Wie Kinder lernen Ordnung zu halten

Kinder haben meist ganz eigene Vorstellungen was Ordnung und Aufräumen angeht. Eltern sollten ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen - manchmal aber auch beide Augen zudrücken.


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Ordnung halten im Vorschulalter, geht das?


Wie bringt man ein Kind, das sich im Chaos wohlfühlt, zum Aufräumen? Das hängt vom Alter ab, weiß die Diplom-Psychologin Dr. Veronika Voss.


Ordnung halten: Kleinkind


© Thinkstock
Kleinkinder können ihr Zimmer nicht allein aufräumen, selbst dann nicht, wenn sie es wollten. Denn erst müssen sie lernen, wie Ordnung funktioniert. „In den ersten Lebensjahren sind Kinder voll damit beschäftigt, in einer verwirrenden Welt Strukturen zu erkennen und nachzuahmen.“, erklärt Dr. Veronika Voss. Um zu verstehen, was die Psychologin meint, muss ich nur unserem Nachbarskind Janna (2) beim Spielen über die Schulter schauen: Ihr absolutes Lieblingsspiel ist ein Würfel, bei dem eckige Klötze in eckige Löcher und runde Klötze in runde Löcher gesteckt werden sollen. Was gehört wohin? Aufräumen ist im Prinzip nichts anderes, als für jeden Klotz das richtige Loch zu finden. Auch hier muss Gleiches zu Gleichem gelegt, Spielzeug nach Farbe, Form, Größe oder Zweck sortiert werden.

Das Allerwichtigste ist, Kindern unaufgeregt eine gewisse Ordnung vorzuleben. Die Kunst des Sortierens, die lernen sie notfalls auch ganz nebenbei beim Spielen. Damit die Kinder den Spaß an der Sache behalten, können Eltern einiges tun:

•  Nicht zu penibel sortieren. Lieber wenige große Kisten aufstellen als viele kleine.
•  Alles muss einen eindeutigen Platz haben.
•  Die Spielzeugmenge überschaubar halten.
•  Klare Aufgaben formulieren.
•  Fotos vom Inhalt auf die Kisten kleben.
•  Erklären, was man gerade tut: „Sieh mal, den Kran lege ich in die Autokiste.“

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Ordnung halten im Schulalter

Mit fünf bis sechs Jahren wissen die meisten Kinder, wie Aufräumen funktioniert. Doch einfach die Ordnung der Eltern nachahmen finden sie blöd. Lieber entwickeln sie eigene Ideen, wie sie ihre Siebensachen sortieren. Eltern sollten das fördern. Kopfschüttelnd zusehen, wenn die Stocksammlung einen Stammplatz auf dem Schreibtisch kriegt, das müssen sie jedoch nicht. Bei Grundschülern ist Aufräumen nämlich Absprachesache: Wie oft wird aufgeräumt? Einmal pro Woche? Wann wird aufgeräumt? Was ist überhaupt ein aufgeräumtes Zimmer? Und: Wo haben die Dinge ihren Platz? Möglichst viele Feinheiten sollten geklärt sein.

Und wenn man sich gar nicht einigen kann? Dr. Voss empfiehlt in diesem Fall: „Zunächst sollten die Eltern prüfen: Sind wir vielleicht etwas zu pingelig? Und im Zweifelsfall toleranter sein. Für die Entwicklung der Kinder ist es wichtig, möglichst früh vieles nach dem eigenen Geschmack regeln zu dürfen. Das dient dem Erziehungsziel, das alle Eltern haben: Dass ihr Kind ein selbstständiger Mensch wird, der sich frei entwickelt und entfaltet. Und die Energien nicht darauf verschwendet, eine von außen antrainierte Ordnung herzustellen.“

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Klingt gut. Was aber, wenn eine Vereinbarung getroffen wurde und die Kinder sich trotzdem nicht dran halten? Die Expertin rät zur Konsequenz. Also: nicht eigenhändig die Spielsachen vom Fußboden klauben, sondern darauf bestehen, dass es erledigt wird. Schnell selber machen ist einfacher, als lange zu diskutieren. Aber sinnvoll ist es nicht. Denn, so Dr. Voss: „Das Kind muss Aufräumen jetzt als seine eigene Sache begreifen.“ Für Eltern heißt das: sich zurücknehmen und den Nachwuchs machen lassen. Etwa so: „Wir hatten doch vereinbart, dass du heute aufräumst.“ „Ich bin eben fast auf die Kassette getreten, heb sie lieber auf, bevor sie kaputtgeht.“ „Gut, bis übermorgen kann die Burg stehen bleiben. Dann räumst du sie bitte weg.“ 
Ordnung - ein Problemfall in der Pubertät

Ordnung halten: Teenager


© Thinkstock
Bei den meisten Kindern ist jetzt Chaos angesagt. Meckern, Sticheln und Nörgeln - nichts davon nützt. Und nichts davon wird von den Experten empfohlen. Die Eltern sollten sich einfach raushalten, soweit es irgendwie geht - aus dem Thema und aus dem Zimmer. Sie müssen es aushalten, wenn teure CDs auf dem Boden liegen, das Bett nicht gemacht wird und der Schrank lieblos voll gestopft ist. „In der Pubertät lernen Kinder, völlig eigene Strukturen zu schaffen“, erklärt die Psychologin. „Sie wollen sich ausprobieren und gegen die Eltern abgrenzen. Das muss sein, damit sich ihre Persönlichkeit formt. Wenn das Kind erst wieder Fuß fasst, relativiert sich alles.“

In der Zwischenzeit bleibt den Eltern nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass die bisherige Erziehung nicht spurlos am Kind vorbeigegangen ist. Und auf einige Minimalforderungen in Sachen Ordnung und Aufräumen zu bestehen:

•  Im gemeinsamen Wohnraum gelten gemeinsame Regeln: Küche & Bad müssen
    so ordentlich sein, dass sich alle wohl fühlen.
•  Ein Mindestmaß an Ordnung auch fürs Kinderzimmer vereinbaren. Zum Beispiel:
    Ein Durchgang zum Fenster bleibt frei, damit man lüften kann.
•  Wenn jemand sich gestört fühlt, muss das Kind etwas ändern. Ebenso, wenn es
    sich durch seine Unordnung selbst schadet, bspw. Schulhefte nicht findet.

Wie man sieht: Aufräumen ist in jedem Alter anders. Das Argument, mit dem man Kinder für eine gewisse Ordnung erwärmen kann, ist jedoch immer dasselbe: Nicht weil ein ordentliches Zimmer schön aussieht. Nicht weil Ordnung angeblich das halbe Leben ist. Sondern einzig und allein: Weil es richtig praktisch ist, Dinge ganz schnell finden zu können! Wer ordnet, der findet. 
So klappt's mit dem Aufräumen bei Ihrem Kind: 6 Tipps
•  Der Stauraum muss gut erreichbar sein.
•  Das Kind in Entscheidungen einbeziehen: Was meinst du, ist diese Jeans schon
    reif für die Wäsche?
•  Eltern können Tipps und Hilfe anbieten, dürfen sich aber nicht aufdrängen.
•  Nicht mit Belohnung locken: Das Kind soll aufräumen, weil es das Leben
    leichter macht. Nicht um ein Eis zu bekommen.
•  Jedes Kind braucht einen Bereich, wo es auf seine Art Ordnung halten kann.
    Und wenn's nur eine eigene Schublade ist.
•  Oft entwickeln Kinder abgefahrene Aufräumideen, die sich mit den eingefahrenen
    Vorstellungen der Erwachsen beißen - und trotzdem Sinn machen. Oder gerade
    deshalb. Hinhören lohnt also!

Interview mit Prof. Peter Struck, Erziehungswissenschaftler an der Uni Hamburg
  • 1 / 5

    Familie&Co:
    Zeigen ordentliche Kinder in der Schule die besseren Leistungen?

    Prof. Struck:
    So grundsätzlich kann man das nicht sagen - der Zustand des Kinderzimmers hat keinen Einfluss auf die Schulleistungen. Wesentlich ist, dass die Schultasche vollständig gepackt ist und die Hausaufgaben erledigt werden. Denn das hat auf jeden Fall Einfluss auf die Schulleistungen.

  • 2 / 5

    Familie&Co:
    Ordnung oder Chaos im Kinderzimmer - das ist also nur oberflächlich von Bedeutung?

    Prof. Struck:
    Nein, es gibt ganz wesentliche Unterschiede im Charakter. Denn so, wie es im Kinderzimmer aussieht, so sieht es auch im Kopf des Kindes aus.

  • 3 / 5

    Familie&Co:
    Ach je! Alles geht durcheinander, das klingt ja gar nicht so gut….

    Prof. Struck:
    Es muss aber nicht schlecht sein! Wem 1000 Dinge durch den Kopf schwirren, der kann es als Herausforderung betrachten, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

  • 4 / 5

    Familie&Co:
    Und das ist dann genial?

    Prof. Struck:
    Im Idealfall ja! Chaos fördert in der Regel die Kreativität. Es begünstigt Leistungen in Kunst, Musik, Fremdsprachen und ähnlichen Fächern. Berühmte Philosophen haben meistens unordentliche Arbeitszimmer.

  • 5 / 5

    Familie&Co:
    Also sind chaotische Kinder die Geistesgrößen von morgen und wir ihre glücklichen Eltern?

    Prof. Struck:
    Zu früh gefreut! Die komplett chaotischen Kinder sind nämlich meist auch in der Schule schlecht. Theoretisch könnten sie oft in der Mehrheit der Fächer gut sein. Sie sind es aber nicht, weil sie nie dabei haben, was sie gerade brauchen. Ein bisschen Unordnung ist gut, ein Mindestmaß an Ordnung aber sollte jedem Kind abverlangt werden.






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