Weniger Schüler, mehr Chancen

Schulkind

Weniger Schüler, mehr Chancen

Die Schülerzahlen in Deutschland gehen immer mehr zurück. Welche Chancen sich für Schulen in Ost und West ergeben

(Es handelt sich um einen Archiv-Artikel)

Sinkende Schülerzahlen in Ost- und Westdeutschland

Es wird still in Deutschlands Schulen. Nicht, dass die Kinder heute ruhiger und disziplinierter lernen als ihre Vorgängergenerationen. Nein, der demografische Wandel trifft die Grundschulen mit als Erste. Werden weniger Kinder geboren, werden auch weniger eingeschult.
Der Rückgang der Schuülerzaheln ist dramatisch: 2020, so eine Prognose der Kultusministerkonferenz, sitzen über zwei Millionen Kinder weniger in den Klassen als heute. Die Bundesländer sind davon unterschiedlich betroffen, der Osten generell stärker als der Westen. Besonders dramatisch sind die Auswirkungen in Mecklenburg-Vorpommern. Besuchten im Jahr 1992 noch 112.460 Kinder die ersten vier Klassen, waren es 2006 nur noch 423.76. Ein Rückgang auf ein Drittel!
Die Auswirkungen sinkender Schülerzahlen sind nicht erst in ein paar Jahren in Form äußerst dünn besiedelter Landstriche zu sehen. Wer gedacht hat, dass geringere Schülerzahlen weniger Lärmbelastung für Kinder und LehrerInnen und besseres, effektiveres Lernen bedeuten, LehrerInnen vielleicht sogar auf die individuellen Stärken und Schwächen einzelner Schülerinnen eingehen könnten, der sieht sich getäuscht:

Schulen schließen wegen sinkender Schülerzahlen

Im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung hat das Prognos-Institut errechnet, dass die Bundesländer durch sinkende Schülerzahlen insgesamt etwa 80 Millionen Euro einsparen könnten: Weniger Lehrergehälter, weniger Raumbedarf, weniger Energie- und Renovierungskosten etc. Solche Summen wecken Begehrlichkeiten, und die Gefahr ist groß, dass die Bundesländer die "demografische Rendite" zum Stopfen allgemeiner Haushaltslöcher nutzen. Der einfachste Weg: Schulen dichtmachen. Das trifft vor allem ländliche Regionen, auch im Westen. Im Saarland beispielsweise sollen nach Regierungsplänen in den nächsten Jahren 80 der 269 Grundschulen verschwinden. Schulschließungen und -zusammenlegungen bedeuten für Eltern und Kinder erhebliche Mehrbelastungen. Nach Auskunft von Anja Ziegon, der amtierenden Vorsitzenden des Bundeselternrats, müssen Kinder in Mecklenburg-Vorpommern bis zu zwei Stunden mit dem Bus zur Schule und zurück fahren. Also vor sechs Uhr aufstehen, um rechtzeitig zum Frühenglisch ante portas zu sein - nicht gerade ideale Lernbedingungen für Sechs- bis Zehnjährige.

Sinkende Schülerzahlen bieten große Chancen

Sinkende Schülerzahlen bieten große Chancen

Dabei beinhaltet gerade der Rückgang der Schülerzahlen eine immense Chance, das Schulsystem endlich grundlegend und pädagogisch sinnvoll zu reformieren. Jahrgangsübergreifenden Unterricht, flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen, individuelle Lerndiagnostik und persönliche Förderung der SchülerInnen - all das steht seit Jahrzehnten auf der pädagogischen Agenda. Nicht nur bei ProfessorInnen, auch bei den Eltern. Isabell Zacharias, Landesvorsitzende des Bayerischen Elternverbandes, spricht sich dafür aus, scheinbar überzählige Lehrer endlich für eine bessere Unterstützung einzelner Kinder einzusetzen: "Hier können die Politiker Mut beweisen und jedem Kind wirklich die individuelle Förderung bieten, von der sie seit Jahren reden." Bezahlbar sind solche Reformen mit der "Kinderschwundprämie" allemal. "Die durch die Entwicklung der Schülerzahlen möglichen Einsparungen könnten 75 Prozent einer umfassenden Reform im Schulbereich finanzieren", heißt es in der Prognos-Untersuchung. Das Geld müsse vor allem in den Grundschulbereich fließen, denn hier bestehe im internationalen Vergleich erheblicher Handlungsbedarf.

Die Politik ist wegen sinkender Schülerzahlen gefordert

Behindert werden Reformbestrebungen vor allem von bürokratischer Seite: So bezieht sich der Regierungsbezirk Düsseldorf in einer Pressemitteilung auf die laut Schulgesetz festgelegten "Klassenbildungswerte": für Grundschulen 18 bis 30 Schüler. Entsprechend würden kleinere Klassen zu mehr Unterrichtsausfall führen, da die Lehrkraftzuweisung nach Schülerzahl erfolgt. Außerdem dürfe es zu keiner für größere Schulen ungerechten Umverteilung der Lehrer kommen. Mit entsprechendem politischen Willen sind hier Änderungen durchaus möglich. Was spricht dagegen, eine Klasse schon mit zwölf Schülern einzurichten? Oder mehrere Jahrgänge in eine Klasse zu setzen? Oder auf dem Land andere Regeln gelten zu lassen als in der Stadt? Doch hier schieben sich Kommune (Schulträger) und Land (staatliche Aufsicht) den Schwarzen Peter zu. Zulasten der Schüler. Anja Ziegon nennt solches Bürokratiegebaren "organisierte Nichtverantwortlichkeit". Doch von massivem Engagement lassen sich auch Regierungen beeindrucken. In Bayern sollen in diesem Jahr 30 neue Ganztagsgrundschulen eingerichtet werden. Allerdings nur als Modellprojekt für die nächsten vier Jahre. Auf engagierte Eltern kommt noch viel Arbeit zu!

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