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Jugendliche zockten in der Corona-Krise deutlich mehr: Ist das jetzt generell eine Gefahr?

Ein Kommentar

Jugendliche zockten in der Corona-Krise deutlich mehr: Ist das jetzt generell eine Gefahr?

Laut einer aktuellen Studie der Krankenkasse DAK und des Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters hat sich die Nutzung digitaler Medien von Jugendlichen während des Corona-Lockdowns deutlich verstärkt. Die Macher der Studie sehen daher eine deutliche Gefahr für den krankhaften Umgang mit Computerspielen, obwohl nur 2,7 Prozent der Jugendlichen überhaupt solchen Kriterien, die für ein Suchtverhalten sprechen, erfüllen. Das ist vollkommen unverhältnismäßig und wird der Ausnahmesituation im Frühjahr überhaupt nicht gerecht.

Jugendliche zockten fast doppelt so lange

Die Ergebnisse der Studie zeigen: Kinder und Jugendliche verbrachten im Frühjahr 75 Prozent mehr Zeit mit digitalen Medien als vor der Pandemie. Forscher befragen dazu Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren sowie ihre Eltern jeweils vor und nach dem Corona-Lockdown zu ihrer Mediennutzung. Im September 2019 lag die durchschnittliche tägliche Spieldauer von Onlinespielen noch bei 79 Minuten und im April stieg sie auf 139 Minuten. Auch die Nutzung sozialer Medien nahm zu. Sie stieg von 116 Minuten im vorigen Jahr auf 193 Minuten an. Aber ist das denn so verwunderlich?

Langeweile überbrücken und Kontakte halten

Im März und April befanden wir uns alle in einer Ausnahmesituation. Das öffentliche Leben kam komplett zum Erliegen. Schulen und Kitas mussten aufgrund des Coronavirus komplett schließen und die Kontaktbeschränkungen verboten ein öffentliches Treffen miteinander. Wir alle waren gezwungen uns zurückzuziehen und mussten als Familie auf einmal den kompletten Alltag miteinander verbringen. Das bedeutete Homeoffice, Homeschooling und Kinderbetreuung in einem. Ist da ein Wunder, dass viele Jugendliche häufiger mal am Smartphone oder der Konsole hingen und mit Freunden chatteten?

Der Austausch mit Gleichaltrigen, die die eigenen Probleme kennen, ist in diesem Alter enorm wichtig. Social Media wie WhatsApp und Co. helfen da, sich überhaupt noch mit Freund*innen auszutauschen. Im Gegenteil: Die sozialen Medien sowie Chatprogramme erwiesen sich sogar als bestes Mittel weiterhin trotz Kontaktbeschränkungen mit Freunden und der Familie zu kommunizieren. Dass Jugendliche natürlich auch unterhaltsame oder schräge Videos auf YouTube und TikTok geschaut haben und sich vielleicht Inhalte ansahen, die nicht ganz so anspruchsvoll waren, gehört einfach zu diesem Alter dazu.

Zockende Jugendliche werden immer sofort generalisierend verurteilt

Laut der Studie hätten ca. 10 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen einen kritischen Medienkonsum (während des Lockdowns), den die WHO auch als riskant einstufen würde. Insgesamt gesehen hätten 2,7 Prozent der deutschen Jugendlichen diese Tendenz. Diese Kinder litten an Kontrollverlust und können ihr Verhalten nicht mehr selbst steuern, obwohl sie wissen, dass es kritisch sei. Dass es diese Tendenz gibt und Eltern in der Verantwortung sind, dies zu erkennen und dagegen zu steuern, ist unbestritten. Doch anhand solcher Studien wird immer wieder generalisierend von der Gefahr von Computerspielen auf Jugendliche gesprochen, ohne zu differenzieren.

Es gibt eine Vielzahl kreativer unterhaltsamer und sehr aufwendig gemachter Spiele mit anspruchsvoller Storyline, in denen man aus seinem realen Alltag entfliehen kann oder gemeinsam mit anderen Abenteuer besteht. Ganz abgesehen von eSports, bei denen hohe Konzentration und Kondition gefragt ist. Diese Realitätsflucht ist ein gutes Mittel zur Entspannung in einer Zeit, wo außerhalb der eigenen vier Wände alles zusammenbricht. Das hat vielen Jugendlichen geholfen, die Zeit des Lockdowns überhaupt irgendwie zu meistern, ohne die eigenen Freund*innen zu sehen. Dass darunter natürlich dann Kinder sind, die ein krankhaftes Verhalten an den Tag legen könnten, ist problematisch und hier sind die Eltern gefragt, sich mit Mediennutzung ihrer Kinder zu beschäftigen.

Wir müssen uns endlich mal von diesem Bild des dicken Kindes verabschieden, dass in der dunklen Kammer vor dem PC daddelt, Chips mampft und Cola trinkt. Dass Gaming viele positive Auswirkungen auf Körper und Geist haben kann, ist mittlerweile durch verschiedene Studien belegt. Natürlich ersetzt eSports keine Bewegung. Aber sich eine Zeit lang in ein Spiel zu flüchten, während wir in einer Pandemie leben, sollte wirklich nicht kritisiert werden

Lisa Purrio, familie.de-Redakteurin

 

Sind jetzt die Eltern schuld, die den Nachwuchs "vernachlässigt" haben?

Man hat ein wenig den Eindruck, dass bei der Interpretation der Studienergebnisse vergessen wird, dass die Situation, in der die Jugendlichen sich befanden, außergewöhnlich war. Zudem blieb vielen Eltern einfach keine andere Wahl, als die Kinder mal etwas länger "daddeln" zu lassen. Vor allem, wer mehrere Kinder zu betreuen und unterhalten hatte, zu Hause arbeiten musste und den Haushalt geschmissen hat, war sicherlich dankbar, wenn die Älteren sich auch nochmal etwas länger allein beschäftigen konnten. Das heißt nicht, dass diese Eltern nicht auch gern anders die Zeit mit dem Nachwuchs verbracht hätten.

Ich finde die Aussage dieser Studie ein Unding. Es waren also Kinder während der Zeit intensivster Belastung mehr als gewöhnlich online und haben gezockt. So what. Was sollten Familien denn sonst machen, wenn sie keinerlei Unterstützung erhalten haben. Man kann natürlich über Eltern richten, die ihre Kinder ohne Blick auf die Uhr und Medienzeit haben daddeln lassen. Weil das ja auch viel bequemer ist, als sich zu überlegen wie Eltern zukünftig in solchen Situationen besser unterstützt werden können. Denn Homeoffice und Kinderbetreuung ist kein Zuckerschlecken.

Andrea Zschocher, familie.de-Redakteurin

Keine generalisierende Verurteilung von Onlinespielen

Um nachzuweisen, dass das längere Zocken oder Chatten auf WhatsApp und Co. für die Jugendlichen wirklich dauerhaft psychisch gefährlich wäre, müsste die Nutzung über eine längere Zeit untersucht werden. Auch dann sollte genau definiert werden, was man unter "Mediensucht" versteht und welche Medien da konkret hineinfallen. Game ist nicht gleich Game, da gibt es sehr große Unterschiede und der Zeitumfang, wie viel Spielen noch okay ist und wann es zu viel sei, kann auch ganz unterschiedlich sein.

Wer sich außerdem tagsüber mit Freunden zum Fußball trifft, kann auch abends mal zwei Stunden zocken, wenn die Eltern Serien bingen. Während des Lockdowns war das natürlich nicht möglich, da ist es klar, dass auch tagsüber mehr Games konsumiert wurden.

Ich gebe den Studienmachern Recht, dass es eine Sensibilisierung hinsichtlich des Medienkonsums geben müsste, vor allem wenn es im Herbst zu einer zweiten "Corona-Welle" kommen sollte und die Schulen wieder geschlossen werden sollten. Doch es ist auch wichtig, hier die Eltern miteinzubeziehen und ihnen konkrete Hilfestellungen an die Hand zu geben.

Unsere Studie zeigt, dass wir dringend ein verlässliches und umfassendes Frühwarnsystem gegen Mediensucht brauchen

DAK Vorstandschef Andreas Storm
Katja Nauck
Das sagtKatja Nauck:

Mein Fazit

Versteht mich nicht falsch: Natürlich finde ich es auch problematisch, wenn Jugendliche mehrere Stunden am Tag vor dem PC hocken oder am Smartphone herumdaddeln. Doch mich stört an der Interpretation der Studie, dass man von einer Ausnahmesituation auf die generelle Mediennutzung schließt. Da sollte man differenzieren. Ich denke, es ist auf jeden Fall wichtig, dass Eltern wissen, was ihre Kinder da tun, wenn sie vor der Konsole sitzen oder am Smartphone fummeln. Sie sollten sich mit den Apps beschäftigen und auch so ungefähr die Spiele kennen, die gezockt werden.

Als Eltern ist man in der Verantwortung, sich damit zu beschäftigen. Doch Medienkompetenz kommt auch nicht von heute auf morgen, die muss vielleicht auch einigen Eltern sogar noch vermittelt werden und da könnte es mehr konkrete Hilfestellungen und Bildungsangebote geben.

Bildquelle: Getty Images/jacoblund

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