Wie ist es fürs Kind, wenn die Eltern im Rollstuhl sitzen?

Martina Henschelchen ist selbst nicht gehbehindert – und doch weiß sie genau, was es heißt. Solange sie denken kann, sitzen sowohl ihre Mutter als auch ihr Vater im Rollstuhl. familie.de erzählt die heute 33-Jährige, wie sie diese spezielle Situation zusammen mit ihrem Bruder erlebt hat.


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familie.de: Frau Henschelchen, warum sitzen Ihre Eltern beide im Rollstuhl?
M. Henschelchen:  Meine Mutter hatte mit elf Jahren Polio, also Kinderlähmung. Mein Vater ist mit 14 Jahren mit einem Pferdefuhrwerk verunglückt und ist seitdem querschnittsgelähmt. Mein Bruder und ich kannten unsere Eltern also nicht anders.


Wenn Eltern eine Behinderung haben


© privat

Heißt das, Sie haben die Situation zu Hause als ganz normal empfunden?

Auf jeden Fall habe ich meine Kindheit als sehr schön erlebt. Meine Eltern haben sämtliche Hürden gemeistert, ohne dass wir das mitbekommen hätten. Wir waren mobil, hatten zwei Autos, die auf Handgas und -bremse umgebaut waren. Auch das Haus haben meine Eltern behindertengerecht bauen lassen, so dass wir uns ohne Probleme zu Hause bewegen konnten.

Wie lief der Alltag ab?
Mir sind keine Probleme in Erinnerung. Zuerst war meine Mutter zu Hause, dann ist mein Papa in EU-Rente gegangen und war ab dann bei uns Kindern. Somit hatten wir sogar den Luxus, immer ein Elternteil zu Hause zu haben.

Ok! Aber Wickeln, Baden, Spazierengehen – das sind körperlich anspruchsvolle Aufgaben. Wie geht das mit Handicap?

Wenn Eltern eine Behinderung haben


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Mein Papa ist ein alter Tüftler, der hat immer alles optimiert. Gewickelt wurden wir auf einer selbstgebastelten Unterlage auf der Badewanne. Anstelle eines Kinderwagens hatte mein Papa für den Rollstuhl eine Vorrichtung gebaut. Darin wurden wir mit der Liegeschale gefahren. Als wir dann größer waren, sind wir auf dem Arm oder Schoß meiner Eltern, oft auch auf den Fußstützen des Rollstuhls, mitgefahren. Das war für uns Kinder eher aufregend, als ein Nachteil!

Und wie war es in der Schule oder mit Hobbys?
In die Schule sind wir zu Fuß gegangen. Das war unproblematisch. Es gab kein Hobby, dem wir nicht nachgehen durften. Meine Eltern haben mich zum Schlittschuhlaufen gefahren, später auch in den Reitstall oder zum Musikunterricht. Außerdem haben wir viele Radtouren gemacht, und Spaziergänge in den Bergen auf Wegen, die befestigt waren. Baden am See war auch kein Problem. Wir waren immer an einem Behinderten-Badeplatz. Und was meine Eltern nicht mit uns machen konnten, wie Bergtouren oder Skifahren, da durften wir bei Freunden dabei sein. Skifahren haben wir im Skikurs gelernt.

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Warum sehen wir eigentlich nie Eltern im Rollstuhl auf der Straße? Und wie bewältigt eine gehbehinderte Frau die körperlich anspruchsvolle Aufgabe einer Mutter?


Wie habt ihr die Ferien verbracht?
Wir sind klassisch nach Italien gefahren und haben uns in Bungalows eingemietet. Geflogen sind wir auch mal. Da war ich allerdings schon 12 oder 13.

Das hört sich ja alles ganz normal an. Waren Sie nicht auch mal neidisch auf andere Kinder?
Ich kann mich daran erinnern, dass mich mein Papa gefragt hat, ob ich mich schäme, weil meine Eltern im Rollstuhl sitzen. Ich kam da gerade in die Schule und hab geantwortet: Nein, warum denn? Ist doch nicht schlimm. Wir kriegen immer einen Parkplatz direkt vor der Tür! Von meinen Freundinnen die Papas hatten einen dicken Bauch oder wenig Haare. Meiner hat mir da schon besser gefallen. Der hat nur krumme Zehen. Nein, ehrlich: Ich kann mich nicht erinnern, dass uns was gefehlt hat. Wir waren ganz normale Kinder, eine ganz normale Familie. Vielleicht mussten wir etwas früher Verantwortung übernehmen und haben schon früher gelernt, dass wir auf unsere Eltern hören müssen.

Heute hat Martina selbst zwei kleine Kinder.

Heute hat Martina selbst zwei kleine Kinder.


© privat


Was heißt das genau?
Mein drei Jahre älterer Bruder hat mir schon früh geholfen, zum Beispiel, wenn er an der Raststätte mit mir aufs Klo gegangen ist. Überhaupt haben wir beide früh mitgeholfen, haben den Rollstuhl ein- und ausgeladen, den Müll rausgebracht oder für unsere Eltern im Keller was geholt.
 
Inzwischen haben Sie selbst zwei Kinder. Merken Sie einen Unterschied zu Ihrer Kindheit?
Meine Kinder sind noch recht klein, zweieinhalb Jahre und viereinhalb Monate. Mir fällt nichts auf, was anders wär als bei uns. Aber ich kann jetzt erst so richtig nachempfinden, was meine Eltern alles geschafft haben – ganz ohne Großeltern und Kinderbetreuung. Das bewundere ich! Heute ist es schön zu sehen, dass meine Eltern sich mit der gleichen Energie um ihre Enkel kümmern, wie sie sich immer um uns gekümmert haben. Ich glaube, nur jetzt – knapp 30 Jahre später – freuen sie sich auch auf Erholungsphasen. 

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