Soll das Geschwisterkind mit in den Kreißsaal?

Wohin mit den Geschwisterkindern, wenn das Baby auf die Welt kommt? Einfach bei der Geburt dabei sein lassen, sagt die eine Mutter. Nie im Leben, meint die andere. Beide haben viel zu diesem Thema zu sagen.


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Sollte Geschwisterkind bei der Geburt dabei sein?


© iStock
Die Geburt eines weiteren Kindes steht an und für die Eltern stellt sich die Frage: Wohin mit den älteren Geschwistern? Bei Oma und Opa abgeben? Irgendwo im Krankenhaus warten lassen? Oder sie gar mit in den Kreißsaal nehmen? Gerade letztere Taktik heizt die Gemüter ziemlich auf. Die eine Seite protestiert vehement und befürchtet, das Geschwisterchen könnte bei solch einem Ereignis ewiglich einen Schaden davontragen. Die andere Seite versteht diese Aufregung überhaupt nicht. Eine Geburt ist schließlich das Natürlichste der Welt. Warum sollte das Geschwisterkind nicht dabei sein, wenn sein Bruder oder seine Schwester das Licht der Welt erblickt? Wir haben zwei Mütter mit komplett gegensätzlichen Meinungen gebeten, uns ihren Standpunkt zu erklären.

Geschwisterkind bei der Geburt mit dabei


Sarah, 37, Mutter von zwei Kindern, erzählt warum sie sich DAFÜR entschieden hat:

"Als ich zu zweiten Mal schwanger wurde, war meine Große bereits acht Jahre – und hat sich unheimlich auf ihr Geschwisterlein gefreut. Wir haben sie von Anfang an in die Schwangerschaft mit einbezogen, damit sie sich nicht vernachlässigt fühlt oder ihren kleinen Bruder gar als Konkurrenz für Mamas und Papas Liebe ansieht. Ich habe auch sehr offen mit Lisa über das gesprochen, was in meinem Bauch passiert, wie das Baby auf die Welt kommt – und natürlich auch, wie Babys überhaupt entstehen. Denn mein Mann und ich finden es wichtig, dass unsere Kinder schon früh Bescheid wissen. Früh aufgeklärt werden und das auch korrekt, nicht mit der Hilfe von irgendwelchen Bienchen und Blümchen. Schließlich sind Geschlechtsverkehr und Fortpflanzung doch etwas ganz natürliches. Scham ist hier vollkommen fehl am Platz. Vielmehr wollen wir, dass unsere Kinder alle Informationen haben, die sie brauchen – so möchten wir auch ihr Vertrauen in sich selbst stärken und vermeiden, dass andere ihre Unwissenheit ausnutzen könnten.

Deshalb war für mich eigentlich auch schon zu Beginn der Schwangerschaft klar, dass Lisa bei der Geburt ihres Bruders dabei sein kann – wenn sie das will. Und sie wollte. Hat sogar von sich aus gefragt, ob sie nicht irgendwie bei der Geburt helfen kann.
(Anm. d. Red.: Wie es beispielsweise die achtjährige Brooke bei der Geburt ihrer Schwester gemacht hat. Auf dem Bild hier zu sehen:)


Nun gab es jedoch ein Problem: In vielen Kreißsälen ist es nicht möglich, das Geschwisterkind mitzunehmen. Viele Krankenhäuser haben Regelungen, wie viele Begleitpersonen anwesend sein dürfen. Das ist auch einleuchtend. Es gibt räumliche Begrenzungen und man bräuchte eine weitere Person, die auf das Kind aufpassen könnte. Oft gibt es auch Altersbeschränkungen und Kinder dürfen erst ab 16 Jahren mit in den Kreißsaal.

Für uns war dies allerdings zum Glück nicht so ein großes Thema. Denn ich hatte mich sehr bald mit meiner Hebamme für eine Hausgeburt entschieden. Die hatte ich auch schon bei der Geburt von Lisa geplant, doch dann mussten wir doch ins Krankenhaus. Aber ehrlichgesagt empfinde ich den Geburtsvorgang Zuhause einfach als viel natürlicher als den klinischen Vorgang in einem Krankenhaus.

Als es dann so weit war, war die stolze große Schwester also bei der Geburt ihres kleinen Bruders mit dabei. Ich kann nur sagen: Ich empfand dieses Ereignis als unglaublich bereichernd für unsere ganze Familie. Es hat uns alle vier noch einmal mehr zusammengeschweißt.

Da wir bei uns daheim waren, hätte Lisa jederzeit die Möglichkeit gehabt, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen. Doch diese Möglichkeit hat sie gar nicht gebraucht. Sie war fasziniert davon, dabei zu sein, wenn ihr Bruder das Licht der Welt erblickt. Ihre Neugierde war größer alles andere. Nun wird sie den kleinen Mann von der ersten Sekunde an kennen, das ist doch eine wunderschöne Vorstellung.

Gestört hat Lisa überhaupt nicht. Ich denke, Kinder sind in solchen Dingen sehr sensibel und wissen, wann sie nicht unterbrechen sollten.

Meine Tochter hat im Übrigen keine bleibenden Schäden zurückbehalten, wie es so oft heißt. Und ja, sie will später auch immer noch Kinder bekommen. Ich denke, diese Erfahrung hat sie keinesfalls abgeschreckt, sondern eher das Gegenteil bewirkt. Sie weiß nun: Ja, Geburten verursachen Schmerzen. Ja, es fließt Blut. Aber das alles ist vergessen, wenn das kleine Menschlein auf der Welt ist. Wichtig ist natürlich, dem Kind im Vorfeld die Abläufe zu erklären und sie beispielsweise darauf vorzubereiten, dass Mama
vielleicht schreien und weinen wird.

Viele fragen mich, ob Lisa auch hätte dabei sein dürfen, wenn sie noch jünger gewesen wäre. Manche hatten mich sogar gefragt, ob ich genauso gehandelt hätte, wenn mein erstes Kind ein Junge gewesen wäre (warum sollte das einen Unterschied machen?). Meine Antwort ist immer gleich: Wenn es für mich und das Kind Sinn gemacht hätte, warum nicht? Wir wollen die Selbstbestimmung unserer Kinder fördern und ihnen die Chance geben, ihre natürliche Neugierde zu stillen. Das Gleiche gilt übrigens auch für Geburten im Krankenhaus oder Geburtshaus. Ich hätte auf jeden Fall einen Kreißsaal gesucht, in dem Lisa willkommen gewesen wäre.

Geburten sind etwas ganz Normales, etwas das zum Leben dazugehört. Warum sollte ich mein Kind also davon fernhalten?" 



von Nicole Metz