Zu viel Verwöhnen in der Erziehung vermeiden

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Zu viel Verwöhnen in der Erziehung vermeiden

Zu viel Verwöhnen kann bei Kindern Unselbstständigkeit und fehlendes Selbstvertrauen zur Folge haben. Wie Sie Verwöhn-Fallen in der Erziehung umgehen.

Zu viel Verwöhnen vermeiden

Wo liebevolle Versorgung aufhört und Verwöhnen beginnt, ist schwer zu bestimmen. Nach dem aufopfernden Einsatz in den ersten Lebensmonaten, in denen jedes Bedürfnis der Kinder erspürt und befriedigt werden muss, gilt es bei der Erziehung, rechtzeitig die Kurve zu kriegen. Mit dem Eigensinn entwickeln die Kinder nämlich um den ersten Geburtstag herum das Bewusstsein, dass die Großen auf ihre Willensäußerungen reagieren - und setzen Charme und Schreien auch strategisch ein. Und was sie dann einfordern, sind keineswegs nur Grundbedürfnisse.

Regeln vermeiden übermäßiges Verwöhnen in der Erziehung

„Klären Sie spätestens dann mit Ihrem Partner, wie Sie sich das Leben zu dritt vorstellen“, rät die Familien-Therapeutin Saskia zur Nieden. Wie könnten Familien-Regeln lauten? Wo darf sich unser Kind ausbreiten, wo muss es Rücksicht auf unsere Bedürfnisse nehmen? Welche Dinge könnte das Kind von nun an selbstständig erledigen? Um solche Erziehungs-Regeln im Alltag klar und gelassen durchzusetzen, müssen Eltern auch in sich horchen: Warum will ich meinem Kind mehr geben, als es braucht? „Verwöhnen ist häufig ein unbewusster Vorgang“, erklärt zur Nieden. Mit der Expertin hat Baby&Co darum eine Liste der häufigsten Fallen in der Erziehung samt Lösungsvorschlägen erarbeitet.

Kindererziehung: Übermäßiges Verwöhnen vermeiden

Mögliche Verwöhn-Fallen 1 bis 3

Verwöhn-Falle 1: „Ich übernehme das schnell für dich“

Typische Situation: Das Kind will sich selbst die Schuhe anziehen, selbst den Löffel halten, selbst die Tasche mit dem Sandspielzeug einräumen. Im ersten Versuch klappt das natürlich nicht perfekt. Die Mutter oder der Vater nimmt dem Kind die Aufgabe darum sofort ab - angeblich, um behilflich zu sein, meist jedoch, weil es zu lange dauert oder sonst zu viel Dreck oder Unordnung entsteht. Gefahr: Die Eltern hindern das Kind mit ihrer Ungeduld daran, die Welt zu begreifen bzw. selbst in den Griff zu bekommen. Beim Kind kommt an: Ich kann das nicht. Es verliert die Lust am Selbermachen, traut sich immer weniger zu und wird später die Hilfestellung der Eltern einfordern, und zwar mehr und öfter als denen lieb ist.

So geht´s besser:
Lassen Sie Ihr Kind rumpusseln und eigene Erfahrungen sammeln. Sichern Sie es unauffällig bei möglichen Gefahren und passen Sie Ihr Zeit-Management dem kindlichen Experimentiertrieb an. Während es 15 Minuten braucht, um einen Gummistiefel an den (falschen) Fuß zu bekommen, können Sie ja in Ruhe noch eine Mail schreiben oder schon mal das Gemüse fürs Abendessen putzen. Loben Sie Ihr Kind für Bemühungen und Fortschritte.

Verwöhn-Falle 2: „Du bist mein Prinz/meine Prinzessin“

Typische Situation: Die Eltern, manchmal auch die Großeltern, überschütten das Kind weit über seine Bedürfnisse hinaus mit Status-Symbolen wie Designer-Mode, Marken-Spielzeug, Luxus-Kinderzimmerausstattung. Für mein Kind immer nur das Beste, lautet ihr Motto. Gefahr: Ein vollgestopftes Kinderzimmer überfordert die Kleinen, im Überfluss verlieren sie den Überblick. Und langfristig können sie so nie lernen, Ordnung zu halten. Zudem entwickeln sie eine übersteigerte Anspruchshaltung, die ihnen später Frust einbringt. So geht´s besser: Setzen Sie dem Drang zu Dingen Grenzen. Eine Winterjacke, eine Puppe, eine Stifteschachtel etc. reicht. Sprechen Sie Geschenke im Familienkreis vorher ab. Streichen Sie den nächsten Besuch in der Kinderboutique und ersetzen Sie ihn durch einen lustigen Lego-Nachmittag auf dem Kinderzimmerteppich. So bekommt Ihr Kind mehr Liebe als durch neue Jeans.

Verwöhn-Falle 3: „Ich kämpfe für dich“

Typische Situation: Beim kleinsten Spielplatz-Konflikt wirft sich die Löwenmutter oder der Löwenvater vor den „Angreifer“ und verteidigt das „Junge“ mit Zähnen und Klauen. Gefahr: Dominante Mütter und Väter nehmen ihrem Kind die Chance, Konflikte selbst zu managen, Aggressionen wegzustecken sowie zu entwickeln und Widerstände zu überwinden. Auf lange Sicht fühlt sich das Kind ohne seine Eltern schwach und hilflos.

So geht´s besser:
Halten Sie sich zurück, vertrauen Sie den kindlichen Kräften. Die Welt der Kleinkinder ist keine heile Schmuse-Welt, aber Ihr Kind ist bestens gerüstet. Und es schöpft aus jeder Schaufelattacke wertvolle Erkenntnisse, die es später im Kindergarten und in der Schule dringend braucht.

Mögliche Verwöhn-Fallen 4 bis 6

Buchtipp zum Thema Verwöhnen

  • Gereon Reimann: Lieben - statt verwöhnen. Herder spektrum, 8,90 Euro. Dieser Erziehungs-Ratgeber erklärt anschaulich, warum Kindern, die immer alles haben und tun dürfen, wichtige Kräfte und Fähigkeiten fehlen.

Mögliche Verwöhn-Fallen 4 bis 6

Verwöhn-Falle 4: „Du brauchst nicht zu weinen“

Typische Situation: Die Eltern haben bestimmte Regeln aufgestellt (z.B. keine Süßigkeiten nach dem Zähneputzen), doch sobald das Kind weint und schreit, geben sie dem Willen des Kindes nach. Gefahr: Inkonsequente und konfliktscheue Eltern fordern das Kind geradezu heraus, sinnvolle Grenzen Tag für Tag weiter aufzuweichen. Was die Eltern zwingt, pausenlos neue Grenzen aufzubauen. Beide Seiten bleiben in diesem anstrengenden Kreislauf gefangen.

So geht´s besser:
Lernen Sie, ein Weinen aus Protest und Wut von einem Weinen aus Schmerz oder Schutzbedürfnis zu trennen. Formulieren Sie klare Regeln, hinter denen Sie auch wirklich stehen. Wenn das Kind z.B. kein Eis vor dem Abendessen haben soll, bleiben Sie hart. Zeigen Sie dem Wüterich, dass Sie seine Gefühle verstehen, lenken Sie seine Aufmerksamkeit auf anderes, was er liebt (Buch lesen, Puppe baden etc.).

Verwöhn-Falle 5: „Ich habe große Angst um dich“

Typische Situation: Die Eltern sind stets in Sorge und packen ihr Kind in Watte. Schon bei kleinsten körperlichen Herausforderungen (Treppe, Spielgeräte) sichern sie es. Vermeintlich gefährliche Experimente (Klettergerüst auf dem Spielplatz) lassen Sie gar nicht zu.

Gefahr:
Die Eltern verunsichern durch ihre Unsicherheit das Kind; es traut sich selbst nichts mehr zu. Außerdem können sich seine Instinkte nicht entwickeln. Dabei haben normalerweise schon Kleinkinder ein gutes Gespür für natürliche Gefahren, z.B. Höhe.

So geht´s besser:
Natürlich müssen Eltern auf ihre Kinder aufpassen und sie vor Verletzungen bewahren, aber sie sind nicht dafür da, Kinder vor jedem blauen Fleck zu schützen. Überängstliche Eltern müssen versuchen, loszulassen. Machen Sie sich immer wieder klar: Schmerzen und kleine Unfälle gehören zum Leben, sind also unvermeidlich. Und: Das Kind geht daraus gestärkt hervor.

Verwöhn-Falle 6: „Ich bin ganz für dich da“

Typische Situation: Ein Elternteil (häufig Alleinerziehende oder berufstätige Mütter) stellt die eigenen Bedürfnisse bewusst zurück. Das Kind steht zu Hause an erster Stelle, weil es diese Extra-Behandlung als Ausgleich für andere „Härten“ angeblich dringend braucht. Gefahr: Das Kind kann diese selbstlose Aufopferung nicht wertschätzen. Es leidet nur unbewusst unter der Grenzenlosigkeit und wird seinem Erzieher mehr und mehr auf dem Kopf herumtanzen.

So geht´s besser:
Ihre Liebe zeigen Sie Ihrem Kind mit verlässlichen Spielstunden - dann wird gemalt, gebaut und getobt. Nutzen Sie bei knapper Freizeit und strammen Haushaltspflichten den Nachahmungs-Trieb der Kleinen: Spielen Sie „Badezimmerputz“ oder „Kochen“. Und nehmen Sie sich nach inniger Zuwendung ans Kind Zeit für sich selbst.

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