Internetsucht: Wenn das Smartphone zur Droge wird

Internetsucht und Smartphone-Sucht sind reißerische Schlagworte, die vielen Eltern Angst machen. Doch auch eine exzessive Nutzung des Smartphones darf nicht von vornherein mit einer ernsthaften Sucht gleichgesetzt werden. Wir klären auf.


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„Ich habe noch niemanden so geliebt wie dich!“. Eine schöne Liebeserklärung. Doch sie an ein Smartphone zu richten ...? Der Regisseur Spike Jonze lässt dieses Szenario in seinem Film „Her“ wahr werden. Er beschreibt, wie sich ein Mann in das intelligente Betriebssystem seines Smartphones verliebt – quasi in eine Art Siri, der Sprachsoftware von Apple.

Von großer Liebe wird im realen Leben keiner sprechen, wohl aber von einer großen Bedeutung. Und das kann sogar die Wissenschaft belegen. Jedes Jahr befragt der "Medienpädagogische Forschungsverband Südwest" für die sogenannte JIM-Studie mehr als 1.200 Teenager in Deutschland, wie sie Medien, Taschengeld und Freizeit nutzen. Das zentrale Ergebnis für 2013: Internetfähige Handys werden für den Lebensalltag der Jugendlichen immer wichtiger.

Internetsucht: drei Mädchen mit ihrem Smartphone


© Thinkstock
72 Prozent der 12- bis 19-Jährigen besitzen ein eigenes Smartphone und gehen damit regelmäßig ins Internet. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich dieser Wert fast verdoppelt. Ein drastischer Ausschlag nach oben. Aber er ist wenig verwunderlich, wenn man sich vor Augen führt, dass Smartphones immer erschwinglicher geworden sind und so gut wie keine Handy-Verträge ohne den multimedialen Alleskönner angeboten werden. Alleskönner, das ist das Stichwort. Denn moderne Smartphones können für fast alles eingesetzt werden: sie sind Wecker, Terminkalender, Busplan, Tagebuch, Tratsch-Ecke und so vieles mehr. Jugendliche, die mit dem Internet als etwas Selbstverständliches aufgewachsen sind, organisieren damit ihren Alltag. Eine gewisse Anhängigkeit zum Smartphone ist also zweifelslos zu erkennen. Und damit ist auch die Gefahr gestiegen, dass sich daraus eine Sucht entwickelt.

Wann wird aus der Leidenschaft eine Sucht?


Internetsucht, Smartphone-Sucht: reißerische Schlagworte, die vielen Eltern Angst machen. Doch auch eine exzessive Nutzung des Smartphones darf nicht von vornherein mit einer ernsthaften Sucht gleichgesetzt werden. Dazwischen liegt ein weiter Graben. „Krankhaft wäre das Verhalten erst dann, wenn sich der Betroffenen gar nicht mehr für andere Lebensbereiche interessieren würde. Also wenn sich alle Gedanken nur noch auf das Smartphone konzentrieren würden und auch jeder Versuch scheitert, den Konsum einzuschränken“, erklärt Diplom Psychologe Kai Müller von der Unimedizin Mainz bei einem Vortrag der Schön Klinik Roseneck. Er forscht seit sechs Jahren über die suchtartige Internetnutzung bei Kindern und Jugendlichen. Und auch er muss einräumen, dass das Smartphone durch seine permanente Verfügbarkeit das Krankheitsbild Internetsucht zusätzlich beeinflusst. Es liegt also die Frage nahe: Ist es die Technik, die uns süchtig macht?

Ganz klar nein, sagt Müller. Nur weil wir Smartphones nutzen, machen sie uns nicht automatisch krank. Müller: „Eine psychische Störung kann sich nicht aus dem Nichts entwickeln. Wir wissen heute, dass dafür einige – auch erbliche – Vorbelastungen eine zentrale Bedeutung spielen.“ Bei den meisten Suchtkranken ist das Belohnungszentrum im Gehirn gestört. Auch erlebten Patienten oft traumatische Erlebnisse und haben allgemein Probleme mit einem gesunden Sozialverhalten: sie kämpfen mit einem gestörten Selbstwertgefühl oder leiden unter Depressionen. Es müssen also mehrere Faktoren zusammenkommen, bis sich aus einer intensiven Mediennutzung eine krankhafte Sucht entwickelt.

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Oft ist die exzessive Nutzung und eine emotionale Bindung zu dem Smartphone nur eine vorrübergehende Phase. Schließlich bedeutet ein eigenes Handy für Jugendliche auch ein Stück Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Es ist ein sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit zu ihrer Altersgruppe. Doch, und das kann durchaus zu Bedenken geben, bereits jeder zehnte Jugendliche zeigt ein auffälliges Internet-Nutzungsverhalten. Das ergab eine europäische Vergleichsstudie, an der Diplom Psychologe Müller mitgewirkt hat. Auffällig heißt nicht krankhaft, aber die Jugendlichen sind durchaus gefährdet in eine Sucht abzurutschen. Woran können Eltern also erkennen, dass ihr Kind suchtgefährdet ist?




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