Haben Lügen immer kurze Beine?

Wenn Kinder die Unwahrheit sagen, stellt das Eltern auf eine Probe. Unsere Expertin
gibt Entwarnung: Schwindeleien gehören zur kindlichen Entwicklung dazu.


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Kind lügt

"Das war ich nicht!"


© iStock
Und dann kam es doch raus: Die Süßigkeiten hatte Tobi (9) nicht von Lukas geschenkt bekommen, sondern am Kiosk gekauft. Und zwar von dem Geld, das ihm seine Mutter für die Klassenkasse mitgegeben hatte. „Ein paar Wochen später fand ich in Tobis Schulranzen eine Mitteilung von seinem Klassenlehrer, doch bitte endlich den Beitrag zu zahlen. Nach einigen Nachfragen gestand Tobi. Ich war fassungslos“, erzählt Tobis Mutter.

Verständlich: Eine Lüge verletzt. Besonders die des eigenen Kindes. Und natürlich steht sofort die Frage im Raum: Haben wir etwas falsch gemacht? Warum lügt unser Kind? Schließlich heißt es schon im Achten Gebot: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden.“ Und Wahrheit gilt zu Recht als hohes Gut in unserer Kultur. Die Psychologin Dr. Angelika Faas gibt dennoch Entwarnung: „Kein Kind wächst auf, ohne gelegentlich seine Eltern anzuschwindeln. Das ist normal.“ Zudem: Lügen ist eine kreative Leistung. Nur wer sein Gegenüber richtig einschätzt und ihm eine plausible Story auftischt, kann erfolgreich schwindeln. Und nur mit emotionaler Intelligenz, Sprachgefühl und Fantasie gelingt die Lüge. Deshalb ist die Fähigkeit zur gewollten Unwahrheit ein großer Schritt in der Entwicklung eines Kindes. Ab etwa fünf Jahren lernen sie langsam, immer besser zwischen wahr und unwahr zu unterscheiden.

Wenn Kinder flunkern, sind sie leicht zu durchschauen


Einen Lügendetektor braucht man aber trotzdem noch nicht, um zu erkennen, ob gerade geflunkert wird. Ein Blick genügt. Kindern gelingt es noch weniger als uns Erwachsenen, beim Schwindeln auch Stimme, Mimik und Körperhaltung zu kontrollieren. Vier sichere Anzeichen:

➤ Beim Lügen wird die Stimme höher und schriller. Die Kinder reden entweder betont langsam und deutlich oder ungewöhnlich schnell.
➤ Sie plinkern mit den Augen und sind zappelig.
➤ Sie beschreiben ungewöhnlich ausufernd und umständlich die Situation.
➤ Sie sind besonders zuvorkommend und versuchen, vom eigentlichen Thema abzulenken.
Die Furcht vor Konsequenzen verleitet zur Unwahrheit
Die Gründe, warum Kinder es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, sind vielfältig wie das Leben. Hinter der treuherzigen Behauptung einer Fünfjährigen: „Das war ich nicht“, steckt zum Beispiel eigentlich der Wunsch: „Ich will es nicht gewesen sein“ – wenn zum Beispiel gerade die teure Parfümflasche im Waschbecken zerklirrt ist. Und ein Achtjähriger schwört, seine neue Armbanduhr sei stehen geblieben, weil er sich einfach nicht vom spannenden Spiel mit den anderen losreißen konnte. Ein Zehnjähriger fühlt sich von der sprachlichen Übermacht seines Vaters so in die Enge gedrängt, dass er irgendwann sagt: „Ich war gar nicht dabei“ – nur damit das väterliche Kreuzverhör über die zertrümmerte Scheibe im Nachbarhaus endlich ein Ende hat.

Angst vor Strafe ist für Kinder eine häufige Motivation, an der Wahrheit ein bisschen herumzuschrauben. Allerdings sagt Angelika Faas: „Wenn Kinder sehr häufig bewusst und faustdick lügen, sollten Eltern auch ihr eigenes Verhalten überdenken: Muss mein Kind oft mit sehr strengen Strafen rechnen? Aber auch: Lebe ich vielleicht vor, dass man mit Lügen bequem durchs Leben kommt?“ 

Wann Kinder zwischen Dichtung und Wahrheit unterscheiden können
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    Vorschulalter: kreative Zauberer

    Kindergartenkinder haben eine magische Realitätswahrnehmung. Wirklichkeit und Fantasie verschwimmen. Wissenslücken werden kurzerhand mit Ausgedachtem gestopft – ein kreativer und natürlicher Vorgang.

    Das können Eltern jetzt tun:

    Vorbild sein und sich eindeutig verhalten. Am Telefon verleugnen lassen? Lieber nicht. Notlügen können Kinder jetzt noch nicht verstehen.

    Förderlich:
    Spiele wie etwa „Verkehrte Welt“, bei dem zehn Minuten die Unwahrheit gesagt
    werden muss.

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    Grundschulalter: kleine Lügenbarone

    Kinder können nun recht gut Fantasie und Realität unterscheiden. Aber sie identifizieren sich mit Helden und Vorbildern. Dazu gehört, dass sie kräftig dazuerfinden, fabulieren und übertreiben. Und gelegentlich schwindeln sie bewusst, um Strafen zu entgehen.

    So reagieren Eltern richtig:
    Sie sollten ihre Kinder behutsam mit ihren „Wahrheitsverbiegungen“ konfrontieren: „Das kommt mir jetzt aber sehr, sehr merkwürdig vor“.

    Wichtig:
    Niemals sollten Eltern generalisieren oder gar den Stab brechen: „Du lügst ja immer!“

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    Pubertät: clevere Taktiker

    Was wahr ist und was nicht, wissen Teenies genau – nur fehlt manchmal der Weitblick, die Konsequenzen von Lügen abzusehen. Schwindeln dient jetzt auch oft dem Schutz der Privatsphäre.

    So gehen Eltern damit um:
    Moralische Empörung ist wenig hilfreich. Eltern sollten stattdessen mit ihren Kindern verbindliche Verträge schließen, wann Ausreden und Schwindeleien absolut tabu sind.

    Wichtig:
    Immer wieder mit ihnen über Höflichkeit, Offenheit, Diskretion und Ausreden diskutieren.



Manche Lüge ist bloß eine gutgemeinte Ausrede
Kinder sind gelegentlich auch einfach sehr feinfühlig und wollen die Gefühle der anderen nicht  verletzen. Und so wird Omi dann vorgeflunkert, man müsse unbedingt zur Chorprobe. Einfach, weil man ihr so ungern sagen möchte, dass es schrecklich langweilig bei ihr ist. Und für Teenies ist es manchmal geradezu unumgänglich, Dinge zu verschweigen. Schließlich ist für sie alles so schwierig, so peinlich, so neu, dass sie ganz viel Privatsphäre brauchen – und garantiert keine Eltern, die im Detail nachfragen.

„Ausreden sollten auch mal toleriert werden“, sagt Angelika Faas. „Auch Kinder haben das Recht, Dinge zu verheimlichen und für sich zu behalten“, so die Psychologin. Kinder hart für Flunkereien zu bestrafen, führe keinesfalls zumehr Wahrheitsliebe, sondern eher dazu, dass sie noch mehr  verschweigen. „Man sollte Kinder immer ihr Gesicht wahren lassen. Mit etwas Feingefühl gelingt es in der Regel, die Kinder auf ihre Flunkerei hinzuweisen und ihnen trotzdem ein Schlupfloch zu lassen, die Sache wiedergutzumachen“, sagt Angelika Faas.

Ein Beispiel: Sie sind sich eigentlich ziemlich sicher, dass Ihr Kind nicht die Zähne geputzt hat? Statt es an den Pranger zu stellen, ginge es auch so: „Ich putze mir auch mal eben die Zähne, willst du mir vielleicht Gesellschaft leisten?“ Meist wird das Kind die Chance nutzen, unbemerkt wieder auf den Pfad der Wahrheit zurückzukehren. Und manchmal wollen Kinder mit Schwindeleien einfach auch nur herausbekommen, ob Mama und Papa tatsächlich so allwissend und superschlau sind, wie sie tun. Und sie sind höchst befriedigt, wenn ihr experimenteller Ehrgeiz ergibt: nein!

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Eltern schwindeln nie? Von wegen!

Und dann ist da noch die Sache mit der Höflichkeit: Spätestens, wenn wir von unseren Kleinen verlangen, das scheußliche Geschenk von der Nachbarin zumindest mit einem Dankeschön zu quittieren, und nicht gleich zu blöken: „So was will ich aber nicht!“, fordern wir unsere Kinder explizit auf, nicht die Wahrheit zu sagen und es uns nachzutun. Denn die Wahrheit ist: Wir lügen ständig. Unter dem Deckmantel von Rücksicht und Höflichkeit loben wir trockene Puffer, finden eigentümliche Haarfarben „doch, irgendwie originell“ und stehen am Telefon angeblich eilig in der Haustür, obwohl wir alle Zeit der Welt haben. Wir umschiffen mit Schwindeln und kleinen Unwahrheiten Konflikte und Streit. Wir verschweigen Details, um komplizierte Erklärungen zu vermeiden und jemandem eine Kränkung zu ersparen. Aber wie vermitteln wir das unseren Kindern? Wie bekommt man den Spagat hin, dass der Nachwuchs wahrheitsliebend und gleichzeitig höflich ist?

Wenn Vierjährige mit wissenschaftlichem Interesse detailliert die körperlichen Gebrechen anderer Fahrgäste in der U-Bahn beschreiben – „Mami, der Mann hat nur ein Bein“ – möchte man vor Scham versinken und würde gern auf ihre Ehrlichkeit verzichten. Jedenfalls bis zur nächsten Haltestelle. Was hilft? Die Erklärung, dass andere Menschen es nicht mögen, wenn man sie anstarrt und über sie  spricht. Das ist für Vierjährige zwar nicht immer einfach zu verstehen, aber ein Anfang.
Das beste Mittel gegen Lügen ist Vertrauen
„So wichtig die Wahrheit ist, Kinder müssen auch lernen, dass eine Lüge Selbstschutz sein kann, und welchen Sinn Privates und Diskretion haben. Zu viel Offenheit macht schließlich angreifbar“, sagt die familie&co-Expertin Angelika Faas. Sie hat übrigens noch einen guten Tipp für Eltern: „Je mehr Sie Ihren Kindern vertrauen, desto weniger werden Sie belogen. Das erfordert Mut, aber Kinder belohnen ihre Eltern dafür langfristig – mit Ehrlichkeit.“

(von Almut Siegert / erschienen in der familie&co 09/2016)

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