Für Links auf dieser Seite erhält familie.de ggf. eine Provision vom Händler, z.B. für mit oder grünblauer Unterstreichung gekennzeichnete. Mehr Infos.
Neue Studie: Kinder aus sozial schwächeren Familien leiden psychisch stärker unter Corona

Neue Studie: Kinder aus sozial schwächeren Familien leiden psychisch stärker unter Corona

Überraschend?

Eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf fand nach einer Befragung heraus, dass sich das Risiko für psychische Auffälligkeiten während der Corona-Krise unter Kindern verdoppelt hat. Besonders betroffen sind Kinder aus sozial schwächeren Familien. Was heißt das für eine mögliche zweite Infektionswelle im Herbst?

Den Kindern eine Stimme geben

Laut Studienleiterin Ulrike Ravens-Sieberer kam es in China nach dem Lockdown relativ rasch zu einer deutlichen Verschlechterung der psychischen Gesundheit der Kinder und Jugendlichen. Das war für die Sektion Kindergesundheit des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) ein Anlass, eine Befragung unter deutschen Kindern durchzuführen. Es ging darum herauszufinden, ob es hier Parallelen gibt und sich die Kinder ähnlich stark belastet fühlten.

Ziel der COPSY-Studie des Universitätsklinikums war es, zu erfahren, wie es den Kindern selbst geht und welche Auswirkungen der Lockdown hat. Wichtig war laut Ulrike Ravens-Sieberer, zu hören, was die Kinder stark macht und worauf sie zurück greifen, das einen positiven Einfluss auf das seelische Wohlbefinden hat. Daraus können Maßnahmen abgeleitet werden, um auf eine zweite Corona-Welle im Herbst besser vorbereitet zu sein und frühzeitig Präventionsmaßnahmen zu ergreifen.

Für die Studie wurden vom 26. Mai bis 10. Juni 2020 in einer bundesweiten Online-Befragung in ausgesuchten Familien, die einen Querschnitt der Bevölkerung repräsentieren, 11 bis 17-jährige Kinder- und Jugendliche direkt befragt. Für die 7 bis 10-Jährigen haben die Eltern die Fragen beantwortet. Insgesamt nahmen 1040 Kinder und 1580 Eltern teil.

Wir haben mit einer Verschlechterung des psychischen Wohlbefindens gerechnet. Doch dass das so deutlich ausfällt, hat auch uns überrascht.

Ulrike Ravens-Sieberer, Studien-Leiterin

Den Kinder ging es im Lockdown deutlich schlechter

Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass drei Viertel der befragten Kinder sich durch die Corona-Krise stark belastet fühlten. Zwei Drittel geben für sich ein vermindertes psychisches Wohlbefinden an. Vor Corona gaben dies nur ein Drittel der Kinder an, verglichen mit einer Langzeitstudie zur seelischen Verfassung von Kindern vor Corona. Fast jedes dritte Kind zeigt während der Corona-Krise ein Risiko für psychische Probleme, vorher war es etwa jedes fünfte Kind.

Die Auffälligkeiten seien Hyperaktivität, emotionale Probleme und Verhaltensprobleme. Hier sind vor allen Dingen die jüngeren Kinder mehr betroffen als die Älteren. 24 % zeigen Anzeichen für eine allgemeine Angststörung (vorher waren es nur 15 %). Die Kinder sind gereizter, machen sich mehr Sorgen und schlafen schlechter. Sie berichten über häufigeren Streit in der Familie und dass die Situation und Beschränkungen auch das Verhältnis zu ihren Freunden belastet.

Der eingeschränkte persönliche Kontakt hat alle Befragte extrem belastet. So hat auch die Nutzung digitaler Medien hat natürlich zugenommen. Das ist einerseits Belastung, andererseits aber auch eine Lösung und eine Ressource in dieser Krise. Denn obwohl wir bei Gesundheitsverhalten immer davon reden, dass wir nicht möchten, dass es zu hohen Medienkonsum gibt, hat sich das während der Krise als ein Mittel erwiesen, mit den Freunden in Kontakt zu blieben und nicht die Distanz zu vergrößern.

Ulrike Ravens-Sieberer

Quarantäne-Tagebuch: Wie eine Familie die Kinder vor dem Durchdrehen bewahrt

Quarantäne-Tagebuch: Wie eine Familie die Kinder vor dem Durchdrehen bewahrt
Bilderstrecke starten (17 Bilder)

Vor allem Kinder aus sozial schwächeren Familien leiden

Kinder, deren Eltern einen niedrigen Bildungsabschluss oder einen Migrationshintergrund haben, erleben dabei die Corona-bedingten Veränderungen als äußerst schwierig. Zu dieser Einschätzung kam die Studie nach Auswertung der Ergebnisse. Fehlende finanzielle Ressourcen und verengter Wohnraum begünstigen das Auftreten des Risikos für psychische Auffälligkeiten.

Diese Kinder haben durch häufig beengteren Wohnraum keine Rückzugsmöglichkeiten und durch die Doppelbelastung von Homeschooling und Homeoffice nimmt der Stress zu. Dazu kommt die häufig fehlende Tagesstruktur. Das führe in Krisenzeiten zu Streit und Konflikten. Vor allem, wenn die Eltern selbst stark belastet sind, übertrug sich das auf die Kinder.

Die Politik muss die Bedürfnisse der Kinder im Blick behalten

Die Studienergebnisse zeigen, dass es Kindern und Jugendlichen unter den Bedingungen der Pandemie psychisch deutlich schlechter geht. Daher fordert Studienleiterin Ulrike Ravens-Sieberer das Nachdenken über nötige Maßnahmen, die in einer möglichen zweiten Welle der Pandemie frühzeitig eingesetzt werden können, um den Kindern die Situation zu erleichtern. Hier fordert sie die Politik auf dementsprechend zu handeln und die Bedürfnisse der Kinder in Zeiten des Lockdowns stärker im Blick zu behalten.

Tokophobie, oder was?! 21 skurrile Ängste, die fast alle Eltern kennen
Tokophobie, oder was?! 21 skurrile Ängste, die fast alle Eltern kennen
Quiz starten

Was können wir Eltern daraus lernen?

Die Studienergebnisse sind für mich nicht so überraschend. Dass vor allem die Gruppe der Kinder aus sozial schwächer gestellten Familien leidet, ist naheliegend. Wenn für diese Familien wichtige Versorgungs- und Betreuungsangebote für die Kinder wegbrechen, fehlt es an allem. Den Kindern fehlt die Tagesstruktur, das warme Essen und der soziale Kontakt in Schule und Kita. Die Eltern sind zu Hause hilflos und haben nicht die Ressourcen den Kindern adäquat diese wichtigen Instanzen zu ersetzen. Dass es dabei zu einer viel stärkeren Belastung und großem Druck zu Hause kommt, davor wurde bereits im April überall gewarnt. Es muss also rechtzeitig eine politische Lösung her, die diesen Familien in einem möglichen zweiten Lockdown Angebote bietet und sie unterstützt, den Alltag zu bewältigen.

Alle Eltern können aus der Studie sicherlich lernen, die Ängste ihrer Kinder ernst zu nehmen und zu versuchen, selbst mit der Situation zu entspannt wie möglich umzugehen. Sonst überträgt sich der Stress auf alle Familienmitglieder. Das ist im Alltag leichter gesagt als getan und hier ist sicherlich auch Kreativität gefragt, um sich zu Hause kleine Inseln zu schaffen, wo jeder einen Ort für Rückzug hat.

Bildquelle: Getty Images/Imgorthand

Na, hat dir "Neue Studie: Kinder aus sozial schwächeren Familien leiden psychisch stärker unter Corona" gefallen, weitergeholfen, dich zum Lachen oder Weinen gebracht? Dann hinterlasse uns doch ein Like oder teile den Artikel mit anderen netten Leuten. Wir freuen uns sehr über dein Feedback – und noch mehr, wenn du uns auf Pinterest, Facebook, Instagram, Flipboard und Google News folgst.

Galerien
Lies auch
Teste dich