Vorpubertät: Keine Lust auf gar nix

Auf einmal ist alles ätzend

Vorpubertät: Keine Lust auf gar nix

Auf einmal ist alles ätzend, anstrengend oder mega langweilig: In der Vorpubertät wirken Kinder oft antriebslos. Was mit Körper und Psyche passiert – und wie Eltern in gutem Kontakt mit dem Nachwuchs bleiben.

Die Kuscheltiere liegen noch auf dem Bett, die Kiste mit dem Spielzeug wandert langsam ins Abseits: In der Vorpubertät entwickeln Kinder langsam neue Interessen.

Halb Kind, halb Teenager: Gegen Ende der Grundschulzeit geht es plötzlich los. Vielleicht plant ihr gerade euren nächsten Urlaub und euer Kind, das sonst schon bei den Planungen vor Aufregung förmlich platzte, schaut jetzt nur mürrisch drein, stochert lustlos im Essen herum und kommentiert jeden Vorschlag für den nächsten Familientrip mit “Boah kein Bock!” Oder ihr erzählt euch von eurem Tag und euer Kind, das sonst immer sprudelte vor lauter Geschichten aus der Schule oder vom Sport, kriegt plötzlich den Mund nicht mehr auf. “Und, was hast du heute so erlebt?” “Nix!”

Zwischen Legosteinen und Youtube-Stars

Für Eltern sind diese Reaktionen erstmal nicht nachzuvollziehen. Was ist nur los mit unserem Kind? Diese Frage treibt euch von nun an durch den Alltag. Denn für die Pubertät ist es mit 10 Jahren doch einfach noch zu früh. Doch tatsächlich ist das, was eure Tochter oder euren Sohn gerade zu Gefühlsausbrüchen oder zum Schweigen treibt, der Vorbote für den körperlichen und seelischen Umbau, der in der Teenagerzeit so richtig beginnt: die Vorpubertät.

Am deutlichsten werdet ihr die Situation verstehen, wenn ihr einfach einen Blick in das Kinderzimmer werft. Auf der einen Seite stehen hier sicher noch Playmobil, Legosteine, Kuscheltiere und anderes Spielzeug. Dazwischen gesellen sich nun aber mehr und mehr Poster von Youtube-Stars und Selfies mit Freunden. Dazu werden immer mehr Schranktüren und Schubladen, die sonst immer offen standen, auf einmal verschlossen, Geheimnistuerei beginnt. Langsam ändert sich alles: Schulischer Erfolg? Nicht mehr so wichtig. Hobbys, die früher Spaß machten? Nicht mehr angesagt. Im Haushalt mithelfen? Keine Chance. Das Zimmer aufräumen? Ist jetzt Privatsache. Erzählen, was sie bewegt? Doch nicht den Eltern…

Auf Eltern, die sich gedanklich noch im „Behüten-Modus“ befinden, kommt eine große Umstellung zu: Mit Beginn der Vorpubertät müsst ihr immer mehr Energie aufwenden, um aus eurem Nachwuchs überhaupt so etwas wie eine Reaktion herauszukitzeln. Väter und Mütter stellen fest: Die alten Kommunikationskanäle funktionieren nicht mehr.

Vorpubertät: Es gibt keinen Weg zurück

In der Vorpubertät beginnt der Umbau des Körpers, er bereitet sich langsam auf das vor, was dann in der Pubertät im Teenageralter so richtig durchbricht. Das verbraucht ganz schön viel Kraft und Energie. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach Eigenständigkeit. Das Allerletzte, was Heranwachsende jetzt hören wollen, sind elterliche Ratschläge – erst recht, wenn sie mit Vorwürfen verbunden sind. Als Eltern wünscht ihr euch in dieser Zeit am liebsten ein Allheilmittel, einen Satz, mit dem ihr wieder alles gerade rücken könnt und euer altes Kind wieder bekommt.

Diesen Zaubertrick gibt es leider nicht. Das trotzige Auftreten, die Lustlosigkeit, das wortkarge Auf-den-Teller-Starren – alles Folge dessen, dass nun eine große, körperliche wie geistige Entwicklung stattfindet. Das Verhalten eures Kindes ist weder bewusst respektlos, noch wollen sie euch verletzen. Manche kognitiven Fähigkeiten sind zu Beginn der Pubertät einfach noch nicht richtig entwickelt. Die eigenen Emotionen unter Kontrolle zu bekommen und auch die Sichtweise anderer einzunehmen, muss erst noch gelernt werden – das angebliche „Nicht-verstehen-Wollen“, das Eltern gerne mal unterstellen, ist also tatsächlich oft ein echtes „Nicht-Verstehen“.

Vorpubertät: Die Hormone spielen jetzt schon verrückt

Während der Vorpubertät steigt das Level von Hormonen wie Testosteron oder Oxytocin an. Sie beeinflussen als Neuromodulatoren auch die Arbeitsweise des Nervensystems und sind dafür verantwortlich, dass sich das Sozialverhalten während der Vorpubertät ändert. Beziehungen zu Gleichaltrigen werden auf einmal wesentlich wichtiger als zur Familie. Die Identitätssuche beginnt und Jugendliche interessieren sich nun vor allem, was Gleichaltrige über sie denken und soziale Medien spielen von nun an eine überdurchschnittlich wichtige Rolle im Alltag. Die exzessive Nutzung von Smartphone und Tablet stört viele Eltern, ist aber heutzutage der wichtigste Kanal für die Kommunikation mit Gleichaltrigen. Dass ihr als Eltern dabei immer weniger von den sozialen Kontakten eures Kindes mitbekommt, ist oft nicht einmal Absicht.

Gemeinsame Erlebnisse schaffen Verbundenheit

Doch was tun, wenn ihr das Gefühl habt, gar nicht mehr an eure Kinder ranzukommen? Ihr solltet in so einem Fall weder resignieren, noch euch oder eurem Kind Vorwürfe machen. Die Abgrenzung, die schlechte Laune, die Null-Bock-Haltung: Alles ganz normaler Wahnsinn! Was euch, wie auch schon seit kleinsten Kindheitstagen an, zusammenschweißt, sind gemeinsame Unternehmungen. Gemeinsame Erlebnisse sind die beste Basis, um wieder ins Gespräch zu kommen und ein Gemeinschaftsgefühl zu erwecken – wenn es die richtigen Unternehmungen sind. Wandern gehen ist für viele angehende Teenager vielleicht nicht die ersehnte Beschäftigung mit den Eltern. Plant gemeinsam und sucht etwas, was euch allen Spaß bereitet.

Positive Herausforderungen gestalten

Und was hilft, wenn euer Kind absolut keine Aufgaben mehr im Haushalt übernehmen möchte, sich nicht um einen Praktikumsplatz kümmert und generell keine Lust mehr auf irgendwas hat? Kinder brauchen Bestätigung. Deshalb solltet ihr Aufgaben nicht als Angriff oder Vorwurf formulieren, sondern eher als Herausforderung darstellen, die ihr eurem Kind zutraut. Auf diese Weise wird sein Ansporn angeregt und nur so können Kinder an den Anforderungen, die ihre Umwelt an sie stellt, wachsen.

Viele Freiräume lassen

Was also hilft gegen die präpubertäre Antriebslosigkeit? Gemeinsame Erlebnisse, positive Herausforderungen – und Freiräume. Es ist schön, wenn ihr viel plant und vorhabt. Ein „atmender“ Terminkalender, der dem Kind ab und zu einfach mal seine Ruhe lässt, ist aber noch besser. Er sorgt dafür, dass Kinder lernen, aus Freizeit und Freiräumen aktiv etwas zu machen und ihr Leben immer stärker selbst zu gestalten. Und wenn es in seiner freien Zeit erstmal nur rumhängen will, dann ist das auch okay.

Bildquelle: Getty Images

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