein würfeln und in ein dünnes Tuch geben. Dieses mit einer Wärmflasche erwärmen und auf das Ohr legen.
Bauchschmerzen: Eine Wärmflasche oder eine sanfte Massage mit Kümmelöl wirken beruhigend.
Halsschmerzen: Zwei Kartoffeln kochen, zerdrücken und in ein Geschirrtuch wickeln. Das nicht zu heiße Tuch um den Hals legen und mit einem Schal fixieren.
Weitere mögliche Erkrankungen mit typischen Symptomen und Behandlungstipps finden Sie in unserem Lexikon Kinderkrankheiten.

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