Kleine „Vielfühler“: Hochsensibilität bei Kindern

Es gibt Kinder, die wirken nachdenklicher und mitfühlender als andere und zeigen gleichzeitig eine größere Empfindlichkeit gegenüber Stress jeglicher Art. Sie scheinen regelrecht über- oder hochsensibel zu sein. Wie Eltern damit umgehen können und was es überhaupt mit der „Hochsensibilität“ auf sich hat, lesen Sie hier.


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Nicht unnormal, nur hochsensibel


Hochsensibilität ist ein in Deutschland noch nicht so bekanntes psychologisches Konzept. Seine Vertreter, allen voran die amerikanische Psychologin und „Entdeckerin“ der Hochsensibilität Elaine N. Aron, haben damit der in allen Kulturkreisen beobachtbaren Besonderheit mancher Menschen einen Namen gegeben: Hochsensible Personen (kurz HSP) - man schätzt das sind etwa 15 bis 20 Prozent aller Menschen - haben ihnen zufolge die angeborene Neigung und Fähigkeit, Informationen und Reize umfassender wahrzunehmen und gründlicher zu verarbeiten als andere Menschen.
Von Superhelden, Drachen und Memmen


© Thinkstock
Klingt nach Superhelden? Irgendwie schon, zumindest, wenn man sich die positiven Seiten der Hochsensibilität anschaut. Die Sinne der HSP sind ständig auf Empfang und registrieren jede noch so kleine Veränderung. Einige HSP nehmen beispielsweise Gerüche eher wahr als ihre Mitmenschen, können Geschmäcker bis auf kleinste Nuancen unterscheiden oder hören das leisete Knacken in der Wohnung. Zudem sind sie in der Regel sehr gewissenhaft und aufmerksam, haben feine Antennen für das Gefühlsleben ihrer Mitmenschen und erstaunen diese nicht selten mit ihrem scheinbar siebten Sinn. Petra Tomschi, Psychologin und Vorstandsmitglied des Münchner Zentrums für Hochsensibilität e.V., nutzt für HSP daher gern den Begriff „Vielfühler“.

Jetzt kommt das große Aber: Diese vielen wahrgenommenen Reize müssen auch verarbeitet werden. Und das Nervensystem von HSP tendiert dazu, das besonders gründlich zu tun. Wo andere Menschen einen sehr nützlichen Filter haben, um auch wirklich nur die relevanten Informationen zu verarbeiten, scheint es, als würde es einen solchen Filter bei HSP nicht geben. Wozu das führt, kann sich jeder vorstellen: Irgendwann ist die Grenze erreicht und das Hirn ist überfordert. Das zeigt sich bei HSP meist deutlich, indem ihre Stimmung umschlägt, erklärt Petra Tomschi: „Wenn HSP an ihre Grenzen kommen, kann es passieren, dass sie einfach urplötzlich anders werden. Aus einem sanftmütigen Wesen kann so plötzlich ein kleiner Drache werden.“ Ebenso typisch wie aggressives Verhalten sind in einer solchen Situation auch das Abschalten und Sich-Zurückziehen.

Diese abrupten Reaktionen scheinen für andere oftmals völlig überzogen und führen in Folge dessen leider häufig zu Unverständnis und Verurteilungen („So eine Memme.“). Dabei liegt die Grenze des „Ertragbaren“ bei HSP nicht besonders niedrig, sondern sie wird in Folge der überdurchschnittlichen Reizaufnahme und -verarbeitung einfach schneller erreicht als bei nicht-hochsensiblen Menschen.
Hochsensibilität bei Kindern
Wie äußert sich Hochsensibilität speziell bei Kindern? Petra Tomschi berät und coacht Familien mit hochsensiblen Kindern. Sie nennt vor allem einen typischen Satz, der Eltern und dem Umfeld hochsensibler Kinder zu gern über die Lippen kommt: „Worüber DU alles nachdenkst!“. Hochsensible Kinder achten auf Dinge und bedenken Details, die anderen gar nicht so auffallen würden; sie stellen kluge Fragen, auf die andere gar nicht kommen würden. Eltern können sich oftmals gar nicht erklären, was in dem kleinen Kopf ihres hochsensiblen Kindes so alles vorgeht. Sie haben zudem in der Regel eine ausgeprägte Fantasie und können sich auch abstrakte Phänomene gut vorstellen. Damit einher geht häufig ein eher altersuntypischer Sinn für Humor und Ironie. Sie sind umsichtig, nehmen Rücksicht auf andere und sind sehr mitfühlend. Gerne zeigt sich diese große Empathie auch in einer ausgeprägten Tierliebe. Soweit so gut. Vermutlich würde kein Elternteil wegen dieser Eigenschaften stutzig werden und vermuten, dass mit dem eigenen Kind irgendetwas „nicht stimmt“.

Der Grund, warum besorgte Eltern BeraterInnen wie Petra Tomschi aufsuchen, sind die Schattenseiten der Hochsensibilität. Dazu zählen zum Beispiel die scheinbar unvorhersehbaren Gefühlsausbrüche - entweder in die wütend-aggressive oder in die traurig-defensive Richtung. Zudem wirken die meisten hochsensiblen Menschen sehr schüchtern. Das fällt bei Kindern insbesondere dann auf, wenn sie das Zusammensein mit anderen Kindern sehr anstrengt und sie deshalb eher Abstand von typischen Spaßaktivitäten nehmen: wenn sie Spielszenen eher aus der Ferne beobachten, statt sich mit ins Getümmel zu stürzen; wenn sie sich gern und ausgiebig allein beschäftigen, statt das Spiel mit anderen Kindern zu suchen. Auffällig sind auch die kleineren oder größeren Eigenheiten, die hochsensible Kinder entwickeln können. So zum Beispiel, wenn sie bei ihrer Kleidung bestimmte Materialien nicht ertragen können oder beim Essen Probleme mit einer bestimmten Konsistenz haben. Dazu kommt, dass sie Stress jeglicher Art (flackernde Lichter, laute Geräusche, starke Gerüche, Kälte und Wärme, Hunger und Durst usw.) schnell an ihre Grenzen bringt.

Das alles kommt Ihnen bekannt vor? Machen Sie den Test von Elaine N. Aron und prüfen Sie, ob Ihr Kind vielleicht auch zu den hochsensiblen Menschen gehört. 

 Psychotest Ist mein Kind hochsensibel?

Machen Sie hier den Test der amerikanischen Psychologin Elaine N. Aron und finden Sie es heraus.


Tipps für Eltern hochsensibler Kinder


„Hochsensibilität hat Licht- und Schattenseiten, aber keinesfalls ist es eine Krankheit sondern ein besonderer Wesenszug, der nicht behandlungsbedürftig ist, sondern mit dem es gilt in passender Weise umzugehen, um seine Vorteile nutzen zu können....”

von Petra Tomschi

Zugegeben, das Leben mit hochsensiblen Kindern ist nicht immer einfach. Denn weil sie empfindlicher auf vieles reagieren, können sie schnell quengelig und auch mal sehr anstrengend werden. Aber: „Das Leben mit Hochsensibilität ist kein Problem, dem man ausgeliefert ist, sondern eine Aufgabe, die man anpacken kann“, sagt die Münchner Psychologin. Eltern können sich und ihren Kindern das Leben leichter machen, wenn sie die besonderen Bedürfnisse ihres Kindes akzeptieren und respektieren – statt diese Andersartigkeit zu ignorieren, oder schlimmer noch, irgendwie beseitigen zu wollen.

Eine simple Strategie sollte zum Beispiel heißen: Rituale und Regeln schaffen. Eine feste Struktur gibt den Kindern Sicherheit und hilft ihnen dabei, die für sie gefühlt chaotische Welt zu ordnen. Ein weiterer Tipp der Psychologin: Zeit und Platz für Ruhepausen einräumen: „Der Kindergarten- oder Schultag mit all den Kindern und Eindrücken ist für ein hochsensibles Kind schon maximal anstrengend. Da muss man es auch einfach mal runterkommen lassen.“ Der Nachmittag sollte also nicht mit Freizeitaktivitäten durchorganisiert sein, sondern den Kindern insbesondere dazu dienen, sich zu erholen.  „Von allem weniger: weniger Spielzeug, weniger Fernsehen, weniger Computer, weniger Besuch, weniger Aktivität, weniger Beschallung.“, fasst es die Expertin zusammen. Denn alle Eindrücke, die auf das Kind einprasseln, muss es auch verarbeiten.  Und wenn es das möchte, dann sollte es auch mal ganz für sich allein sein können. 

Das heißt aber nicht gleichzeitig, dass Freizeitaktivitäten, die zwangsläufig mit lauten Geräuschen, vielen Menschen usw. einhergehen, nun ganz aufgegeben werden müssen. Rücksicht nehmen ja, abschotten nein! Petra Tomschi rät ausdrücklich davon ab, das Kind in Watte zu packen: „Wenn man Kinder überhütet, ist das auch der falsche Weg. Dann finden sie sich nicht zurecht in der Welt, die nun mal so ist, wie sie ist. Besser ist es, gerne auch gemeinsam mit dem Kind Strategien zu entwickeln, um es fit und stark fürs Leben zu machen.“

Wichtig in dem Zusammenhang: Eltern sollten die Warnsignale ihres Kindes kennen, wenn es eigentlich schon genug gesehen, gehört und gefühlt hat. Typische Signale dieser Art sind zum Beispiel Quengeln, Jammern, Klammern oder wenn das Kind plötzlich sehr still wird. Spätestens jetzt sollte es heißen: Pause!

Bei starken Reaktionen, wie Wutanfällen oder Weinkrämpfen, hilft es, dem Kind Entscheidungen abzunehmen, statt es vor weitere zu stellen („Ja oder nein, was möchtest du denn jetzt?“). Sagen Sie klar und deutlich aber ohne zu schimpfen, was Sie jetzt tun werden, um die Situation aufzulösen. „Tun Sie das, was Ihr Kind in dem Moment nicht kann: sich konzentrieren und fokussieren. Übernehmen Sie die Regie und bringen Sie wieder Struktur in das Ganze“, rät die Expertin.

Schlussendlich gibt es kein Patentrezept dafür, was hochsensible Kinder brauchen und wovor sie geschützt werden müssen. Sie werden mit der Zeit selbst herausfinden, was Ihrem Kind gut tut und was nicht. Einfach so, wie Eltern von nicht-hochsensiblen Kindern das auch tun. Und falls Sie doch mal an Ihre Grenzen stoßen oder sich einfach unsicher fühlen, dann zögern Sie nicht, sich Tipps und Rat von Experten wie Petra Tomschi und ihren Kollegen zu holen.





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